Maturaarbeit

Schicksalsschlag – ein Leben im Rollstuhl: «Es hätte mich schlimmer treffen können»

Was würde sich alles verändern, wenn man von einer Sekunde auf die andere plötzlich sein gesamtes Leben im Rollstuhl verbringen müsste? Genau dies geschah Steve Lips nach einem verhängnisvollen Motorradunfall. Der 25-Jährige findet sich in seinem neuen Alltag gut zurecht. Und die Hoffnung lässt er sich nicht nehmen.

Sebastian Bayard*
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Wenn Steve Lips nachts träumt, ist es wie in seinem früheren Leben. Er ist als Fussgänger unterwegs, er ist jung und unbeschwert, es gibt in seinem Alltag kaum Hürden. Aber seit seinem verhängnisvollen Unfall sieht die Realität anders aus.

War vor seinem Unfall leidenschaftlicher Motorradfahrer: Steve Lips.

War vor seinem Unfall leidenschaftlicher Motorradfahrer: Steve Lips.

Bild: PD

Es gibt Situationen, bei denen ihn Fragen plagen: Warum ausgerechnet ich? Warum musste es so kommen? «Manchmal ist es sehr hart, sein Schicksal zu akzeptieren», sagt er. «Aber deshalb mein ganzes Leben in Selbstmitleid zu versinken, ist für mich kein Thema.» Der junge Mann hebt seine Hände in die Luft: «Die funktionieren noch einwandfrei und im Kopf bin ich zum Glück auch immer noch derselbe. Es hätte mich sehr viel schlimmer treffen können.»

Der verhängnisvolle Sturz

Steve Lips war ein leidenschaftlicher Motorradfahrer und fuhr bereits seit sechs Jahren Motorrad. Und dann dieser verhängnisvoller Tag. Mit dem Motorrad fuhr er auf einer kurvigen Strecke. Vor ihm war ein Auto, das langsam unterwegs war. Auf einer längeren Geraden wollte er dieses überholen. Ab diesem Zeitpunkt weiss Steve Lips nichts mehr. Ihm wurde danach mitgeteilt, dass sein Hinterrad ausgebrochen sei. Danach wurde er ins Feld geschleudert.

Von den ersten Wochen danach weiss er nicht mehr viel, da er unter starken Medikamenten stand. Er wurde ins Schweizer Paraplegiker Zentrum (SPZ) in Nottwil eingeliefert. Dort bemerkte er, dass etwas mit seinem Körper nicht stimmte, dachte aber keinen Augenblick daran, dass er querschnittgelähmt sein könnte. Er war einfach sehr froh, dass er keine geistigen Schäden davongetragen hat.

Die Verarbeitung des Schicksalsschlags

Als Steve Lips ins SPZ angekommen war, kommunizierte der Arzt ziemlich direkt und klar, dass er nie wieder in der Lage sein werde, gehen zu können. Da es im SPZ jedoch vereinzelt Fälle gibt, die es trotz einer solchen Diagnose schafften, hofft er, dass seine Lähmung nicht für immer ist. In den ersten drei Wochen hat sich Steve Lips wie selbst aufgegeben. Er lag einfach nur im Bett und hatte seine ganze Motivation verloren.

Dies änderte sich jedoch schlagartig als er bemerkte, dass er sich trotz seiner Querschnittlähmung immer noch selbst bewegen kann. Es wurde ihm bewusst, als er wieder selber aufsitzen konnte oder gesehen hat, dass er immer noch selber duschen kann.

«In dieser Zeit kam meine Motivation und Lebensfreude wieder zurück.»

Seine Familie hat ihm sehr geholfen, den Schicksalsschlag zu verarbeiten. Eine grosse Hilfe ist für ihn auch seine Freundin, mit der er schon vor dem Unfall zusammen war. Die beiden wohnen heute auch zusammen.

Steve Lips und Kim Brunner wohnen heute zusammen.

Steve Lips und Kim Brunner wohnen heute zusammen.

Bild: PD

Steve Lips Erstrehabilitation dauerte fünfeinhalb Monate. In dieser Zeit wurden ihm die grundlegenden Fähigkeiten beigebracht, die er braucht, um seinen Alltag selbstständig bewältigen zu können. Dies geschah durch verschiedene Therapien, viel Ehrgeiz und Training. Durch die vielen neu erlernten Fähigkeiten merkte er, dass man auch im Rollstuhl ein erfülltes Leben haben kann.

Es gab jedoch auch Rückschläge zu Beginn der Erstrehabilitation, wie zum Beispiel, als er das Aufsitzen nach zwei Wochen in der Intensivstation neu erlernen musste. Anfangs wurde ihm dabei schwindlig und schwarz vor den Augen. Die Erfolge der vielen neuen Fähigkeiten überwiegen jedoch deutlich. Seiner Meinung nach war sein grösster Erfolg, als er wieder schwimmen konnte, fast wie früher, einfach nur mit dem Oberkörper.

Die Hürden im neuen Alltag

Der Rollstuhl soll Steve Lips nicht daran hindern, eigenständig und unabhängig zu sein. Durch den Umbau seiner Wohnung ist er in der Lage, so gut wie alles selbstständig zu erledigen. Bei den Tätigkeiten, bei denen er Hilfe braucht, wie beispielsweise etwas aus den oberen Regalen zu holen, hilft ihm seine Lebenspartnerin. Die grössten Hürden im Alltag sind bauliche Hürden, wie zum Beispiel Stufen und Randsteine. Das grösste Problem ist allerdings das Finden von rollstuhlgerechten Toiletten in der Öffentlichkeit. Das grösste Missgeschick in seinem Alltag zu Hause ist, wenn ihm etwas runterfällt und zerbricht.

Was mich allerdings im Nachhinein am meisten fasziniert, ist die unglaubliche Lebenseinstellung von Steve Lips. Er denkt extrem positiv und ist aufgestellt. Er hat sich nicht ein einziges Mal über sein Schicksal und seine Situation beschwert, sondern versucht, das Beste daraus zu machen. Daran sollten meiner Meinung nach wir Fussgänger öfters denken, wenn wir uns das nächste Mal über irgendwelche kleinen und unwichtigen Dinge den Kopf zerbrechen.

*Sebastian Bayard ist Maturand am Kollegi Stans und hat dieses Porträt im Rahmen seiner Maturaarbeit verfasst.