Trotz Angebot: Nid- und Obwaldner Künstler verzichten auf staatliche Hilfe

Ob- und Nidwaldner Kunstschaffende nutzen die Quarantäne, um an Grossprojekten zu arbeiten – ohne Finanzspritzen.

Romano Cuonz
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Obwalden bietet Finanzhilfe für Kulturinstitutionen. Der Regierungsrat hat beschlossen, 100'000 Franken aus dem Swisslos-Fonds zur Verfügung zu stellen, um Auswirkungen der Coronakrise auf den Kulturbereich abzufedern. Auch Nidwalden stellt einen ähnlichen Beitrag zur Verfügung.

Es gibt Kulturschaffende, die aber davon nicht Gebrauch machen möchten. So zum Beispiel Barbara und Heini Gut: Barbara ist 69- und Heini 72-jährig. 2016 wurde ihnen für ihre gemeinsame konstante und engagierte, kreative Arbeit der Nidwaldner Kulturpreis verliehen. Die beiden leben ganz von ihrer Kunst. Und doch: Die angebotene staatliche Hilfe wollen auch sie auf gar keinen Fall in Anspruch nehmen.

Die Kunstschaffenden Barbara und Heini Gut wurden 2016 mit dem Nidwaldner Kulturpreis ausgezeichnet. Finanzielle Unterstützung von Seiten des Staats wollen sie nicht in Anspruch nehmen.

Die Kunstschaffenden Barbara und Heini Gut wurden 2016 mit dem Nidwaldner Kulturpreis ausgezeichnet. Finanzielle Unterstützung von Seiten des Staats wollen sie nicht in Anspruch nehmen.

Bild: Romano Cuonz (Stans, 1. Mai 2016)

Barbara Gut dazu:

«Wir leben seit eh und je recht bescheiden und geniessen das Privileg, im alten Nidwaldner Haus mit einem für uns sehr wichtigen Garten leben und arbeiten zu dürfen.»

Die Nidwaldner Künstlerin Barbara Gut sagt: «Mein Mann und ich gehören zur Risikogruppe, und ja, dieses unsichtbare Virus macht uns schon Angst.» Das Künstlerpaar lebt seit 1974 in einem einfachen alten Gadenhaus in Stans. Im Moment verlassen die beiden ihr «Heimet» nicht mehr. «Die Spazierwege überlassen wir lieber Familien mit Kindern, die in Stadtwohnungen leben», sagt Barbara Gut. Alle nötigen Einkäufe für sie tätige Balz, der Sohn des verstorbenen Kollegen Klaus Stöckli – oder eine benachbarte Bäuerin.

Noch vor Ausbruch der Pandemie hatte Barbara Gut für die gut besuchte Ausstellung «Himmel auf Erden» in der Luzerner Galleria Periferia einen riesigen Tisch mit zahlreichen Gegenständen konzipiert. «Dass ich dabei viel verkaufen konnte, erweist sich heute als Glücksfall für uns», erklärt sie. Die Quarantäne nutze sie vorerst, um all die Briefe zu beantworten, die sie bekommen habe. «Gedanklich beschäftige ich mich aber auch bereits sehr intensiv mit meiner nächsten Ausstellung in einem Jahr in der Sarner Galerie Hofmatt», sagt Barbara Gut. «Solche Ausstellungen, in denen ich intensiv auf die Räumlichkeiten eingehe, zehren unglaublich an meinen Kräften.» Aber zurzeit denke sie mehr an die verlassenen Menschen mit ihren Ängsten und Nöten als an sich selber.

Barbara und Heini Gut haben noch genug Aufträge

Auch ihr Mann, Heini Gut, arbeitet in der erzwungenen Abgeschiedenheit intensiv für eine Ausstellung. Diese soll am 1. September in der Luzerner Galerie Apropos eröffnet werden. «Ich fertige dazu einen grossen, beschriebenen Teppich aus Papier an», sagt er. Mit Schriftstreifen, die sich kreuzten und sechs Zentimeter grossen Buchstaben webe er darin einen fortlaufenden freien Text ein. Bestehend aus Hunderten von Wörtern. «Mit diesem Teppich lege ich den ganzen, 16 Quadratmeter grossen Galerieboden aus, und die Zuschauer können ihn begehen», verrät Gut. Die Verbindung von sprachlicher Auseinandersetzung, Objekt und performativer Inszenierung war schon immer etwas, womit Heini und auch Barbara Gut überzeugen konnten.

Heini Gut bedauert, dass geplante Ausstellungen im Museum Sankturbanhof in Sursee oder im Entlebucherhaus in Schüpfheim, bei denen er mitgemacht hätte, verschoben werden mussten. Aber er ist dennoch zufrieden und sagt: «Es kommen immer wieder Anfragen, wir haben genug zu tun.»

Kurt Sigirst: «Wir schotten uns zwangsläufig ab»

«Ich habe mich stets munter und eigentlich nie müde gefühlt, doch jetzt hat die Coronakrise uns zu alten Leuten gemacht», sagt der über die Landesgrenzen hinaus bekannte Obwaldner Bildhauer Kurt Sigrist.

Der Obwaldner Bildhauer Kurt Sigrist darf für das grösste Hochbauprojekt der Schweiz ein Wandrelief gestalten

Der Obwaldner Bildhauer Kurt Sigrist darf für das grösste Hochbauprojekt der Schweiz ein Wandrelief gestalten

Bild: Romano Cuonz

Die Vorschriften des Bundesrates würden er und seine ebenfalls als Künstlerin tätige Frau Agnes Wigger Sigrist befolgen. Der 76-Jährige sagt:

«Wir schotten uns zwangsläufig ab.»

Er fügt hinzu: «Viel Zeit verbringen wir jetzt auch im denkmalgeschützten Bauernhaus Arbensäge ob Stalden», sagt Sigrist. Dort habe sein Vater Christian die bekannten Miniaturen als sichtbare Zeugnisse für das Handwerk und die Landwirtschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschnitzt. «Das Haus gehört jetzt uns, und wir bereiten es für eine dringend nötige Renovation vor», erzählt Kurt Sigrist. Und: «Wir machen jetzt eine Zeitreise!»

Seine Eltern hätten zahlreiche alte Zeitungsberichte, Ansichtskarten und andere wertvolle Dokumente gesammelt. Diese würden sie nun Stück für Stück genau sichten und teils archivieren. Schon als junger Bildhauer arbeitete Kurt Sigrist oft in der Arbensäge. Vor allem, wenn er für Skulpturen einen grösseren Werkplatz brauchte.

Glücklich ist Kurt Sigrist darüber, dass er zurzeit trotz Coronakrise einen Grossauftrag in Arbeit hat. «Ich darf im grössten Hochbauprojekt der Schweiz ein sieben auf vier Meter grosses Wandrelief gestalten», schildert er. Die Rede ist von «The Circle». Am Flughafen Zürich entsteht ein riesiger Dienstleistungskomplex. «The Circle» wird zu einer kulturellen und wirtschaftlichen Bereicherung über die Flughafenregion hinaus. Eröffnung soll am 1. September 2020 sein.

Entwürfe vorgelegt, alles ausgemessen, und Besprechungen abgehalten habe er glücklicherweise noch, bevor das Virus in der Schweiz ausgebrochen sei. Nach Ostern würde man dann in die Ausführungsphase treten. Grosse Arbeiten führe er etwa gemeinsam mit Toni Halter in der Giswiler Werkstatt Spichermatt aus. «Wenn alles gut geht, werden wir das Relief Mitte Juli nach Zürich transportieren und montieren», hofft Sigrist. Finanzhilfe des Kantons würden er und seine Frau sicher nicht in Anspruch nehmen. «Mit der AHV und Einnahmen aus Grossaufträgen in den letzten Jahren kommen wir gut durch die Krise», versichert er.

Judith Albert: «Ich kann in dieser Zeit konzentriert arbeiten»

Ein Werk der Alpnacher Künstlerin Judith Albert wird den Lichthof des Feuerwehrgebäudes in Uster zieren.

Ein Werk der Alpnacher Künstlerin Judith Albert wird den Lichthof des Feuerwehrgebäudes in Uster zieren.

Bild: Romano Cuonz

Nicht zur Risikogruppe gehört die 51-jährige gebürtige Alpnacher Künstlerin Judith Albert. Sie lebt mit ihrem Lebenspartner Gery Hofer in Zürich. Der 60-Jährige arbeitet mit der Innerschweizer Kulturpreisträgerin seit 2006 in der Konzeption der grossen Werke intensiv mit, wenn auch im Hintergrund. «Obwohl wir für uns und andere einkaufen gehen, sind wir sehr vorsichtig», sagt Judith Albert. Freunde würden sie jetzt nicht mehr treffen. Zu den vom Staat angebotenen Finanzhilfen meint Albert:

«Wir sind auf der guten Seite, haben wir in letzter Zeit doch einige Arbeiten verkauft. Hilfe würden wir erst beanspruchen, wenn wir weder mehr ein noch aus wüssten.»

Andere Kulturschaffende hätten jetzt das vorhandene Geld nötiger. In der Tat: Albert beteiligt sich seit Jahren mit Erfolg international an Kunstausstellungen wie auch an Videofestivals. Dazu hat sie zahlreiche Werke am öffentlichen Bau realisiert. Nur eines von vielen Beispielen: In der St.-Ursen-Kathedrale Solothurn hat sie gemeinsam mit Gery Hofer und Brauen Wälchli Architects, Lausanne, den Chorraum neu gestaltet.

Knapp bevor das Virus die Schweiz erreichte, nahm Albert im renommierten Haus Aux Losanges in Tschiertschen noch an einer Gruppenausstellung teil. «Ich konnte da einiges verkaufen», sagt sie dankbar. Auch hat die Obwaldnerin den Projektwettbewerb für Kunst am Bau beim neuen Werkhofareal Uster gewonnen. Ihr Mosaik aus farbigen Glassteinen wird den Lichthof des erneuerten Feuerwehrgebäudes zieren. «Meine Arbeit heisst ‹Öl auf Wasser› und ist ein acht auf acht Meter grosses Bodenmosaik in einem gefangenen Hof», erläutert Albert.

Sie ist sehr froh, dass die Steinchen in Italien trotz Coronakrise hergestellt werden konnten. Allerdings, so die Künstlerin, sei doch sehr fraglich, ob auch die für Mai geplante Installation der Arbeit in Uster wie geplant ausgeführt werden könne. Genug zu tun hat Judith Albert aber auch so. «Positiv ist, dass ich in dieser Zeit konzentriert arbeiten kann», sagt sie. «Jedenfalls, solange ich keine Angst vor dem ‹wie weiter?› habe.»