KULTUR: 23 Konzerte auf 9 Bühnen an den Stanser Musiktagen

Das sind die diesjährigen Stanser Musiktage: starke Frauenstimmen, eine spannende Jazz-Hommage, urchige und moderne Volksmusik sowie ein breites Spektrum an lokalen Bands.

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22° Halo sind Lea Maria Fries, Marc Méan, Lukas Traxel und Valentin Liechti.PD

22° Halo sind Lea Maria Fries, Marc Méan, Lukas Traxel und Valentin Liechti.PD

Elina Duni ist in den letzten Jahren vor allem als Sängerin ihres prominent besetzten Jazz-Quartetts in Erscheinung getreten. Auf vier Alben, davon zwei auf dem renommierten Label ECM, hat sich die aus Albanien stammende Sängerin auf Lieder aus dem südosteuropäischen Raum fokussiert und diese neu arrangiert in einen Jazz-Kontext gesetzt.

Nun hat sie ihr eigenes Solo-Programm «Partir» entwickelt, in dem sie wiederum traditionelle Lieder aus Albanien, Mazedonien oder Armenien singt – aber nicht nur. Elina Duni interpretiert auch Jacques Brel, arabische Songs, eigene Kompositionen wie «Let Us Dive In» oder das Schweizer Lied «Schönster Abe­stärn». Das Timing könnte nicht besser sein: Ihr Soloalbum (ECM) erscheint gerade rechtzeitig auf die Stanser Musiktage hin.

Eine Reise zur Transformation

Folkiges, Chansoneskes, Blues und Fado schimmern in ihrer Musik durch. Dazu begleitet sie sich mit Klavier, Gitarre und Perkussion. Ihre Stimme ist rein und klar und von einer Innigkeit, die transparenter geworden ist. Sie hält nicht fest, sondern entlässt einen bei aller Melancholie in etwas Hoffnungsvolles und Befreiendes. «‹Partir› ist mehr als Musik für mich», sagt sie. «Es ist ein intimes Zusammensein mit dem Publikum.»

«Partir» ist eine Zäsur auf ihrem bisherigen Weg und doch eine logische Fortsetzung. 2016 war ein einschneidendes Jahr für Elina Duni. Eine lange Liebesgeschichte ging zu Ende, was dazu führte, dass sie ihr erfolgreiches Quartett für unbestimmte Zeit sistierte und sich stattdessen auf ein eigenes Repertoire fokussierte. Mit dem Soloalbum ging sie daran, sich wiederzufinden. Es ist eine Reise von innen nach aussen, von Melancholie zur Leichtigkeit, von Zerrissenheit zur Transformation.

Das Album verweist nicht nur auf ihre persönliche Geschichte von Abschied und Veränderung. Die Musikerin weitet den Fokus und thematisiert existenzielle Erfahrungen, die jeder Mensch macht. «Weggehen ist ein wichtiger Teil des Lebens», sagt sie. «Es ist eine Transformation, in der man lernt, dem Unbekannten zu vertrauen.» Abschied, Loslassen, Neubeginn: «Auch Flüchtlinge und Vertriebene machen diese Erfahrung, in einer umfassenderen Dimension. Deshalb enthalten meine neuen Songs und Geschichten, die ich auf der Bühne erzähle, eine universelle Botschaft.»

Jazz, Poesie und Sinnlichkeit

Im Doppelprogramm mit Elina Duni ist in Stans das neue Quartett 22° Halo der Sängerin Lea Maria Fries zu hören. Die in Berlin lebende Luzernerin hat mit Marc Méan (Piano), Lukas Traxel (Kontrabass) und Valentin Liechti (Drums) drei ausgezeichnete Musiker in der Band, mit denen sie ihre verführerische Stimme in den schönsten, schrägsten und intimsten Jazzharmonien mäandern lassen kann. Lea Maria Fries kennt man vom Avant-Pop-Elektro-Duo Vsitor her, das sie zusammen mit dem Gitarristen David Koch unterhält.

Mit Poesie und Sinnlichkeit aufgeladen ist das Programm der Singer-Songwriterin Aline Frazão, die aus Angola stammt. Einflüsse der populären Musik Brasiliens, Kubas und der Kapverden verbinden sich mit sanften Akzenten der westafrikanischen Rhythmik und des Jazz. Poesievoll ist auch die Musikwelt der Zürcher Sängerin und Harfenistin Linda Vogel, die in Stans als Solistin auftritt. Dabei erweitert sie das Klangspektrum der Harfe mit allerhand Geräten. Auch ihre Stimme weiss sie atmosphärisch passend einzusetzen.

Diverse Brücken schlagen

Aus Estland stammt die Violinistin und Sängerin Maarja Nuut, die nicht nur singt und rezitiert, sondern auch Geschichten erzählt. Ihre Musik ist einerseits in den volksmusikalischen Traditionen ihrer Heimat verankert. Andererseits überlagern sie und ihr Partner Hendrik Kaljujärv (Electronics) diese andachtsvollen Melodien und Harmonien mit elektronischen Loops, Rhythmen und Effekten.

Eine andere Brücke, jene zwischen abendländischer und orientalischer Musik, schlägt das Trio mit der bosnischen Sängerin Natasa Mirkovic und den Top-Instrumentalisten Michel Godard (Tuba, Serpent) und Ihab Radwan, ägyptischer Oud-Spieler. Spannend und wohl auch herzerweichend wird der volksmusikalische Abend mit zwei Duos, die den Soul der Innerschweiz und den Soul aus Süditalien beschwören: zum einen die Jodlerin Nadja Räss und der Akkordeonist Markus Flückiger, zum andern die Sängerin Rachele Andrioli und der Akkordeonist Rocco Nigro.

Schliesslich schlagen die Stanser Musiktage auch Brücken zum einheimischen Schaffen. Gleich im Doppelpack erhalten die Nidwaldner Bands Cabinets (Gewinner Sprungfeder 2017) und Techtelmechtel eine Bühne. HebDiDe heisst eine andere Nidwaldner Band, die mit beschwingter Popmusik für die Multikulti-Truppe La Chiva Gantiva aus Belgien eröffnet. Am meisten gespannt sind wir jedoch auf den Intergalactics-Abend: Das Luzerner Duo Blind Butcher hat mit fünf Musikerinnen und Musikern der Stiftung Weidli ein Konzertprogramm erarbeitet. Punk, Space, Rock ’n’ Roll, Disco, Improvisation, exklusiv und inklusiv.

Hochkarätige Hommage

Zu den Jazz-Höhepunkten in Stans gehören das skandinavische Power-Trio The Thing, der amerikanisch-irakische Solotrompeter Amir ElSaffar sowie ein ganz besonderes Projekt mit dem seltsamen Namen «Neues aus Kungusien»: Dahinter versteckt sich eine superbesetzte Musiker-Crew, die mit einer Hommage an den herausragenden Schweizer Saxofonisten und Komponisten Urs Blöchlinger erinnert, der 1995 mit 41 Jahren aus dem Leben schied.

Zum Septett gehört eine hochkarätige Bläser-Sektion mit den Saxofonisten Lino Blöchlinger (Sohn von Urs Blöchlinger) und Sebastian Strinning sowie dem Posaunisten Beat Unternährer. Mit Christoph Baumann (Piano) und Dieter Ulrich (Schlagzeug) sind zwei bekannte Musiker an Bord, die beide lange Jahre mit Blöchlinger zusammengearbeitet haben.

Pirmin Bossart

Dienstag, 10. bis Sonntag, 15. April

23 Bands treten auf 9 Bühnen auf. Täglich gibt es auch Gratiskonzerte auf der Dorfplatzbühne und der Länzgi-Bühne im Esszelt. Es können auch Tages- oder Wochenpässe (Fr. 60.–/70.–/250.–) gekauft werden. VV: Buch- und Kulturhaus von Matt, Stans, oder SMT-Büro, Tel. 041 612 05 88 (Mo–Fr 9.00–16.00).