Kolumne
«Ich meinti»: Mal eben raus in die Natur

Unter Natur versteht jeder etwas anderes. Der Camper beispielsweise fühlt sich auf einem Platz umgeben von 400 anderen Fahrzeugen und mit kompletter Infrastruktur, als wäre er in der Natur. Da kommt Kolumnist Christian Hug ins Stutzen und muss zum Trost seine Topfpflanze streicheln.

Christian Hug
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Christian Hug.

Christian Hug.

Hündeler und Hündelerinnen in Wolfenschiessen gehen seit Jahr und Tag in der Aaschlucht mit ihren Hunden Gassi. Eigentlich müsste man Schluchti sagen, aber Sie wissen, was ich meine. Ist ja wirklich eine schöne Schlucht. Neuerdings aber sind die Wolfenschiesser nicht mehr so begeistert. Sie sagen, es wimmle jetzt dort nur so von Velofahrern, Wanderern, Baumumarmern, Wurschtbrätlern und sonstigen Freizeitaktivisten. Das sei, sagen die Hündeler, eine direkte Folge von Corona. Die Leute wollen jetzt raus aus geschlossenen Räumen und rein in die unbelastete Natur.

Das kann ich aufgrund meiner eigenen Beobachtungen bestätigen. Immerhin könnte man sagen: Das mit der Volksgesundheit funktioniert jetzt endlich. Aber manchmal komme ich dann doch ins Stutzen, wenn ich höre, was die Leute unterdessen unter Natur verstehen. Fragen Sie zum Beispiel mal Biker, was sie unterwegs alles gesehen haben. Sie werden antworten: Den Biker vor mir. Trotzdem finden sie es lässig, in der Natur zu sein.

Letzthin sah ich im Fernsehen einen Beitrag über Camper, die überrennen ja seit Monaten die Campingplätze. Auf die Frage des Reporters, was denn das Schöne am Campieren sei, hat ein Paar geantwortet: «Wir sind einfach gern in der Natur.» Ich will diesem Paar ja nicht die Freude madig machen, aber ich habe bis heute nicht herausgefunden, was ein Campingpatz mit 400 Campingwagen und kompletter Infrastruktur mit Natur zu tun hat.

Aber es kommt noch besser: Kürzlich war ich in einem Restaurant essen, und am Nebentisch waren ein paar Golfer grad beim Après-Golf. Sie diskutierten über irgendeinen Käfer, dessen Larven die Golfgraswurzeln wegfressen, obwohl man ja extra aus England speziellen Golfrasen in Rollen habe einfliegen lassen. Und einer sagte dann: «Aber so ist das halt, wenn man in der Natur ist.» Da blieb mir fast mein Naturabeefragout im Halse stecken.

Und dann sagte schliesslich ein Jäger in einem Magazin, ich zitiere: «Was die einzelnen Kameraden miteinander verbindet, ist ihr Wille, einen praktischen, nachhaltigen Beitrag zum Erhalt der heimischen Natur zu leisten.» Zitat Ende. Das klang, als würde sich der Jäger selber nicht als Teil der Natur verstehen. Will heissen: Mensch und Natur sind für ihn zwei verschiedene Dinge. Um mich selber zu trösten, habe ich daraufhin zehn Minuten meine Topfpflanze gestreichelt.

Apropos Topfpflanze: Ausgerechnet in der Landi kann man jetzt unter dem Label «Green Brandingz» Sasevieria-Pflanzen kaufen, in deren Stamm mit Laser lustige Tierbilder eingraviert wurden. So hat man grad beides: Ein Stück Natur für die gute Stube und quasi ein Tattoo für diejenigen, die sich selber nicht trauen. Kostet 19 Franken 95, wird gepriesen als Top-Angebot.