Konzernverantwortungs-Initiative führt zu Disput über Magazin der Nidwaldner Reformierten

Der Kirchenrat stoppte die Verteilung des Heftes wegen geplanter Artikel. Er stellt den Redaktionsleiter frei, dieser spricht von Zensur.

Martin Uebelhart
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Zehnmal im Jahr erhalten die Mitglieder der Evangelisch-Reformierten Kirche Nidwalden die «Kirchen-News», laut Website ein Magazin für spirituelles Leben. Produziert wird es von einer unabhängig arbeitenden Redaktion unter professioneller Leitung, als Herausgeberin fungiert die Evangelisch-Reformierte Kirche Nidwalden.

Ende Oktober hatten die Kirchenmitglieder jedoch anstelle der neusten Ausgabe des Magazins einen Brief des Kirchenrats im Briefkasten. Darin drückt der Rat sein Bedauern aus, dass die Empfänger kein gedrucktes Exemplar der «Kirchen-News» erhielten. Der Kirchenrat habe sich in dem Beschluss klar positioniert, keine Artikel mit politischen Inhalten in der «Kirchen-News» abzudrucken. «Wir sehen unsere Zeitung als ein Informationsblatt über Aktivitäten und Veranstaltungen unserer Kirche und nicht als geeignetes Medium zur Verbreitung politischer Statements», steht in dem Schreiben. Das habe der Kirchenrat der Redaktion kommuniziert. Gleichwohl seien in der November-Ausgabe einige Artikel mit politischen Themen geplant gewesen. Trotz Anweisung, diese Artikel zu entfernen und durch andere Themen zu ersetzen, habe der Redaktionsleiter ohne Abstimmung mit der Redaktionskommission und dem Kirchenrat entschieden, diese Ausgabe praktisch unverändert in die Produktion zu geben. Darum sei dem Rat keine Alternative geblieben, als die Auslieferung der Zeitung zu stoppen.

Plakate gegen und für die Unternehmensverantwortungs-Initiative, die am 29. November an die Urne kommt.

Plakate gegen und für die Unternehmensverantwortungs-Initiative, die am 29. November an die Urne kommt.

Bilder: Florian Arnold (7. November 2020)

Pro und Contra zu Konzernverantwortungs-Initiative geplant

Die Absicht der Redaktion war, in der Ausgabe des Heftchens die Konzernverantwortungs-Initiative, die am 29. November an die Urne kommt, mit einem Pro- und Contra-Beitrag kontradiktorisch zu thematisieren. In der Onlineversion der November-Ausgabe, die jeweils nach dem Druck elektronisch versandt wird und unserer Zeitung als PDF vorliegt, war von diesen Beiträgen noch ein Hinweis auf die geplanten Autoren Katharina Boerlin von Kirche für Konzernverantwortung und dem in Hergiswil wohnhaften Christoph Mäder, Präsident von Economiesuisse, vorhanden. Ins Blatt gerückt wurde kurzfristig ein Artikel, in dem der Kirchenrat seine neutrale Haltung zu der Initiative begründete. Der Redaktionsleiter, der Hergiswiler Journalist Thomas Vaszary, machte die Kontroverse zwischen Redaktion und Kirchenrat transparent und schrieb zudem einen Meinungsartikel zum Thema Verantwortung.

Der Brief hat zu Reaktionen geführt, wie Wolfgang Gaede, Präsident des Kirchenrats, auf Anfrage bestätigt. «Diese waren ganz unterschiedlich», hält er fest. Es habe Leute gegeben, «die uns zu unserem Vorgehen beglückwünscht haben, andere haben ihr Unverständnis kundgetan.»

Reaktionen fallen unterschiedlich aus

Zu den Geschehnissen rund um die «Kirchen-News» sind bei unserer Zeitung Leserbriefe eingegangen. Delf Bucher aus Buochs – er arbeitet selbst bei der schweizweit grössten Publikation der Reformierten Kirche in Zürich – spricht von Zensur. «Die Konzernverantwortungs-Initiative ist ein grosses Thema in Kirchenkreisen und ich kenne kaum eine kirchliche Publikation in der Deutschschweiz, die sich nicht damit auseinandersetzt», sagt er im Gespräch. Hier werde die Pressefreiheit beschädigt, zumal es ein öffentlich zugängliches Redaktionsstatut gebe, in dem die Unabhängigkeit der «Kirchen-News»-Redaktion festgeschrieben sei.

Anders sieht dies Raphael Bodenmüller. Auch er hat einen Leserbrief geschickt und unterstützt den Kirchenrat in seiner Entscheidung, die Auslieferung des Magazins zu stoppen. Aus seiner Sicht gelte es, der Einflussnahme der Kirche auf die Politik Aufmerksamkeit zu schenken, hält er auf Anfrage fest. «Ich will nicht, dass bei Wahlen und Abstimmungen in der Kirche Propaganda betrieben wird», hält der Ennetmooser fest. Ältere und unsichere Menschen sollten nicht einseitig durch die Kirche beeinflusst werden. Und er wolle auch nicht, «dass sich künftig Pro- und Contra-Redner die Kanzel teilen».

«Kirchen-News» Redaktionsleiter Thomas Vaszary bedauert auf Anfrage die Zensur der Printausgabe durch den Kirchenrat, mit der dieser auch gegen das mitunterzeichnete Redaktionsstatut verstosse. Das Thema Konzernverantwortungs-Initiative sei seit dem Frühling in der Planung gewesen. Diese habe auch der Kirchenrat gekannt. «Drei Tage vor Redaktionsschluss hat der Kirchenrat die Redaktion mit dem Beschluss überrascht, keine politischen Themen im ‹Kirchen-News› haben zu wollen.» Vaszary widerspricht auch der Darstellung im Brief des Kirchenrates, ohne Rücksprache mit der Redaktion die Publikation des Magazins weiter vorangetrieben zu haben.

Diskurs soll ausgewogen geschehen

Wolfgang Gaede sagt, es gebe auch in der Kirche Leute mit unterschiedlichen Meinungen. «Diese Personen sollen sich nicht bevormundet fühlen durch Beiträge, die zunehmend in eine politische Richtung gehen.» So würde ein Teil der Kirchenmitglieder vor den Kopf gestossen. «Wir schätzen Diskurs, so wie er im Redaktionsstatut vorgesehen ist», betont der Kirchenratspräsident. Doch das solle ausgewogen geschehen. «Es sollte nicht nur in eine Richtung gehen und seine persönliche Meinung sollte man hintenanstellen.» Die Kirche müsse sich zu politischen Themen äussern. Ausser dem Redaktionsleiter sässen in der Redaktionskommission mit den Nidwaldner Pfarrpersonen lauter Theologen. Die Auseinandersetzung mit einem Thema erfolge auf einer anderen Ebene. «Das hat dann auch eine viel breitere Akzeptanz.» Zudem sei es etwas ganz anderes, ob sich eine Publikation im freien Markt bewege oder aber wie die «Kirchen-News» von Steuergeldern finanziert werde.

Peter Joos ist noch bis Ende Jahr Präsident der Kirchenpflege des Gemeindekreises Buochs und vertritt diesen auch im Kirchenrat. Er bedauert die Vorgänge rund um die «Kirchen-News» und dass ein Gespräch zwischen Kirchenrat und dem Redaktionsleiter nicht zu Stande gekommen sei. Er glaubt, dass die November-Ausgabe in einer neutralen Form hätte herausgebracht werden können: «Eventuell hätte man das Erscheinungsdatum ein paar Tage nach hinten schieben und sich im Gespräch finden können.» Jetzt sei einiges schiefgelaufen. «Die Form, wie die ‹Kirchen-News› erschienen wäre, hätte mich nicht glücklich gestimmt», sagt Joos. Das kontradiktorische Element hätte gefehlt. Man müsse sich wohl Gedanken über die zukünftige Strategie machen: «Soll das Magazin ein internes Mitteilungsblatt sein, das sich lediglich auf Anlässe und Themen der Kirche konzentriert? Oder sollen auch andere, zum Teil auch heisse Themen, Eingang ins Magazin finden, so wie das andere kirchliche Blätter auch handhaben würden?

Niels Fischer, Präsident ad interim der Kirchenpflege Hergiswil, hält es für falsch, dass das Magazin nicht verschickt worden ist. Detaillierter möchte er sich nicht äussern.

Wolfgang Gaede stellt in Aussicht, dass der Kirchenrat das Gespräch mit der Redaktionskommission und dem Redaktionsleiter suche.

Redaktionsleiter Thomas Vaszary, der vom Kirchenrat freigestellt worden ist, will sich laut eigenen Angaben nochmals um eine gütliche Beilegung der Angelegenheit bemühen. «Ich habe dem Kirchenrat einen konstruktiven Vorschlag unterbreitet, der bis Dienstag, 10. November, gilt», sagt er. Bis dahin werde er sich nicht äussern und dem Kirchenrat die Gelegenheit geben, darauf zu reagieren.