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Lehrpersonen in Ob- und Nidwalden: «Wir sind gefordert, kreativ zu werden»

Lehrerinnen und Lehrer müssen ihren Arbeitsalltag total umkrempeln. Es warten ganz neue Herausforderungen auf sie.

Florian Pfister
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Toni Durrer, Oberstufenlehrer in Stansstad.

Toni Durrer, Oberstufenlehrer in Stansstad. 

Bild: Adrian Venetz (Stansstad, 21. März 2020)

Ein noch ungewohntes Bild: Es wäre Unterrichtszeit, doch die Stühle sind leer. Einzig die Lehrperson sitzt noch auf dem gewohnten Platz. Aber auch das ist nicht immer so. Wie in vielen anderen Berufen arbeiten auch viele Lehrerinnen und Lehrer von zu Hause aus.

«Wir sind gefordert, kreativ zu werden», sagt Toni Durrer, Oberstufenlehrer der Schule Stansstad. Es sei momentan noch ein Abwägen, wie viele Aufgaben die Lehrpersonen den Schülern aufgeben sollen und ob die gewählte Lernform funktioniert. «Rückmeldungen von Schülern sind sehr wichtig, um allenfalls Anpassungen vorzunehmen», sagt Durrer.

«Das Problem ist, dass der persönliche Kontakt wegfällt», erklärt Nino Bühler, Oberstufenlehrer in Kerns. «Man kann zwar weiterhin die Fragen der Schüler beantworten, aber es ist viel aufwendiger.» Den Unterricht ersetzt die momentane Lösung nicht, da ist man sich in den Schulen einig. «Beim Schulstoff gibt es sicherlich Themen, die auch in dieser Form gut lernbar sind. Wenn aber der soziale Kontakt wegfällt, ist das unersetzlich», sagt Nino Bühler.

Verschiedene Lösungen bei anderen Altersstufen

«Es ist irrsinnig toll, mit Kindern zusammenzuarbeiten. Es ist etwas Wunderbares und das fehlt jetzt einfach», bedauert Armin Amstad, Fünft- und Sechstklasslehrer in Stansstad. Alle Papiere oder Bücher, welche die Schüler nicht zu Hause haben, sollen digitalisiert und den Kindern elektronisch zugestellt werden. «Wir sind bemüht, den Schülern Anweisungen und Erklärungen per E-Mail abzugeben. Besonders bei Einführungen in ein Thema ist das aber eine Herausforderung», sagt Amstad. Darum ist in den Schulen in Ob- und Nidwalden zumindest bis zu den Osterferien Repetition und Vertiefung angesagt. Der verpasste neue Stoff hat insbesondere Folgen für die Oberstufenschüler. «Es besteht bei vielen Schülerinnen und Schülern die Angst, durch den verpassten Schulstoff später in der Berufsschule einen Nachteil zu haben», sagt Toni Durrer.

Auch die Erst- und Zweitklässer in Sachseln repetieren und vertiefen ihren Schulstoff. Die Lehrpersonen haben sich einen speziellen Stundenplan einfallen lassen. Dieser besteht aus drei Feldern und muss mit verschiedenfarbigen Aufgaben gefüllt werden. Jede Farbe steht dabei für ein anderes Fach. Die Aufgaben schreiben die Kinder in ihre Tagebücher. «Die Familie kann so ihren Tag selbst strukturieren», sagt Klassenlehrerin Karin Ulrich. Auch Zusatzaufgaben, die Sozialkompetenzen stärken, gibt es. «Schreib deinem Grosi einen Brief» oder «Schreib dem Spital und sage ‹Danke›», sind Beispiele dafür. «Aufgrund einiger Rückmeldungen und Fotos von Eltern freut es mich zu sehen, auf welche Art und Weise die Kinder ihre Aufgaben meistern.»

Eigenverantwortung der Schüler muss gross sein

Das Ob- und Nidwaldner Lehrpersonal gab letzte Woche gestaffelt neues Schulmaterial ab. Die Oberstufenschüler in Stansstad sollen drei Stunden, diejenigen in Kerns vier Stunden pro Tag für die Schule arbeiten und sich eine Tagesstruktur einrichten. Was durch die neue Lernsituation wegfällt, ist unter anderem eine ordentliche Kontrolle. «Die Kontrolle durch die Lehrperson ist nur noch minim möglich. Von den Schülerinnen und Schülern braucht es eine enorme Eigenverantwortung», sagt Armin Amstad. So führen sie beispielsweise Arbeitsjournale oder die Lehrpersonen stellen ihnen Aufgaben zu, welche sie als Word-Dokument zurücksenden müssen.

Schon jetzt sei die Eigenverantwortung spürbar, meint Armin Amstad. «Bis jetzt läuft es gut.» Die Websites seien teilweise überlastet und brechen zusammen – ein Indiz für den Fleiss der Schülerinnen und Schüler. Auch Toni Durrer lobt ihre Eigenverantwortung. «Ich bin beeindruckt, wie die Schüler den Ernst der Lage verstanden haben.» Die ersten Tage hätten sie sich noch über «Ferien» gefreut, nun sei die Langeweile ein grosses Thema. «Schon kurz nach der Aufgabenzustellung beantworte ich die ersten Fragen.»

Diverse Möglichkeiten, Fragen zu stellen

Karin Ulrich betont, dass besonders die Jüngeren Unterstützung von den Eltern brauchen. Die Aufgaben werden zwar so gestellt, dass die Kinder sie allein lösen könnten, in der Tagesplanung seien sie aber auf Hilfe von zu Hause angewiesen. «Auch für Eltern ist es eine ungewöhnliche und anspruchsvolle Situation», sagt Ulrich. «Wir sind für ihre Mitarbeit und Unterstützung sehr dankbar.» Genau wie sie ist auch Armin Amstad der Meinung, dass jüngere Schüler mehr Mühe hätten als ältere, Neues zu lernen. «Buchstaben lernen geht nicht per E-Mail.»

Die Schüler können sich per E-Mail oder Telefon an die Lehrperson wenden, teilweise auch per Videochat. Das Tool «Teams» wird in den oberen Klassen genutzt oder derzeit eingerichtet. Die Siebt- und Achtklässler in Stansstad haben schon vor der Corona-Krise ihre Hausaufgaben teilweise digital erledigt. Sie verfügen über Tablets mit Tastatur und sind mit den entsprechenden Programmen bereits vertraut. Für andere Klassen ist es eine grössere Umstellung.

«Wir müssen zuerst Erfahrungen sammeln»

Der digitale Zugang ist auch in Kerns ein Thema. Die Schule hat eine Umfrage bezüglich des Laptopzugangs gemacht. «Es gibt Schüler mit uneingeschränktem Zugang, aber auch andere, die nicht immer einen Laptop zur Verfügung haben», sagt Nino Bähler. Ausschliesslich digitale Aufträge seien momentan nicht umsetzbar. «Wir müssen noch den besten Weg finden. Das braucht Zeit.»

«Es ist ein Prozess», sagt auch Toni Durrer. «Schulisches wird in Stansstad nun auf digitalen Kanälen erledigt. Wir müssen zuerst Erfahrungen sammeln.» Die Lehrerschaft tausche sich rege untereinander aus. Nino Bähler ergänzt: «In Kerns sind wir stetig daran, uns neu zu organisieren.»

Strenge Vorbereitungszeit bei Lehrpersonen

Der Alltag der Lehrpersonen hat sich geändert. «Primär arbeite ich am Computer, beantworte E-Mails oder telefoniere. Ich komme mir fast vor wie ein Sachbearbeiter», sagt Toni Durrer schmunzelnd und ergänzt: «Zukünftig werde ich wohl nicht nur eine schulische Beratungsfunktion innehaben, sondern auch andere Fragen besprechen, falls es schwierige Situationen zwischen Eltern und Schülern zu Hause gibt.»

Die ganze Umstellung, die Besprechungen und die Vorbereitungszeit seien anspruchsvoll gewesen, sagt Karin Ulrich. Der Lehreralltag werde jedoch bald wieder anders ausgelastet sein. «Zukünftig bleibt wohl mehr Zeit für begleitende Tätigkeiten, zu denen wir sonst weniger kommen.» Auch für Nino Bähler ist die Anfangszeit intensiv gewesen. «Wenn wir einen geregelten Tagesablauf haben, wird es nicht mehr so turbulent sein.»

«Eine Chance für die Zukunft»

Die Situation sei auch eine Chance für die Zukunft, freut sich Toni Durrer. «In Stansstad wollten wir uns schon länger auf den Weg der Digitalisierung machen. Es war aber kein Druck vorhanden, dies sofort zu tun.» Die Schüler und Lehrer würden nun bereits Fortschritte machen und fit werden, solche Kanäle und Medien zu nutzen.

Sollten die Schulen länger als bis zu den Osterferien geschlossen bleiben, so müssen sie weitere Überlegungen anstellen. Besonders schwierig sei es, neuen Stoff verständlich beizubringen. «Vielleicht können wir über Videoanleitungen nachdenken, um den Schülern Neues besser vermitteln zu können. Dazu braucht es wiederum die Hilfe der Eltern», überlegt Karin Ulrich.

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