JubiläumsBuch

Mit dem «Besucher» in Stansstad unterwegs: Im Paradies oder im Provinznest?

Während fast zwei Jahren beschäftigte sich der Stanser Christian Hug intensiv mit der Gemeinde Stansstad. Das Produkt dieser Arbeit, das Buch zum 600-Jahre Jubiläum «Stansstad hier und jetzt», liegt nun vor.

Rafael Schneuwly*
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Auch bei den Bildern zeigen sich neue Blickwinkel auf die Gemeinde: Christian Hug (li) mit Fotograf Silvan Bucher im Helikopter über Stransstad.

Auch bei den Bildern zeigen sich neue Blickwinkel auf die Gemeinde: Christian Hug (li) mit Fotograf Silvan Bucher im Helikopter über Stransstad.

Bild: PD

Die ersten Schritte machte der freie Journalist, Redenschreiber und Kolumnist Christian Hug im Frühjahr 2018, als er dem Gemeinderat Stansstad das Buchprojekt «Ein Dorf erzählen» vorlegte und den Zuschlag gegenüber von zwei Mitbewerbern erhielt. Es war für beide Seiten ein Wagnis. Zum einen für den Gemeinderat, denn eine Festschrift, die sich nicht in erster Linie auf einen geschichtlichen Durchlauf zur Dorfentwicklung konzentrieren, sondern den Menschen und die Alltagsgeschichten in den Mittelpunkt stellen wollte, gab es zu diesem Zeitpunkt wohl noch nirgends.

Zum andern war es auch für Christian Hug eine Herausforderung, denn der stolze Besucher aus dem Hauptort Stans war nach eigener Aussage während fünfzig Jahren achtlos an Stansstad vorbeigefahren: «Stansstad war für mich Tierra incognita, und ich musste mich zuerst ins Thema einarbeiten.»

Aus dem Besuch, für den etwas mehr als Jahr eingeplant war, wurden zwei Jahre, denn das Coronavirus legte immer wieder sein Veto ein, und auch die für heute geplante Buchvernissage kann nicht durchgeführt werden.

Der Besucher führt durch das Dorf

Christian Hug ging während seiner Besuchszeit mit offenem Visier auf die Stansstader Bevölkerung zu. Tipps für interessante Menschen holte er sich beim ehemaligen Gemeindeschreiber Lukas Liem und anschliessend suchte er den Kontakt mit den empfohlenen Gesprächspartnern. Die Strategie war, dass er alle Dorfteile besuchte und darauf achtete, dass sich jeweils eine Gruppe traf, denn aus der zu erwartenden Rede und Widerrede erhoffte er sich viele Informationen. Meist fanden die Gesprächsrunden in Privatwohnungen statt, doch auch Wirtshäuser oder das Gemeindehaus wurden zu Begegnungsorten.

Christian Hug, Autor von «Stansstad hier und jetzt»

Christian Hug, Autor von «Stansstad hier und jetzt»

Bild: PD

In einem faszinierenden Wechselspiel zwischen Informationen, Wortzitaten und Reflexion lässt Christian Hug in der Form eines Inneren Monologs eigene Gedanken und Urteile einfliessen. Die häufigen Zitate aus den Gesprächsrunden bilden das Fundament, um auch auf unerfreuliche Entwicklungen hinzuweisen: Die Autobahn, welche ein ursprünglich zusammenhängendes Dorf in zwei Halbdörfer teilt, das enorme Bevölkerungswachstum infolge der Verkehrserschliessung, das fehlende Bauland in Kehrsiten oder die Frage, wo die Obbürger ihr Feierabendbier trinken können.

Auf der anderen Seite gibt es die positiven Eindrücke, sind dem Autor die Menschen in Stansstad ans Herz gewachsen, schwärmt er von der fantastischen Natur, den Bade-Oasen am See, den für alle begehbaren Uferzonen. Er lobt die bürgernahe Dorf-Regierung, das vorbildliche Zusammengehen der Konfessionen und die Weltoffenheit der Stansstader seit den Zeiten des Tourismus.

Wenn man Christian Hug nach seinem persönlichen Highlight fragt, gibt er zur Antwort: «Mein Lieblingsort ist das alte Billetthäuschen am Hafen, das vor Kurzem an einem der schönsten Orte des Vierwaldstättersees von der Gemeinde zu einem Bistro umgebaut wurde.»

Dorfgeschichte in 21 Boxen verpackt

Unermüdlich führt der Autor den Leser auf seinen Streifzügen wie ein Reiseführer an die attraktivsten und interessantesten Orte. Zudem werden in 21 Boxen, verteilt auf das ganze Buch, Informationen zur Dorfgeschichte und zu prägenden Stansstader Persönlichkeiten hinzugefügt.

So lernt der aufmerksame Leser unter anderem die Geschichte der Sust kennen, er versteht, warum das Brückendorf Stansstad dem Kanton Nidwalden die Tür zur Schweiz und zu Europa öffnete und warum die «Riedsunnä» bis heute ein Pionierprojekt für alternatives Wohnen im Alter geblieben ist. Den Zuzügern wird die politische Situation in der Gemeinde vorgestellt, wehmütig wird an die vergangenen goldenen Tage des Tourismus erinnert und die neu eröffneten «Erinnerungswege am Bürgenberg» schildern die Kämpfe vom 9. September 1798 zwischen Nidwaldnern und Franzosen.

Das Jubiläumsbuch von Christian Hug.

Das Jubiläumsbuch von Christian Hug.

Bild: PD

Ein Buch für Geniesser

Das Jubiläumsbuch ist nicht nur informativ, sondern es ist auch hervorragend geschrieben und prachtvoll illustriert. Die Titel der zehn Kapitel präsentieren sich in barocker Fülle, nennen die Vornamen der im Nachfolgetext auftretenden Personen, nehmen die Stimmung vorneweg, verraten einiges und lassen doch alles offen. Zehn wunderbare Amuse-bouches! Christian Hug hat es die Rolle des Flaneurs angetan, der durch das Dorf schlendert, sich am Ufer niederlässt und wortreich, bildhaft, in einer ganz eigenen Sprache die Atmosphäre beschreibt. Doch immer wieder kehrt der Besucher ins alltägliche Geschehen zurück. Dann braucht es nur ein Wort und schon erhöht sich die Kadenz des Erzähltempos rasant, wirkt atemlos. Ein Beispiel gefällig? Als der Schwand-Sepp aus Kehrsiten eine kritische Bemerkung zum Leben in Fürigen macht, nimmt das der Autor sofort auf: «Klare Worte an die Adresse der Füriger. Das verlangt nach einem Augenschein vor Ort. Auf nach Fürigen!» Und schon ist der Sprung vom See hinauf auf den Berg geschafft.

Prächtige, neue Bilder vom Stansstader Fotografen

Als Christian Hug das Grundkonzept vorlegte, war für ihn klar, dass ausschliesslich neue Fotografien einen Schwerpunkt des Buchs bilden würden. Das bedeutet, dass der Stansstader Fotograf Silvan Bucher immer wieder durch seinen Wohnort zog und prachtvolle Bilder von Menschen, Gebäuden und der Natur schoss. Neben den Landschaftsbildern werden im Jubiläumsbuch zahlreiche Aufnahmen von Gebäuden, Traditionen, Festen und Sportanlässen gezeigt. Ein Augenschmaus. Und doch, bei aller Ästhetik: Die entscheidende Frage, die zu Beginn des Buchs gestellt wird, müssen die Stansstader selber beantworten: Ist ihr Dorf etwas Einmaliges, Einzigartiges? Ein Provinznest, mit den gleichen Problemen und Entwicklungen einer Siedlung zwischen Tradition und Moderne, eine verlorene Idylle, ein lost Paradise?

*Rafael Schneuwly ist OK-Mitglied von «600 Jahre Stansstad».

Das Jubiläumsbuch ist ab sofort erhältlich

Das Buch von Christian Hug: «Stansstad jetzt und heute» ist ab sofort für die lokale Bevölkerung auf der Gemeindekanzlei Stansstad für 15 Franken und für weitere interessierte Personen bei der Bücherei von Matt in Stans für 35 Franken erhältlich. Die im Jahr 2020 verschobenen Events des Jubiläumsjahrs «600 Jahre Stansstad» sind auf 2021 neu angesetzt worden. Über die Durchführung des Programms informiert die Website www.stansstad-jubiläum.ch)