Interview
Er ist der geistige Vater des Innerschweizer Musikfestes – nun tritt René Ricciardi als Präsident des Unterwaldner Musikverbandes ab

Nach 14 Jahren an der Spitze des Unterwaldner Musikverbandes übergibt René Ricciardi (64) das Amt des Präsidenten an Roland Bucher (57).

Kurt Liembd
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14 Jahre wirkte René Ricciardi im Vorstand des Unterwaldner Musikverbandes (UMV) mit, welchem 17 Musikkorps mit rund 700 Mitgliedern angehören. 13 Jahre davon amtete Ricciardi als Präsident. Im Interview erzählt der «höchste» Blasmusikant Ob- und Nidwaldens von seinen Erfahrungen, seinen Freuden und auch Nöten mit der Blasmusik.

René Ricciardi kann auf eine lange Blasmusikkarriere zurückblicken.

René Ricciardi kann auf eine lange Blasmusikkarriere zurückblicken.

Bild: Kurt Liembd (Stans, 16. April 2021)

Weshalb treten Sie als Präsident zurück?

René Ricciardi: Irgendwann ist es Zeit, das Ruder in jüngere Hände zu geben, auch wenn ich mit grosser Freude auf eine sehr interessante Zeit zurückblicken darf. Dazu kommt, dass ich nebst Blasmusik noch andere Hobbys und Interessen pflege, denen ich mich künftig vermehrt widmen möchte.

Welches waren für Sie die freudigsten Ereignisse als Verbandspräsident?

Höhepunkte waren die Unterwaldner Musiktage Alpnach 2009 und Engelberg 2014 und natürlich das Innerschweizer Musikfest 2019 in Hergiswil. Unvergesslich bleiben mir auch die Vereinsfeste unserer Sektionen wie Jubiläen, Uniformen- und Fahnenweihen sowie die zahlreichen Konzerte. Höchst erfreulich fand ich auch die grosse und erfolgreiche Teilnahme unserer Musikkorps an den Eidgenössischen Festen in St.Gallen 2011 und Montreux 2016.

Apropos Innerschweizer Musikfest: Sie gelten als geistiger Vater dieses Grossanlasses und Promotor der ersten Stunde. Wie beurteilen Sie die Premiere im Jahr 2019 in Hergiswil?

Hervorragend, sowohl organisatorisch wie musikalisch. Das Organisationskomitee in Hergiswil unter der Leitung von Ständerat Hans Wicki hat mustergültige Arbeit geleistet und ein Fest der Superlative auf die Beine gestellt. Wir vom Verbandsvorstand nahmen diese Premiere als ein «Rundum-sorglos-Paket» wahr.

Ist eine Fortsetzung des Innerschweizer Musikfestes geplant?

Auf alle Fälle. Im Jahr 2024 findet es in Baar statt. Es liegt mir sehr am Herzen, dass dieser Anlass, welcher in Hergiswil Premiere feierte, weitergeführt wird, damit unsere Vereine die Möglichkeit haben, sich musikalisch zu messen und weiterzuentwickeln.

Sind damit die bisherigen Unterwaldner Musikfeste und Musiktage Vergangenheit oder haben diese inskünftig immer noch Platz neben dem Innerschweizer Fest?

Grundsätzlich gibt es nebst dem Innerschweizer Musikfest keine eigenen Musikfeste auf Verbandsebene Unterwalden mehr. Es spricht aber nichts dagegen, wenn ein Verein zu einem Jubiläum einen Musiktag in kleinerem Rahmen organisieren möchte. Vom Wettbewerb her ist aber im Innerschweizer Musikfest alles integriert, was es zu einem Musikfest mit Wettbewerb braucht.

Mitte Mai dieses Jahres hätte in Interlaken während vier Tagen das Eidgenössische Musikfest stattfinden sollen. Wie gross ist Ihre Enttäuschung über die Absage infolge Corona?

Sehr gross! Rund die Hälfte unserer 17 Unterwaldner Vereine hätte teilgenommen. Vorteilhaft gewesen wäre auch die kurze Distanz nach Interlaken und der attraktive Festort an sich.

Und wie gross ist die Enttäuschung bei den Unterwaldner Blasmusikkorps?

Auch sehr gross. Bei den angemeldeten Vereinen hat die Absage teilweise ihre ganze Jahres- und Mehrjahresplanung über den Haufen geworfen. Zudem haben einige Vereine bereits Vorbereitungen getroffen, sowohl musikalisch wie auch fürs Rahmenprogramm.

Die Blasmusik ist von Corona massiv betroffen und das Vereinsleben stand in den letzten zwölf Monaten so gut wie still. Wie gehen die Vereine mit dieser Situation um?

Ich bin positiv erstaunt, wie flexibel und kreativ die Vereine sind. So proben viele in Teilbereichen und nutzen das ganze Online-Spektrum für Weiterbildung und Vereinsaktivitäten.

Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass die Musikvereine bald wieder im Normalbetrieb funktionieren können?

Ich bin kein Prophet. Am liebsten hätte ich bereits ab morgen wieder Normalbetrieb. Doch ehrlich gesagt bin ich etwas skeptisch und glaube, dass es noch viel Geduld braucht. Dies betrifft nicht nur Musik und Kultur, sondern viele andere Lebensbereiche ebenso.

Gibt es auch Musikanten, die infolge der Pandemie den «Verleider» haben und am liebsten aus dem Verein austreten möchten?

Konkret ist mir eine solche Entwicklung nicht bekannt. Ich weiss hingegen von einigen Vereinen, dass viele Musikanten es kaum erwarten können, wieder proben und vor Publikum auftreten zu können.

Mal ganz allgemein gefragt: Ist Blasmusik und die Mitgliedschaft in einem Dorfverein in der heutigen Zeit noch attraktiv?

Zunehmend mehr. Gerade durch die Pandemie hat man eindrücklich gespürt, wie wichtig Freundschaften, persönliche Begegnungen und gemeinsame Hobbys sind. Der Lockdown lieferte die unmissverständliche, klare Antwort: Die Musik fehlt, Freunde fehlen, der Verein fehlt.

Wie steht es mit dem Nachwuchsproblem in Ihrem Verband?

Das ist örtlich recht unterschiedlich. In der Tat gibt es einzelne Vereine, die Mühe haben, genügend junge Mitglieder zu finden. Andere wiederum haben mehr als genug Nachwuchs. Es steht und fällt teilweise mit der Qualität der Musikschulen und der Qualität der Vereine. Allgemeinen bin ich sehr zuversichtlich und habe keinen Grund zu klagen.

Welches sind für Sie die wichtigsten Gründe, einem Musikverein beizutreten und aktiv mitzumachen?

Kameradschaft, Leidenschaft und die Möglichkeit, sich musikalisch in vielerlei Hinsicht weiterzubilden. Zudem hat Musizieren auch eine positive gesundheitliche Wirkung, denn man atmet bewusster und bewegt sich in einem positiven sozialen Umfeld.

Welches sind generell die grössten Herausforderungen für eine Blasmusik im 21. Jahrhundert?

Die grösste Herausforderung ist für mich, den hohen Qualitätsansprüchen gerecht zu werden. Nicht nur die Erwartungen der Musikanten sind heute viel höher als früher, sondern auch jene des Publikums. Vom Stil her ist Blasmusik heute alles andere als antiquiert oder bloss ein Relikt aus historischen Militärzeiten. Dies zu pflegen und zeitgemäss rüberzubringen, ist anspruchsvoll. Aber es lohnt sich, das ist meine volle Überzeugung und Erfahrung.

Als Verbandspräsident waren Sie eine Zeitlang nicht mehr aktiv in einem Verein tätig. Wird sich das nun ändern, da Sie nun vermehrt wieder Zeit haben?

Sag niemals nie. Ob ich wieder aktiv werde, ist noch offen. Auf alle Fälle werde ich mit der Blasmusik bis an mein Lebensende immer in naher Verbindung bleiben. Apropos Zeit: Das Organisationskomitee des Innerschweizer Musikfestes 2024 im Kanton Zug hat mich als OK-Mitglied angefragt, was ich natürlich gerne mache. Ich bin dort eine Art «Brückenbauer» vom OK zur Basis.

Was wünschen Sie sich generell für die Zukunft der Blasmusik?

Dass Blasmusik attraktiv bleibt und weiterhin viel Freude bereiten wird. Den Vereinen wünsche ich Beharrlichkeit, ihre Ideale und Ziele umzusetzen, zur Freude der Musikanten und des Publikums.