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Kolumne

«Ich meinti»: Wenn man die Pilze wachsen hört

Verstümmelte und niedergetrampelte Schwämme trüben die Freude mancher Pilzler. Gut, dass es im Kanton Obwalden Sammelvorschriften gibt. Die siebentägige Schonfrist zu Beginn des Monats verfehlt hingegen ihr Ziel.
Romano Cuonz
Romano Cuonz ist Journalist und Schriftsteller aus Sarnen.

Romano Cuonz ist Journalist und Schriftsteller aus Sarnen.

Im Spätsommer kann ich es jeweils kaum erwarten, dass der erste grosse Regen kommt. Wenn dann – im August oder September – in der Nacht grosse Tropfen aufs Dachfenster prasseln, unaufhaltsam und rhythmisch, sind dies für mich Trommelsignale aus den Wäldern. Im Traum sehe ich Hunderte Pilze. Alle hellwach und bereit, mit ihrer für uns weder sicht- noch hörbaren Explosionskraft den Erdmantel aus Nadeln und Blättern zu durchstossen. Aus ihrem langen Schattendasein hervorzutreten. Und dann habe ich sie alle vor dem träumenden Auge: stämmig und fleischig stehen sie da. Manchmal sind sie hässlich, meistens aber schön. Gewölbt, keulenförmig, warzig, plump, flockig, mit Sporen, Scheiden und Lamellen.

Ich gestehe unumwunden: Das «Pilznä» ist eine meiner grossen Leidenschaften. Seit nunmehr 30 Jahren notiere ich in Schulhefte jeden Pilz, den ich sammle: den Namen, das Pflückdatum und sogar den Sammelort. Wobei: der Ort wird selbstverständlich verschlüsselt wiedergegeben. Soll ja «top secret» bleiben! Doch, um ehrlich zu sein: so ganz geheim wie ich es gerne hätte, ist nicht einmal mehr der entlegenste Winkel in Obwaldens Bergwäldern. Zu dieser ernüchternden Erkenntnis gelangt ein Pilzler spätestens, wenn er in «seinem» Revier verstümmelten, niedergetrampelten Schwämmen begegnet.

Leider gibt es viele Sammler, die ausschliesslich den Steinpilz und das Eierschwämmchen kennen. Dass sie dabei viele andere Pilze, denen sie begegnen– ich weiss nicht, ob nur achtlos oder gar zum Trotz –ausreissen und zertrampeln ist für mich ein Ärgernis, das Jahr für Jahr wiederkehrt. Der erfahrene, alte Mykologe, der mich und meine Kinder «pilznä» lehrte, ging genau umgekehrt vor. Zuerst stellte er uns – soweit wir sie überhaupt fanden – die giftigen oder ungeniessbaren Pilze vor: Knollenblätterpilz, Fliegenpilz, Pantherpilz, Satanspilz oder auch Gallenröhrling. Dabei beschwor er uns, sie einfach stehen zu lassen. Auch sie nähmen in der Natur wichtige Funktionen wahr. Erst als wir die Ungeniessbaren genau kannten, zeigte er uns die Guten. Einen nach dem andern. Und gab uns dabei einen weiteren wichtigen Tipp. Sagte: den wunderbaren, so delikat aromatischen Duft und Geschmack unserer Wälder könnten wir nur geniessen, wenn wir ins Sösschen – neben den beiden «Platzhirschen» – auch weniger dominante Pilze mischen würden: Maronenröhrling, Rehpilz, Perlpilz, Semmelstoppel, Totentrompete, Zigeuner und, und, und …

Dass zum Schutz der Schwämme – und vor allem auch dafür, dass nicht bloss ein paar wenige, gierige «Pilzler» in ihren Genuss kommen – Sammelvorschriften erlassen wurden, ist gut. Ja notwendig! Nur eine 1997 auch von Obwalden erlassene Regelung macht wenig Sinn: nämlich die Schontage vom 1. bis und mit 7. Tag jeden Monats. Mykologen wissen heute, dass Sammeln von Pilzen über die volle Saison – ganz im Gegensatz etwa zum Klimawandel, zu Viehtritt oder forstbaulichen Eingriffen – kaum einen Einfluss auf ihren Fortbestand hat. Wollte man aber mit dieser Vorschrift dem Wald und dem Wild zu etwas Ruhe verhelfen, wären zwei Schontage pro Woche wesentlich effizienter. Wie man mit einer Schonwoche genau das Gegenteil erreicht, wird wohl am Sonntag – am berühmten achten Tag – wieder sichtbar. Hunderte Autos auf allen Waldwegen. Gierige, oft lärmige einander auf die Füsse tretende Sammler auf Schritt und Tritt. Und: ufem Jänzigrad säid ä Luzärner Pilzler zumä Zircher Pilzler uberne Obwaldner Pilzler: Lue! Doo esch de Soucheib, wo eusi Pöuz chlaud!

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