LANDESVERMESSUNG: Die beiden Halbkantone wachsen

Ein neues Koordinatensystem lässt die Fläche von Ob- und Nidwalden bis Ende Jahr grösser werden – auf dem Papier.

Christoph Riebli
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Die Vermessung hat Einfluss auf die Koordinaten von Grenzpunkten. (Bild: PD)

Die Vermessung hat Einfluss auf die Koordinaten von Grenzpunkten. (Bild: PD)

Gross ist gut und grösser besser: Bis Ende 2016 wird die Fläche Obwaldens um 5500 Quadratmeter zulegen. In Nidwalden sind es 1185. Dafür verantwortlich sind aber nicht expansive Gelüste der beiden Halbkantone, sondern die Einführung eines neuen Koordinatensystems. Hinter dem Namen LV95 versteckt sich ein genaueres, engeres Raster, das im übertragenen Sinne über die Schweiz gestülpt wird. Natürlich nur auf dem Papier und gestützt auf modernste Satellitentechnik.

Als die Schweiz um 1903 zuletzt amtlich vermessen wurde, galt es dafür noch auf Berge zu steigen und mit Theodoliten Winkel zu bestimmen. Mit sogenannten Dreiecksmessungen wurden die Abstände zwischen den einzelnen Gipfel berechnet und auf Karten und Pläne übertragen. «Das war eine aufwendige Sache», sagt Peter Abry, zuständiger Nachführungsgeometer von Trigonet. Sein Job ist im Gegensatz zu damals «reine Büroarbeit», wie er sagt. Seit den 1990er-Jahren hat der Bund (Swiss Topo) die Grundlagen für den Systemwechsel erarbeitet – mit der Seh- und Messhilfe aus dem Weltall. Diese Daten gilt es nun, auf Ob- und Nidwalden zu übertragen. Sowohl in das geografische Informationssystem (GIS) als auch ins Grundbuch.

Dem Ruf der Praktiker gefolgt

Bis zu drei Meter betragen die Abweichungen zum neuen System gesamtschweizerisch. «Es ist nicht viel Differenz zwischen einzelnen Messpunkten, doch es summiert sich auf bis zur Landesgrenze hin», veranschaulicht Abry. Und lobend zur Arbeit seiner Vorgänger: «Es ist erstaunlich, dass es nicht grössere Differenzen gibt.» Handlungsbedarf bestehe deshalb, weil immer mehr Ingenieure und andere Bauleute ihre Messungen via GPS durchführten. Bis anhin mussten diese jeweils wieder in den Vermessungsplan anno 1903 zurückgerechnet werden. Dieser Umweg soll mit der Umstellung bis Ende 2016, wie es der Bund gegenüber den Kantonen fordert, wegfallen.

Nicht davon betroffen sind jegliche Höhenangaben. Das Buochserhorn und das Stucklichrüz bleiben also auch auf dem Papier gleich hoch wie heute. Ebenfalls bleiben Wander- oder Bikekarten gültig. Diese richten sich nach einem europäischen Standard «mit geringerer Genauigkeit», erklärt Peter Abry.

Grundeigentümer müssens erdulden

Die Knacknuss bei der amtlichen Vermessung: Die Änderungen im kleinräumigen Obwalden und Nidwalden sind marginal, doch haben auch sie Einfluss auf die Koordinaten von Grenzpunkten. Auf dem Papier, im Grundbuch, werden also auch die Grundstücksparzellen verschoben. Konsequenz: «Die Fläche der Parzellen werden frisch gerechnet. Dabei kann es Differenzen geben», sagt Abry. Zwar bleibe in Realität alles an Ort und Stelle, «niemand verliert faktisch an Eigentum». Auf dem Papier hingegen könne eine Parzelle von 1000 Quadratmeter plötzlich 1001 oder gar 999 Quadratmeter messen. Abry spricht dabei von «Rundungsdifferenzen», die bei grösseren Parzellen stärker ausgeprägt seien als bei kleineren.

Und: Dagegen kann man sich als Grundeigentümer nicht wehren. Die Anpassungen im Grundbuch werden von Amtes wegen vollzogen. Diese gelte es zu dulden, ohne Anspruch auf Rechtsmittel. Grundsatz: Der Grundbuchplan und nicht wo ein Grenzstein auf der grünen Wiese liegt, ist ausschlaggebend. Deshalb werden diese Grenzpunkte im Gelände bei Bedarf nachvermessen. Auch das gehört zur Arbeit eines Nachführungsgeometers. Apropos Arbeit: «Die amtliche Vermessung ist fast schon abgeschlossen. Die Übermittlung der neuen Flächen ins Grundbuchamt wird in den nächsten Wochen erfolgen», sagt Peter Abry.