KULTUR: Im Museum diskutieren und streiten

Nun hat auch Nidwalden ein historisches Museum. Ein Depot für alte Sachen wolle es nicht sein, verspricht Res Schmid.

Romano Cuonz
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Ihnen verdankt Nidwalden ein neues Museum, von links: Initiant Stefan Zollinger, Regierungsrat Res Schmid und Gestalter Jürg Spichiger. (Bilder Romano Cuonz)

Ihnen verdankt Nidwalden ein neues Museum, von links: Initiant Stefan Zollinger, Regierungsrat Res Schmid und Gestalter Jürg Spichiger. (Bilder Romano Cuonz)

Romano Cuonz

«Wie stelle ich mir in der Zeit des Internets ein lebendiges Museum für Nidwalden vor?» – so lautet die rhetorische Frage, die sich Stefan Zollinger, Leiter Amt Kultur und Nidwaldner Museum, als Initiant zu Beginn gestellt hat. Bei der Eröffnung der neuen historischen Dauerausstellung im Stanser Salzmagazin nun beantwortet er diese Frage im Namen all der vielen Beteiligten. «Wir haben dabei an drei Dinge gedacht: an Nähe, an Neugierde und an Stolz.» Auf gar keinen Fall wolle das Stanser Regionalmuseum in Konkurrenz zu Museen mit spektakulären Sammlungen treten – etwa zum Museum für Urgeschichte in Zug oder zum Landesmuseum Zürich. «Ein Regionalmuseum muss konkrete Geschichten erzählen, Geschichten, die nachvollziehbar sind, Geschichten, die nahe am Leben sind», so Zollinger. Und da habe man sich denn auf einige wenige eingängige, erlebbare Geschichten mit konkreten Nidwaldner Figuren konzentriert.

Für alle etwas dabei

Vor Augen und Ohren der Besucher erleben Tourismuspioniere wie Kaspar Blättler oder die Füriger Hotelierfamilie Odermatt ihre Wiederauferstehung. Aber auch ganz Grosse wie Ritter Melchior Lussi, der die Kapuziner nach Stans holte, oder Schwester Augustina Flüeler, die so viel zur Erneuerung der Kirche beitrug. Wichtig ist für Stefan Zollinger, dass im neuen Museum möglichst viele verschiedene Menschen ihre Neugier befriedigen können: Solche mit einem grossen Wissen genauso wie Anfänger, Leute mit viel Zeit und andere, die nur schnell hingucken. «Wichtig ist mir, dass sie alle für sich etwas finden und mit sich hinaustragen können.»

Kluges Konzept lebendig umgesetzt

Auf gerade einmal 85 Quadratmetern zeigt Jürg Spichiger, der Macher der neuen Dauerausstellung, im Parterre die Geschichte Nidwaldens in einem lebendigen und leicht fassbaren Überblick. Garniert mit anschaulichen Bildern, eindrücklichen Gegenständen und beredten Reliefs. Gespannt geht man da den oft mutigen, manchmal trotzigen, stets aber selbstbestimmten Weg Nidwaldens in die Moderne mit. Eine Einleitung und zugleich Einladung zu Sonderausstellungen, die ins Detail gehen, soll es sein. Oder zu unglaublich interessanten Objekten aus der reichen Nidwaldner Sammlung, die im Dachstock gezeigt werden. Nur ein Beispiel: Erstmals ist da eine historische Älplerfahne zu sehen, die der helvetische Statthalter Zschokke (siehe Kasten) dem Distrikt Stans ein Jahr nach dem Franzosenüberfall geschenkt hat. Spichiger sagte an der Eröffnung: «Für mich als Ausstellungsmacher war die grosse Auswahl keine Qual, im Gegenteil, sie war eine erfrischende Herausforderung.» Diese Aussage bezieht sich vor allem auf die Weisheit «Weniger ist mehr». Spichiger präsentiert politische Geschichten bis zum Wellenberg, Militär-, Religions-, Wirtschafts-, Verkehrsgeschichte und gar die Raumentwicklung von der Sackgasse der Voralpenregion zur Stadtlandschaft.

Daran, dass das neue Nidwaldner Ausstellungskonzept Tatsache wurde, hat der Nidwaldner Bildungs- und Kulturdirektor Res Schmid einen massgeblichen Anteil. Entsprechend erfreut ist er denn auch, als er die Ausstellung eröffnet. Und keiner bringt das kulturelle Anliegen, das Nidwalden damit hat, so prägnant auf den Punkt wie er: «‹Mutig, trotzig, selbstbestimmt› zeigt, dass es hier nicht darum geht, die Vergangenheit zu verklären. Vielmehr wollen wir hier Themen zu Nidwalden und seiner Geschichte vorstellen, diskutieren und ruhig auch darüber streiten.»

Zschokke: Helvetier in Nidwalden

Man stelle sich vor: 1799 – ein Jahr nach dem blutigen Franzosenüberfall – sendet die helvetische Regierung aus der Hauptstadt Aarau einen gewissen Heinrich Zschokke (siehe Skulptur) als Kommissär ins kriegsversehrte Nidwalden. Zschokke, geboren 1771 im deutschen Magdeburg, wird über Nacht vom berühmten Publizisten, Schriftsteller und Schöngeist zum Krisenmanager zwischen den verhassten Besatzungstruppen und einer Bevölkerung in grosser Not. Die Belastung ist enorm. Dies dokumentiert die erste Sonderausstellung im Salzmagazin. 

Viel Verhandlungsgeschick

Initiant Dominik Sauerländer: «Für Nidwalden haben wir das Augenmerk auf Zschokkes Wirken in Stans – an der Seite von Heinrich Pestalozzi – gerichtet.» Zschokke ist feuriger Anhänger des zentralistischen Staates. Aber auch Christ. Als solcher beginnt er die trotzigen Nidwaldner mehr und mehr zu verstehen. Seinem Verhandlungsgeschick hat der Kanton viel zu verdanken. Zschokke wollte gar erreichen, dass die Wollstoffe für die Uniformen der helvetischen Truppen in einer staatlichen Nidwaldner Weberei hergestellt würden. Aus Spargründen kam es dann aber doch nicht dazu.

Hinweis

Dauerausstellung «Mutig, trotzig, selbstbestimmt – Nidwaldner Weg in die Moderne»: Salzmagazin in Stans. Öffnungszeiten: Mi 14–20 Uhr, Do–Sa 14–17 Uhr, So 11–17 Uhr.