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Löwenzahn: Wenn die Wiese zum gelben Meer wird

Heilkraut und Unkraut, bitter und süss, gelb und weiss: Der Löwenzahn ist eine Pflanze mit vielen Gesichtern. Ihr Blütenkopf färbt Obwaldner und Nidwaldner Wiesen heuer sattgelb – und landet vermehrt im Kochtopf.
Simon Mathis
Zurzeit sind die Wiesen sattgelb mit weissen Tupfen. Hier ein Löwenzahnfeld auf Wirzweli, im Hintegrund Schwanden oberhalb von Büren. (Bilder: Pius Amrein, Nidwalden und Obwalden, 24. April 2019)

Zurzeit sind die Wiesen sattgelb mit weissen Tupfen. Hier ein Löwenzahnfeld auf Wirzweli, im Hintegrund Schwanden oberhalb von Büren. (Bilder: Pius Amrein, Nidwalden und Obwalden, 24. April 2019)

Gelb so weit das Auge reicht: Die Obwaldner und Nidwaldner Wiesen haben heuer einen kräftigen Farbstich. Der Löwenzahn blüht fleissig. In den heimischen Gärten sorgt die Pflanze mit dem wissenschaftlichen Namen «Taraxacum officinale» eher für Ärger. Sie wird als Unkraut ausgerissen. Allerdings hat der Löwenzahn auch gute Seiten. Viele sogar: kulinarisch, gesundheitlich und kulturell.

Auch viele Namen hat der Löwenzahn; sie reichen von beleidigend bis schmeichelhaft. Die Bezeichnung Löwenzahn selbst kommt von den zackigen Blättern und dem strahlend gelben Blütenkopf, der an eine Löwenmähne denken lässt. Auch in anderen Sprachen gibt es Entsprechungen: etwa «dandelion» im Englischen und «dente di leone» im Italienischen.

Die Saublume

Im Volksmund ist der Löwenzahn auch als «Saublume» bekannt. Laut Mundart-Wörterbuch Idiotikon kommt diese Bezeichnung von ihrer früheren Verwendung als Schweinefutter. Allerdings sind es vor allem Kühe, für die das Kraut ein Festschmaus ist. «Der Löwenzahn ist sehr schmackhaft und von durchschnittlicher Futterqualität», erläutert Andreas Egli, Leiter des Nidwaldner Amtes für Landwirtschaft. Kein Wunder also, dass man dem Löwenzahn auch «Kuhblume» sagt.

Zu viel Löwenzahn in einer Wiese kann sich auch als Nachteil erweisen, denn für die Futterkonservierung eigne sich die Pflanze nur mittelmässig. Die Bezeichnung «Saublume» könnte also auch beleidigend gemeint sein. «Der Löwenzahn ist äusserst robust und verteilt seinen Samen über weite Distanzen», so Egli. Deshalb müsse man aufpassen, dass er nicht überhandnehme. «Wenn der Anteil des Löwenzahns über 15 Prozent liegt, ist das problematisch», sagt auch Simon Niederberger, Präsident des Obwaldner Bauernverbandes. «Dann fehlt die Masse, um die Tiere zu füttern.»

Steile Wiesen mit viel Löwenzahn führten zudem zu Problemen beim Mähen. «Das Gras bildet ein standhaftes Skelett, der Löwenzahn durchbricht dieses und macht die Hänge rutschig», so Niederberger. Das mache das Manövrieren der Mähmaschinen schwieriger. Wenn es zu viel Löwenzahn gebe, könne man mit Übersaat das Wachsen von Gräsern fördern, oder die Kühe früher als üblich weiden lassen, erläutert Niederberger.

Ein Festschmaus für Kühe, wenn auch nur mässig nahrhaft: der Löwenzahn. Im Bild eine Wiese in Stans.

Ein Festschmaus für Kühe, wenn auch nur mässig nahrhaft: der Löwenzahn. Im Bild eine Wiese in Stans.

Die Butterblume

Wenn Kühe Löwenzahn essen, hat das eine Auswirkung auf das Aussehen der Milch und vor allem der Butter: Sie erhält ein intensiveres Gelb. Das liegt am Naturfarbstoff Carotine, erläutert der Milchwissenschaftler Oskar Flüeler aus Alpnach. «Carotine ist eine Vorstufe des Vitamin A, das gut für die Augen ist», so Flüeler. Besonders reich an Carotine seien Grünkohl und Karotten – und eben der Löwenzahn. Daher ist der Name «Butterblume» durchaus gerechtfertigt.

«Der Einfluss des Löwenzahns ist auch in der Milch zu schmecken», sagt Flüeler. Zurzeit habe die Milch einen Grasgeschmack, der auch von den Blüten komme. «Nicht alle Leute mögen diesen Geschmack, aber zurzeit ist die Milch besonders gesund.»

Die Pissnelke

Auch als Heilkraut ist der Löwenzahn beliebt. Aufgrund ihrer harntreibenden Wirkung hat die Pflanze den wenig schmeichelhaften Übernahmen «Pissnelke» erhalten. Aber der Löwenzahn habe noch wichtigere Eigenschaften, sagt die Kräuterfrau Beatrice Bissig vom Hof Neufallenbach in Grafenort. Sie verwendet den Löwenzahn als Zutat für Tee. «Der Löwenzahn gehört zu den besten Stimmungsaufhellern», so Bissig. Ausserdem fördere er den Fettstoffwechsel, wirke positiv auf Leber und Galle.

«Die Pflanze verkörpert eine hohe Flexibilität. Sie wächst auf der Alp ebenso wie in der Stadt zwischen Asphaltspalten.» Der Löwenzahn sei auch ein Zeichen der Zeit, meint Bissig: «Das dichte, gelbe Löwenzahnmeer, das man auf vielen Wiesen sieht, deutet auf ein verdichtetes, verfettetes Umfeld hin.» Ein solches käme etwa durch intensive Landwirtschaft zustande. «Und auch wir Menschen leben verdichteter und verfetteter als auch schon.»

Der Sonnenwirbel

«Dieses Jahr wächst der Löwenzahn besonders üppig», sagt Melk Gut vom Ennetmooser Hof Feld. «So zündgelb wie jetzt sind die Wiesen nur selten.» Das habe unter anderem mit dem trockenen Boden zu tun. Denn der Löwenzahn mit seinen tiefen Wurzeln könne länger Wasser aufnehmen als die meisten anderen Pflanzen. «Die Blüten sind heuer lange offen. Das ist erfreulich.» Denn wie beim Obst gelte auch beim Löwenzahn: Wenn er länger Sonne tankt, ist das Aroma intensiver.

«Zündgelb» sind sie, die Wiesen. Zum Beispiel in Kerns.

«Zündgelb» sind sie, die Wiesen. Zum Beispiel in Kerns.

Das Aroma der Pflanze ist für Melk Hug deshalb wichtig, weil er aus Löwenzahn eine Spezialität herstellt: den «Lewäzahnwey», ein süsslicher, leichter Apéro-Wein. Die Idee dazu ist ihm gekommen, als er an einem Frühling wie heuer eine Wiese mähte, die gelb war vom Löwenzahn. «Diesen leichten, süsslichen Duft wollte ich in eine Flasche bringen», sagt Gut. Bis der Duft dann tatsächlich in der Flasche war, habe es gedauert. Denn: «Nicht alle haben an die Idee geglaubt, aber ich habe nicht lockergelassen.»

Der Löwenzahn lässt sich von Blütenkopf bis Wurzel verspeisen. Aus den Blättern kann man Salat machen, wobei die hellen jungen Blätter weniger bitter sind als die älteren. Mit einfachen Zutaten und etwas Zeit kann man aus dem gelben Blütenkopf auch Honig machen (siehe Rezept ganz unten). Apropos Honig: Für die zunehmend bedrohte Biene ist der Löwenzahn eine beliebte Anflugstation, denn die Pflanze erblüht vergleichsweise früh und liefert dem Insekt nach dem Winter besonders viel Nektar und Pollen.

Die Pusteblume

Wenn sich der Löwenzahn in die Pusteblume verwandelt, verteilt sie ihre Früchte wie mit kleinen Fallschirmen in alle Winde. Der Anblick des fluffigen Knäuels dürfte so manche Kindheitserinnerung wecken. Die weissen Schirmflieger mit einem kräftigen Pusten zum Fliegen bringen – ein typisches Frühlingsvergnügen.

Der Flug des Löwenzahns hat Symbolkraft. Das bezeugt etwa die neue Fünfzigernote der Schweizer Nationalbank, die eine sich auflösende Pusteblume zeigt. Laut Nationalbank soll das Motiv die erlebnisreiche Seite der Schweiz darstellen.

Pusten lässt sich der Löwenzahn übrigens bereits jetzt. Wer die gelben Felder betrachtet, erblickt schon die ersten weissen Farbflecken.

Es gibt sie schon jetzt: Die Pusteblume. Diese hat unser Fotograf Pius Amrein auf Wirzweli gesichtet.

Es gibt sie schon jetzt: Die Pusteblume. Diese hat unser Fotograf Pius Amrein auf Wirzweli gesichtet.

Rezept: Löwenzahnhonig

Wer Zeit und reichlich Löwenzahnköpfe hat, kann sich an der Zubereitung von Löwenzahn-Honig versuchen, der sich gut als frühlingshaftes Geschenk eignet. Achtung: Wer frischen Löwenzahn pflückt, sollte das auf einer Wiese tun. Ausserdem auf einer, die nicht gedüngt wird. Das folgende Rezept stammt von Maya Keiser vom Ennetmooser Hof Bitzi.

  • Eine Fünf-Liter-Pfanne mit gelben Löwenzahnköpfen füllen.
  • Kaltes Wasser in die Pfanne giessen, bis die Köpfe bedeckt sind.
  • Eine Zitrone in Scheiben schneiden und dazugeben.
  • Wasser aufkochen und 1 Stunde lang köcheln.
  • Über Nacht stehen lassen.
  • Am nächsten Tag die Köpfe absieben.
  • Zwei Liter des Aufgusses mit zwei Kilo Zucker aufkochen.
  • Köcheln lassen, bis der Aufguss dickflüssig wird. Das kann etwa vier Stunden dauern.
  • Den heissen Aufguss in Gläser abfüllen, abdecken und abkühlen lassen.
(Bild: PD/Maya Keiser)

(Bild: PD/Maya Keiser)

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