Kolumne
«Ich meinti»: Wie ich von zu Hause aus die Welt regiere

Unser Kolumnist Christian Hug erzählt, wie das Beantworten von E-Mails aus dem wohlig warmen Homeoffice zu Allmachtsfantasien führen kann.

Christian Hug
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Seit die Tage wieder kälter sind, wird unsere Wohnung geheizt. Das ist sehr angenehm. Denn wenn ich jetzt morgens in mein Büro komme und wie immer als Erstes meine E-Mails checke, ist es in meiner Arbeitskammer wohlig warm und angenehm. Dann bin ich auch in meinen E-Mail-Antworten gut gelaunt und milde mit der Welt.

Christian Hug ist Journalist und wohnt in Stans.

Christian Hug ist Journalist und wohnt in Stans.

Bild: PD

Wenigstens meistens. Denn in manchen E-Mails finden sich Aufrufe gegen oder für irgendwas. Zum Beispiel gegen den globalen Handel. Oder für die Abschaffung des Überwachungsstaats, wahlweise in Afghanistan oder in der Schweiz. Oder gegen die Entführung minderjähriger Frauen durch Boko Haram, wahlweise in Mali oder im Senegal. Und erst die armen Irawadidelfine!

Dann ist natürlich augenblicklich Schluss mit guter Laune. Weil man sich ja gegen all das Übel in der Welt wehren muss, das verlangt mein gutes Gewissen.

Zum Glück ist in solchen E-Mails jeweils ein Button angefügt, auf den ich dann drauf drücken kann, wütend und enttäuscht über den jeweiligen Sachverhalt. Die gesammelten Klicks gehen dann direkt zum Beispiel an die Umweltdirektion von Koh Rong in Kambodscha oder an das Innenministerium von Dakhlet Nouadhibou in Mauretanien mit der Bemerkung, das jeweilige Amt solle den betreffenden Missstand gefälligst subito korrigieren.

Zwar ist mein Engagement mit einem gewissen Ärger verbunden. Aber handkehrum ist das auch extrem lässig: Schon früh am Morgen befehle ich allen möglichen Instanzen auf der Welt, was sie zu tun haben. Ein Mausklick genügt, und ich fühle mich wie der Welt-Chef. Ich, das ultimative Korrektiv des Weltgeschehens!

Natürlich ist das Regieren damit noch nicht beendet! Weil ich nach den Mausklicks immer so schön in Fahrt bin, schreibe ich dann dem Coop auch gleich, dass es nicht geht, dass sie jetzt mein geliebtes Harissa einfach so aus dem Sortiment geworfen haben. Wo kämen wir denn da hin, wenn das alle Läden tun würden! Und gestern habe ich der Lufthansa befohlen, dass sie uns endlich die Swiss zurückgeben muss. So geht das!

Wenn ich alle Buttons angeklickt und fertig regiert habe, fühle ich mich jeweils besser, und es wird mir wieder warm ums Herz. Weil man muss ja seinen Ärger immer und jederzeit sofort erkennen und der Welt mitteilen, sagen sowohl mein Achtsamkeitstrainer als auch meine Yogalehrerin. Das stärkt das Seelenheil.

Christian Hug, Journalist aus Stans, äussert sich an dieser Stelle abwechselnd mit anderen Autoren zu einem selbst gewählten Thema. Seine gesammelten Kolumnen «Ich meinti» sind in Buchform erhältlich unter www.christian-hug.ch.

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