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JUBILÄUM: 200 Jahre Glasi Hergiswil - die Geschichte einer glühenden Leidenschaft

In diesem Jahr feiert die einzige Schweizer Glashütte ihren 200. Geburtstag. Das Jubiläum will der Inhaber und CEO der Glasi Hergiswil auch dazu nutzen, eine Brücke in die Zukunft zu schlagen.
Dominik Buholzer
Auch nach 200 Jahren ist in Hergiswil immer noch Handarbeit gefragt: In verschiedenen Arbeitsschritten wird in den Produktionsräumen das Glas gefertigt. (Bild: Pius Amrein (Hergiswil, 21. März 2017))

Auch nach 200 Jahren ist in Hergiswil immer noch Handarbeit gefragt: In verschiedenen Arbeitsschritten wird in den Produktionsräumen das Glas gefertigt. (Bild: Pius Amrein (Hergiswil, 21. März 2017))

Dominik Buholzer

dominik.buholzer@luzernerzeitung.ch

Er sass in seinem Büro und fragte sich: «Was jetzt?» Das war 1988, vor 29 Jahren. Robert Niederer war damals 34, hatte noch lange Haare, einen Schnauz und stand auf einmal an der Spitze eines mittelgrossen Unternehmens, der Hergiswiler Glas AG. «Ich war im ersten Augenblick ganz schön gefordert. Zum Glück gab es bei der Glasi genügend Leute, die mich unterstützen und mir weiterhelfen konnten», sagt er.

Heute kann Robert Niederer über all das lachen. Heute ist die Glasi Hergiswil eine Institution. Laut einer Umfrage des Marktforschungsunternehmens GfK ist sie 81 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizern ein Begriff. Jährlich zieht sie bis zu 100'000 Besucherinnen und Besucher an. Das kann schon mal zu Problemen führen, gerade im Strassenverkehr. Deshalb steht bis heute noch vor der Glasi die einzige permanente Verkehrsampel in der Gemeinde Hergiswil.

Als das Aus drohte, pilgerten sie zu Bruder Klaus

Die Geschichte der Glasi begann schon viel früher. Vor 200 Jahren gründeten die Gebrüder Siegwart in Hergiswil am See eine Glashütte. Das lief lange gut. Die Probleme kamen erst viel später, in den 1970er-Jahren, dann ging es ganz schnell. 1975 lag das Geschäft am Boden, drohte die Schliessung. Hilfe suchte man bei Domdekan Walter Niederberger. Dieser organisierte eine Wallfahrt nach Sachseln und zu Bruder Klaus. 250 Personen nahmen an ihr teil, unter ihnen unzählige Glasi-Angestellte mit ihren Familienangehörigen, aber auch beeindruckend viele Hergiswilerinnen und Hergiswiler.

Im Eremiten vom Flüeli-Ranft fanden die Gläubigen Trost und die Glasi in Roberto Niederer, einem gebürtigen Italiener, ihren Retter. Der Vater von Robert Niederer war bereits seit 1956 Kunde der Glasi, und er war es letztendlich, der in der ganzen Schweiz Geldgeber für die Glasi begeistern konnte. Als dann an der Gemeindeversammlung vom 12. Dezember 1975 auch noch die Hergiswiler Stimmberechtigten dem Kauf des Hüttenareals zustimmten, war die Glasi gerettet. Das Areal wurde der Glasi vorerst in Miete und später dann im Baurecht überlassen, bevor es 1997 die Hergiswiler Glas AG zurückkaufte.

Wie Robert Niederer den Verwaltungsrat vor den Kopf stiess

Robert Niederer hat lange zugewartet, beim Betrieb seines Vaters einzusteigen. «Mein Vater war ein Patriarch. Wir verstanden uns zwar gut, doch geschäftlich harmonierten wir überhaupt nicht miteinander.» Als sein Vater 60 wurde und immer mehr gesundheitliche Probleme bekundete, war der Zeitpunkt für Robert Niederer gekommen, Roberto Niederer das Aktienpaket abzukaufen. «Es war wahrscheinlich das erste Mal, dass mein Vater Geld hatte», schiebt Robert Niederer nach.

Der Vater konnte nicht mehr miterleben, wie erfolgreich sich die Glasi unter seinem Sohn entwickelte. Wenige Monate nach seinem 60. Geburtstag verstarb er. Und Robert Niederer war auf einmal Chef. Ein Chef, der nach Selbstständigkeit strebte. Das musste auch der Verwaltungsrat feststellen. An seiner ersten Sitzung mit dem neuen Eigentümer eröffnete dieser seinen beiden Verwaltungsratsmitgliedern, dass er nicht wirklich wisse, ob er überhaupt mit ihnen zusammenarbeiten wolle. «Am liebsten hätte ich alles alleine getan», sagt Robert Niederer.

Er verzichtet letztlich darauf und ist heute froh darüber. «Ich habe im Verwaltungsrat zwei tolle Weggefährten gefunden. Ohne ihre Hilfe hätte sich die Glasi wohl nie so gut entwickelt.» Die Glasi hat finanziell sehr erfolgreiche Jahre hinter sich. «Ich musste nur einen Kredit aufnehmen, als ich meinem Vater das Aktienpaket abkaufte, seither nie mehr», sagt Robert Niederer. In seinen Worten klingt auch ein gewisser Stolz mit. In zwei Schichten wurde produziert, bis zu 800 Fachhändler und gegen 120 Mitarbeiter zählte die Glasi in Spitzenzeiten. Der Gewinn wurde immer wieder für Investitionen verwendet oder für den Kauf von Land. Immer, wenn wieder eine angrenzende Parzelle zum Verkauf stand, griff die Glasi zu.

Eine Expansion in andere Schweizer Städte stand aber nie zur Diskussion. Robert Niederer hat eine ganz einfache Erklärung dafür: «Ich fahre nicht gerne Auto. Das wäre mir viel zu mühsam gewesen.» Von ihrer Landstrategie profitiert die Glasi heute. Neben der Produktion von handgefertigtem Glas baut das Geschäft der Hergiswiler Glas AG auf den Einnahmen der 100 Mietverhältnisse. Das gibt ihr eine gewisse Sicherheit.

Der Glasi-Turm soll die Brücke zur Zukunft werden

Und Sicherheit kann die Firma sehr gut gebrauchen, wie Robert Niederer unumwunden eingesteht. Von den einst 800 Fachhändlern, die die Glasi einst belieferte, sind in den vergangenen zehn Jahren 600 weggefallen, «nicht, weil unsere Ware schlecht wäre, sondern weil es sie einfach nicht mehr gibt», betont Niederer. Strukturwandel nennt man das, und die Glasi hat es mit voller Wucht erwischt. Zwar betreibt die Glasi seit gut sechs Jahren einen Onlineshop, doch dieser vermag mit einem jährlichen Umsatz von gut 1 Million Franken die Umsatzeinbussen nicht aufzufangen. Die Glasproduktion wirft noch immer Gewinn ab, aber mit bedeutend weniger Mitarbeitern als in Spitzenzeiten (aktuell noch 70) und mit nur noch einer Schicht. «Wir müssen uns heute noch keine Sorgen machen, doch die Weichen für die Zukunft stellen.»

Das 200-Jahr-Jubiläum kommt da gerade recht. Der 20 Meter hohe Glasturm, der zum runden Geburtstag am 13. Mai eingeweiht wird, soll auch eine Brücke in die Zukunft bilden. «Mit dem Turm wollen wir beweisen, dass man aus handgefertigtem Glas nicht nur Vasen oder Geschirr produzieren kann, sondern auch ganze Fassaden», betont Niederer. Vielleicht ergebe sich ja daraus ein ganz neuer Geschäftszweig. Damit wäre dann ein Problem gelöst. Ein anderes bliebe ihm aber: die Nachfolgeregelung. Robert Niederer ist heute 63 Jahre alt. Seine beiden Söhne bekunden ein grundsätzliches Interesse am Betrieb, sind aber noch jung. Wer rückt nach? «Mein Plan ist, möglichst bald einen Plan erarbeitet zu haben», gesteht Niederer. Das mag vielleicht beunruhigend tönen. Im Falle der Glasi hat dies nichts zu bedeuten. Als Niederer vor 29 Jahren bei der Glasi einstieg, hatte er auch nicht wirklich einen Plan.

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