In der Dampflok der Brienz-Rothorn-Bahn: Für jungen Stanser wird ein Bubentraum wahr

Der kognitiv beeinträchtigte Leo Wyder ist begeistert von Dampfloks – und durfte nun dank einer Aktion der Kinderhilfe Sternschnuppe vorne mitfahren.

Monika Hartig
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Dank der Kinderhilfe Sternschnuppe und der Brienz-Rothorn-Bahn konnte Leo im Führerstand mitfahren – und selbst Kohlen schaufeln.

Dank der Kinderhilfe Sternschnuppe und der Brienz-Rothorn-Bahn konnte Leo im Führerstand mitfahren – und selbst Kohlen schaufeln.

Bild: PD

Ein sonniger Herbstmorgen im Oberland Ost. Beim Depot der Brienz-Rothorn-Bahn (BRB) in Brienz warten Lucia Wohlgemuth und Michelle Bircher von der Stiftung Sternschnuppe auf ihren Einsatz. Leo Wyder (15) und seine Familie reisen mit Autismusbegleithund Vegas aus Stans mit dem Auto an. Der mit einem kognitiven Handicap lebende Jugendliche ist begeistert von Dampflokomotiven; er liebt deren Geräusche und Geruch und ist fasziniert vom Kohleschaufeln. Leo, in Jeans und gelber Fleecejacke, wird mit einem Mikrofon verkabelt für die Übertragung des Ereignisses auf Tele1. Mutter Edith Wyder: «Leo spürt, dass jetzt etwas Interessantes passiert, kann das aber nicht ganz einordnen.»

Grosse Kinderaugen in der Werkhalle der BRB

Auf der Rampe begrüsst Bruno Zurbuchen, Leiter Rollmaterial der BRB, die Gruppe. Alle müssen gelbe Schutzwesten tragen. In der Werkhalle dampft, dröhnt und zischt es nur so; Unterhaltspersonal arbeitet an den Loks. Leo sieht sich mit grossen Augen um. Vor dem Einstieg ins Führerhaus einer kohlebefeuerten Dampflok mahnt Zurbuchen zur Vorsicht: «Wenn man die Klappe öffnet, kommen einem Feuer und Rauch entgegen.» Lokführer Lieni Pietschi gibt Hilfestellung; Vater Lukas Arnold steht Leo bei, als er mehrere Schaufeln Kohlen einfeuert. Fasziniert verfolgt Leo vom Führerstand aus das Rangieren der Lok in der Werkhalle. Danach heisst es Kopf einziehen und hinunter in die Wartungsgrube, wo der Jugendliche die Unterseite der Dampflok besichtigen kann.

«Da bin ich wieder!», sagt Leo. Er küsst seine Mutter auf die Wange und Labrador Vegas auf den Kopf. Der Teenager betrachtet fasziniert einen Schraubenschlüssel und erklärt: «Ich möchte helfen gehen!»

Es seien heute viele Eindrücke auf einmal für ihren Jungen, sagt Edith Wyder, schulische Heilpädagogin und spezialisiert auf autistische Kinder. Leo rea­giere oft nicht, wenn er angesprochen werde. Um seine Aufmerksamkeit zu erregen, etwa fürs Fotoposing, kennt die Mutter einen Kniff. Sie rufe jeweils «Ich bin entzückt!» oder «Papperlapapp!» – und Leo lache. «Er findet das megalustig.»

Keine Freude bereitete das Aussteigen aus der Lok

Die Fahrt in die Berge dürfen Leo und seine Mutter im Führerstand einer heizölbefeuerten Dampflok erleben. Leo lehnt sich aus dem Fenster und winkt allen zu. In den Felsentunnels dröhnt der Zug ohrenbetäubend laut. Bei der Mittelstation Plan­alp steigt die Gruppe aus. Edith Wyder berichtet: «Ich habe Leo fast nicht mehr aus dem Zug gebracht, er wurde beinahe wütend, als er aussteigen musste.» Im Führerstand sei es heiss wie in einer Sauna gewesen. Erschöpft ruht sich Leo im Gras aus. Vater Lukas Arnold fotografiert Leos Hände, die vom Kohleschaufeln ganz schwarz sind.

Leo im Führerstand der Berner Oberländer Dampflokomotive.

Leo im Führerstand der Berner Oberländer Dampflokomotive.

Bild: PD

Zum prächtigen Bergpanorama auf der Planalp ertönt Glockengeläut einer nahen Kuhherde. Leo schaut zu, wie der Lok­führer des Dampfwürstli­bummlers, die Hände in weissen Handschuhen, die heissen Würst­li aus dem Kessel der Kohlelok holt. Im offenen Chalet an der Bahnlinie geniesst die Reisegesellschaft den Imbiss. Vor der Weiterfahrt aufs Brienzer Rothorn, wo das Mittagessen wartet, bilanziert Edith Wyder:

«Es ist sehr berührend,
mit der ganzen Familie
so positiv im Zentrum zu stehen.
Wir sind der Stiftung Sternschnuppe dankbar.»
Ein schöner Tag für die Familie aus Stans, von links: Mutter Edith Wyder, die Geschwister Ladina, Leo und Mia Wyder sowie Familienvater Lukas Arnold im Depot der Brienz-Rothorn-Bahn.

Ein schöner Tag für die Familie aus Stans, von links: Mutter Edith Wyder, die Geschwister Ladina, Leo und Mia Wyder sowie Familienvater Lukas Arnold im Depot der Brienz-Rothorn-Bahn.

Bild: PD

Die Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe

(pd) «Siehst du nachts eine Sternschnuppe am Himmel aufleuchten, darfst du dir etwas wünschen», sagen Eltern gerne ihren Kindern. Einen Stern vom Himmel zu holen für Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre, die mit einer Krankheit, einem Handicap oder den Folgen einer schweren Verletzung leben, ist Zweck der Stiftung Kinderhilfe Sternschnuppe. «Ein erfüllter Herzenswunsch beschert einem Kind Freude und Glück, gibt Kraft und Zuversicht und bereichert den oft beschwerlichen Alltag», heisst es auf der Website. Die schweizweit tätige Nonprofit-Organisation mit Geschäftsstellen in Zürich und Lausanne finanziert sich durch Spenden und hat seit der Gründung 1993 schon an die 3000 Herzenswünsche von Kindern erfüllt. So etwa einen Besuch im Zoo, im Zirkus oder eines Fussballmatchs. Weitere Wünsche waren et-wa, bei einem Alpabzug mitzumarschieren, einem Coiffeur zur Hand zu gehen, bei einer Schafschur zu helfen oder mit der Polizei Streife zu fahren. Ehrenamtliche Wunschbegleiterinnen und
-begleiter stehen der Familie unterstützend zur Seite, wenn der Traum eines Sternschnuppekindes wahr wird und ihm ein unvergesslicher Tag ermöglicht wird.