Nidwaldner Theater: Was Babuschkas mit psychischer Gesundheit zu tun haben

Für die Kampagne zur Förderung der psychischen Gesundheit hat Franziska Schmid das Stück «Box Box Babuschka» geschrieben. Es handelt von fünf Akteuren, die sich bei Proben für Shakespeares Sommernachtstraum aus der Box, in der sie gefangen sind, hinaus boxen sollen.

Romano Cuonz
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Bärti Müller kann sich von der verrückten Welt des Don Quijote nicht lösen. (Bild: Romano Cuonz, Stans, 5. September 2019)

Bärti Müller kann sich von der verrückten Welt des Don Quijote nicht lösen. (Bild: Romano Cuonz, Stans, 5. September 2019)

«Box Box Babuschka» lautet der Titel eines Stückes von Franziska Schmid, das im Stanser Beinhaus uraufgeführt wird: Babuschkas – ursprünglich Matrjoschkas geheissen – sind aus Holz gefertigte, bunt bemalte eiförmige Puppen, die sich ineinander schachteln lassen. Wenn die Stanser Autorin und Regisseurin ein Auftragswerk eigens für die Kampagne zur Förderung der psychischen Gesundheit mit der Babuschka in Verbindung bringt, hat sie dafür triftige Gründe. Sie selber sagt es so: «Süchte, die einen gefangen nehmen, psychisch verletzen, legen sich oft wie Hüllen um den inneren Kern eines Menschen.» Und um den Versuch einer eifrigen Regisseurin, ihre verknöcherte Truppe aus einverleibten Rollen zu befreien, geht es im parabelhaften Spiel.

Ja, die fünf Akteurinnen und Akteure sollen sich bei Proben zu Shakespeares Stück «Ein Sommernachtstraum» aus der Box, in der sie offenbar hilflos gefangen sind, hinaus boxen. Sollen turbulent agierend eine «Babuschka-Schicht» nach der andern ablegen, um ihren ewig gleichen Rollen doch endlich entfliehen zu können.

Frage um «Sein oder Nichtsein»

Allein schon der düster gestaltete und beleuchtete Raum im unteren Beinhaus, den Bühnenbildner Heini Gut mit wenigen, sorgsam ausgesuchten Requisiten noch beengender werden lässt, ist dazu geeignet, dass das Publikum sich schon vor dem ersten Auftritt und den ersten Tönen an Hamlets berühmte Monologworte erinnert: «Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage.» Und diese Frage steht denn auch auf der Bühne gleich im Mittelpunkt. Niemand mag sich so recht auf Pyramus und Thisbe einlassen. Die junge Regisseurin (von Dunja Keiser glaubhaft verzweifelt gemimt) hat ihre liebe Mühe. Immer wieder werden die Akteurinnen und Akteure von ihren früheren Paraderollen eingeholt.

Zuerst erscheint Seppi Blättler (ganz und gar in seinem theatralischen Element) als voll Verzweiflung nach dem Sinn des Lebens suchender Gelehrter Faust. Obwohl er so ziemlich alle Wissenschaften – und leider gar auch Theologie – studiert hat, dreht er sich im Kreise. Bis er sich – sehr bildhaft dargestellt – mit dem an der Leine ziehenden Pudel dem Abgrund nähert. Heidi Odermatt (eindrücklich kämpferisch) rennt samt Trikolore verbissen und pflichtversessen gegen die Feinde aus England, was schliesslich zu einer tiefen inneren Zerrissenheit führt. Tide Zihlmann, der eigentlich Thisbe spielen sollte, wechselt (beeindruckend hypochondrisch nachgefühlt) zur berühmten von Prinz Hamlet erst einmal bloss vorgespielten Verrücktheit. Bärti Müller (mit Temperament und doch voll Traurigkeit) kämpft Don Quijotes aussichtslosen Kampf gegen Windmühlen, ohne zu merken, dass er in seiner eigenen Fantasie gefangen ist. Karin Dürr als ursprünglicher Pyramus wandelt sich (fast beängstigend realistisch gespielt) in Lady Macbeth, die sich von ihrer Schuld in den Wahnsinn treiben lässt. Paraderollen des Welttheaters! Und jeder dieser berühmten Charaktere steuert unaufhaltsam auf eine psychische Abhängigkeit, ja auf eine Störung zu.

Wenn sich die sechs Agierenden im Marschtrott im Kreise bewegen und drehen, wenn skurrile Szenen, wirre Kämpfe und Konfusionen die Bretter beherrschen, übernimmt die Musik Regie und Spiel. Sound und Rhythmen, die Christof Stöckli (Komposition und Schlagwerk) und Niko Zihlmann(Gitarre) beisteuern, sind mehr als nur Begleitwerk. Gehören sogar zum Besten bei dieser Aufführung. Die Musiker setzten immer dort ein, wo Stimmen verstummen. Am Ende der Aufführung finden übrigens auch Spielerinnen und Spieler, dank einer virtuos irren Ratschlagmaschine, zu einem freien Dasein zurück. Thisbe und Pyramus aber küssen sich durch den berühmten Spalt in der Wand, und als Zuschauer fragt man sich schliesslich: Ist dies nun ein Drama oder doch ein komödiantisches Happy End?

Hinweis: Box Box Babuschka, ein Theaterstück von Franziska Schmid. Unteres Beinhaus in Stans 7., 8., 13., 14., 18., 20. und 21. September um 20 Uhr.