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KERNS: Aus dem Klischee wurde ein neues Leben

Vor acht Jahren haben sich Nicole Ulrich und Dani Pfister einen Traum erfüllt. Sie wanderten nach Kanada aus. Die 32-Jährige betreibt dort eine Pferdezucht.
Nicole Ulrich auf ihrem Pferd vor der imposanten Kulisse der blauen Berge der Monashee Mountain Range bei Clearwater in Kanada. (Bild: PD)

Nicole Ulrich auf ihrem Pferd vor der imposanten Kulisse der blauen Berge der Monashee Mountain Range bei Clearwater in Kanada. (Bild: PD)

Marion Wannemacher

Die Bilder sind atemberaubend: Nicole Ulrich auf einem Ross, vor ihr die blauen Berge der Monashee Mountain Range bei Clearwater. Nicole Ulrich in einer Koppel beim Einfangen der Rinder. Sie und Lebenspartner Dani Pfister im Schnee mit Hunden, Schaf und Rössern. Überall Weite, Wälder und ein Hauch Marlboro-Romantik der 80er-Jahre.

Die Weite und die Berge

«Ja, es hat sich gelohnt, auszuwandern. Wir haben ein friedliches Leben, Ruhe und viele neue Freunde», sagt die 32-Jährige schlicht. Sie macht weder grosse noch viele Worte. Acht Jahre sind die beiden Kernser nun schon in Quesnel in British Columbia. Bereut haben sie ihre Entscheidung bisher nicht. «Eine Reise 2006 nach British Columbia gab den Ausschlag», erzählt Nicole Ulrich, die in Kerns geboren und aufgewachsen ist und am Gymi Sarnen die Matura gemacht hat. «Es war das Klischee von mehr Platz, mehr Freiheit und mehr Ruhe.» Für British Columbia habe die Weite gesprochen, dass man dort Englisch redet und dass es dort Berge gibt.

Zu dieser Zeit leitete die begeisterte Reiterin einen Stall mit Pensionspferden unweit ihres Hauses bei der Hohen Brücke in Kerns, arbeitete als Huftechnikerin und gab nebenbei Reitstunden. «Hier fehlte mir der Platz, um mich zu vergrössern und ganz von den Pferden zu leben.» Ihr Partner, ebenfalls in Kerns geboren und aufgewachsen, arbeitete als Behindertenbetreuer in Hohenrain. Gemeinsam unternahmen sie in der Freizeit viel mit ihren Pferden.

Im Gepäck: 3 Rösser und 1 Hund

Im April 2008 flogen sie schliesslich los. Was nimmt man mit, wenn man auswandert? «Drei Rösser, einen Hund, je einen Koffer, einen Hufbock und seinen Sattel», zählt Nicole Ulrich schmunzelnd auf. Wie war es, hier die Brücken abzubrechen? «Meine Mutter hatte Verständnis, sie hatte selbst mal mit dem Gedanken gespielt, auszuwandern.» Der Vater starb vor 18 Jahren an Krebs.

Dani Pfisters erste Ausbildung als Automechaniker ermöglichte ihnen ein Arbeitsvisum. Das Einwanderungsverfahren in Kanada läuft nach einem komplizierten Punktesystem ab. Gefragt sind vor allem Berufsleute, die in Kanada gesucht sind. Wenn sich ein Unternehmer für einen Einwanderer entscheidet, muss er nachweisen, dass es auf dem Arbeitsmarkt keine einheimische, gleichwertig qualifizierte Arbeitskraft gibt.

Mit Hilfe von Anwälten liessen sich die beiden ein Arbeitsmarktgutachten erstellen, woraufhin man eine Arbeitsbewilligung beantragen kann. Bis zur «Permanent Residence», der Dauerbewilligung, brauchte es insgesamt fünf Jahre. Gefeiert wurde mit den Freunden.

Ihr allererstes Domizil in Quesnel, ihrer neuen Heimat, war ein Wohnwagen. Im Frühling und Sommer arbeiteten sie in einer Lodge in den Bergen für Kost und Logis. Auf ein Inserat hin kamen sie an eine Farm mit einem Gelände von 120 Hektaren nah am Fraser River zum Mieten. «Obwohl der nächste Nachbar nur fünf Autominuten entfernt ist, hat man das Gefühl, allein zu sein.» Mittlerweile konnten sie noch Land hinzukaufen. Die Farm in der Cariboo-Gegend ermöglicht dem Paar das Leben, das es führen möchte: Nicole Ulrich züchtet Free Range Horses, also Pferde, die frei lebend und weitgehend von der Natur selektioniert aufwachsen. Der Erfolg gibt ihr Recht: Etwa fünfzig solcher Rösser hat sie bereits in die Schweiz verkauft – etwa jedes halbe Jahr ein Grund, in die alte Heimat zu kommen. Auch in diesem Sommer ist sie im gemütlichen Bauernhaus ihrer Mutter in Kerns zu Besuch. Ausserdem arbeitet sie als Huftechnikerin und beherbergt Pensionspferde.

Selbstversorger auf der Farm

Dani Pfister arbeitet als Betondesigner, kreiert also ästhetische Einfahrten, Sitzplätze und Wege aus Beton, arbeitet als Künstler und baut Tomaten an. «Auf unserer Farm leben wir als Selbstversorger, wir haben unser eigenes Fleisch mit Rindern, Schafen, Schweinen und Hühnern.» Rundherum gibt es viel Landschaft, Tiere wie Elche, Bären, Hirsche, Kojoten, Wölfe, Pumas. «Mich beeindruckt die Weite», erzählt Nicoles Mutter Ruth. Sie habe ihre Tochter schon drei Mal besucht, berichtet sie.

Das Leben in Kanada, vor allem im Winter, ist anders als hier. «Wenn wir zum Beispiel eingeschneit sind oder es gibt Eisregen, dann musst du dich halt fügen, dann läuft einfach nichts.» Gastfreundlich und sehr offen seien die Kanadier, findet Nicole Ulrich. «Manchmal vielleicht zu optimistisch. Sie probieren einfach etwas, was Schweizer nicht so machen würden.»

Schweiz ist voller Leute

Wenn Nicole Ulrich heimkommt, fällt ihr vor allem auf, «dass die Schweiz voll mit Leuten ist». Das sei nicht nur negativ gemeint. «Der Unterhaltungsfaktor ist hier riesig. Man hat immer etwas, was man machen kann. Aber es gibt auch Reizüberflutung.» Kontakt haben beide regelmässig in die Schweiz: per Telefon und Internet. Regelmässig höre Dani beim Malen «Schweiz aktuell». «Und ‹Bauer, ledig, sucht› war letztes Jahr unser Fernsehabend.»

Gibt es etwas, das beide vermissen? «Vielleicht frische Backwaren, Traditionen, Geschichte, Kultur, allein mal einen Alpabzug zu hören. Oder so alte Gebäude wie dieses Haus hier, das 320 Jahre alt ist – das gibts in Kanada nicht.»

Hinweis

Mit diesem Artikel starten wir unsere Sommerserie «Auswanderer», in der wir Nid- und Obwaldner vorstellen, die in einem Land fernab ihrer Heimat ein neues Zuhause gefunden haben. In den kommenden Wochen setzen wir den Streifzug durch verschiedene Kontinente fort.

Nicole Ulrich (rechts) zu Hause bei ihrer Mutter Ruth in Kerns. (Bild Marion Wannemacher)

Nicole Ulrich (rechts) zu Hause bei ihrer Mutter Ruth in Kerns. (Bild Marion Wannemacher)

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