Nidwalden
Jos Näpflins oftmals irritierende Botschaften

Werkjahr-Preisträger Jos Näpflin bespielt das Nidwaldner Museum. Schon der Ausstellungstitel setzt Fragezeichen.

Romano Cuonz
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«The Black Box Box» mit Pflastern in allen Hautfarben, die der Ausstellung auch den Namen gibt.

«The Black Box Box» mit Pflastern in allen Hautfarben, die der Ausstellung auch den Namen gibt.

Bild: Romano Cuonz (Stans, 2. März 2021)

Wer derzeit den Pavillon des Nidwaldner Museums betritt, muss sich am Eingang tief bücken. Mit der Installation «Beuge» aus lasiertem Holz stösst Jos Näpflin Besucher wortwörtlich und absichtlich vor den Kopf. Man zögert, bevor man das Verdikt akzeptiert. Mit dem vertikal reduzierten Eingang setzt der Künstler in seiner Ausstellung «The Black Box Box» gleich beim Eintritt ein Fragezeichen zum aktuellen Zeitgeschehen mit Corona. Eines von vielen!

«Ich arbeite seit 40 Jahren täglich und vor allem für mich selbst», erklärt der 71-jährige, aus Wolfenschiessen stammende Jos Näpflin. Und er verdeutlicht: «Ich stehe im Jetzt, bin ein Teil des Jetzt.» Seine Kunst sei stets ein Modell des Realen. Was er konstruiere oder abbilde, habe für ihn eine aktuelle Brisanz und Dringlichkeit. «Ich muss es einfach machen!» In der Tat: Auf der Suche nach Identität stellt Näpflin mit unterschiedlichsten Medien höchst eigenwillige, oft bis in die Privatsphäre reichende Werke in den Raum.

Jos Näpflin ist der erstmalige von einer Jury erkorene Preisträger des Werkjahres 2020 der Frey-­Näpflin-Stiftung. Mit den 50'000 Franken erarbeitete der heute in Zürich lebende Nidwaldner seine Einzelausstellung. Weitab von Moden und Trends. Unbeirrt auf eigenem Weg.

Barmherzigkeit und Unbarmherzigkeit

Wer sich beugt, gelangt in die Weite des Pavillons. Dort kann man sich Näpflins Welt kaum mehr entziehen. Auf Schritt und Tritt entdeckt man Neues, ein Gedanke gibt den nächsten. Bewusst erinnert er an die berühmte Wortkette der amerikanischen Schriftstellerin Gertrude Stein: «Rose is a Rose is a Rose». Wörter verweisen auf nichts anderes als auf sich selbst und lassen sich unendlich fortführen. In die Augen sticht einem «The Black Box Box». Eine mächtige, mit Gurten verschnürte Transportkiste mit Innenleben. Eigentlich beinhaltet sie ein Archiv von Heftpflastern in Hauttönen von ganz hell bis Braun und Schwarz. Näpflin postuliert:

«Menschen aller Hautfarben sind verletzlich, man muss auf sie zugehen, barmherzig helfen, wenn sie Pflaster brauchen.»

Und wirklich: Seine für die Ausstellung neu geschaf­fenen Werke beleuchten und hinterfragen immer wieder die Diskrepanz zwischen «Barmherzigkeit» und «Unbarmherzigkeit». Fühlbar wird dies in der Arbeit «Lot». Besucher machen sich an einer schwebenden Installation aus Gummizügen zu schaffen. Eigentlich will das Konstrukt zentral positioniert sein. Doch wo verschiedene Kräfte im Eigeninteresse in verschiedene Richtung ziehen, gerät alles aus dem Lot.

Aggressiv breitet sich die «Schutz­wolke» aus. Ihre hölzernen Arme greifen in alle Richtungen des Raums, sind bestückt mit Statuetten weiss übertünchter Götter oder Heiligen aus aller Welt. Dazu sagt Näpflin:

«Mit der Schutzwolke weise ich auf die Barmherzigkeit als wichtigste Tugend der unter einem Dach versammelten Weltreligionen hin.»

Dies, obschon – oder weil – er wisse, dass zahllose Kriege von Religionen ausgingen.

Imposant und wuchtig wirkt die lasierte Holzpalisade «Splitten». Halbdiagonal in den Raum gesetzte Pfosten grenzen die Besucher aus. Einen Zutritt zu den dahinter versteckten Fotografien gibt es nicht. Dennoch gelangt man hinter den Zaun. Unfreiwillig, weil eine versteckte Livevideokamera einen an die Wand projiziert. Die Idee dabei: Wer sich abschotten will, wird ein Leben lang Teil dessen bleiben, was er ausgegrenzt hat!

Ein Balkon ist ein Balkon ist ein Balkon

Über dem gewölbten Keller im Winkelriedhaus hat der Künstler einen Balkon errichtet. Man steht an der Brüstung, schaut runter auf eine 2-Kanal-Videoprojektion. Zu sehen ist die Bewegung der Klimajugend während Demos. Im Bildvordergrund hält Näpflin starr fo­to­grafisch einige Zuschauer fest. Sie beteiligen sich nur passiv am Geschehen – wie die Gäste auf dem Balkon. Näpflin kommentiert das Werk – wie es Gertrude Stein wohl tun würde – mit wiederholten Wörtern: «Ein Balkon ist ein Balkon ist ein Balkon.»

Ein starkes Statement gibt Näpflin in der Hauskapelle mit einem Bleiglasfenster in traditioneller Technik ab. Darauf zu sehen: ein Hashtag. «Ich habe den Hashtag gewählt, weil inzwischen auch Kirchenobere bis hin zum Papst die sozialen Medien nutzen», erklärt er. Mittels minim geänderter Farbtöne sind auf dem Hashtag vier Kreuze zu sehen. Ein Fragezeichen mehr.

Wie gezielt der Künstler reale Materialien auswählt, um sie gleich wieder zu verfremden, zeigt die Installation «Spiel Rekonstruktion Diskrepanz 1956–2009» auf dem Boden der Kapelle. Eine Kasperlifigur, die der Künstler als Sechsjähriger aus Papiermaché angefertigt hat, und eine aktuelle aus Plastik greifen ineinander. Erinnerungen werden dreidimensional. Die Anlage steht auf einem Sockel aus alten und neuen Spielbällen. So fehlt ihr die sichere Balance. Der Künstler dazu: «Man weiss nicht, ob die Figuren miteinander kämpfen oder einander helfen.» Die Annahme, dass die Jugend früher besser gewesen sei, entpuppe sich in diesem Versuchslabor als Illusion. Ja, Näpflins Arbeiten sind Träger von bisweilen leicht verständlichen, oftmals aber auch höchst irritierenden Botschaften.

Hinweis
Nidwaldner Museum Winkelriedhaus: Jos Näpflin, «The Black Box Box», 13. März bis 8. August. Eröffnung: Samstag, 13. März, 14–19 Uhr, in Anwesenheit des Künstlers, mit «Apéro to go».