Nachruf
Was bleibt, ist eine grosse Dankbarkeit für einen vielseitigen, einfachen und überaus bescheidenen Menschen

Walter Niederberger, besser bekannt als «Flüemattli Wäli», prägte das Leben der Familie Arnold.

Beat Christen
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«Flüemattli Wäli» nahm sich selten Freizeit – ausser in der Jagdsaison.

«Flüemattli Wäli» nahm sich selten Freizeit – ausser in der Jagdsaison.

Bild: Beat Christen (Oberrickenbach, 25. April 2015)

Es gibt Menschen, die um jede ihrer Handlungen und Taten ein grosses Aufsehen erzeugen. Und dann gibt es jene, die einfach tun, was getan werden muss. Zu diesen zählte Walter Niederberger. Am 6. Januar 2021 hat ihn sein Schöpfer im Alter von 91 Jahren nach einem reich erfüllten Leben zu sich nach Hause geholt. Was von ihm bleiben wird, sind viele schöne Erinnerungen an eine Person, der keine Arbeit zu viel war. Am 10. Dezember 1930 als siebtes von insgesamt 14 Kindern in der Hostetten in Oberdorf geboren, bezieht er mit erst 14 Jahren zusammen mit seinem älteren Bruder Sepp 1944 im Flüemattli oberhalb von Grafenort ein neues Zuhause. Von hier stammt auch sein im Volksmund geläufiger Beiname «Flüemattli Wäli». Während Jahren verdiente er sich seinen Lohn im Sommer als Bauer und im Winter als Holzer. 1975 heuert er bei der Familie Arnold in der Oberalp als Knecht an und hält diesem Arbeitgeber während 41 Jahren die Treue. Walter Niederberger wird im Laufe dieser Zeit für die Familie mehr als nur ein Mitarbeiter. Er wird zum Familienmitglied und die aufwachsende Kinderschar sehen in ihm den Grossvater. Ihm vertrauen sie schon früh ihre damals kleinen Sörgeli an. Und auch später berichten sie eher ihm als den Eltern die eine oder andere Episode aus ihrem Leben. Als Mitarbeiter für den im steilen Berggebiet gelegenen Landwirtschaftsbetrieb Oberalp eingestellt, wurde er im Laufe der Jahre zum Allrounder. Walter Niederberger bediente die Anlage der Luftseilbahn ebenso, wie er bei Abwesenheit der Meistersleute liebevoll auch deren Kinder betreute.

Freizeit nahm sich Walter Niederberger selten. Ausser im Herbst. Da konnten ihn niemand und nichts zu Hause halten. Die Jagd war seine Passion, die er mit sehr viel Leidenschaft ausübte. Keiner kannte die von den Gämsen begangenen Wege besser als er. Und wenn Walter Niederberger von seinen Jagderlebnissen erzählte, hörten ihm die Oberalp-Kinder besonders gerne zu. Klar, da und dort war auch ein wenig Jägerlatein dabei. Aber nur so viel, wie er der Fantasie der ihm zuhörenden Kindern zutrauen konnte. Dass er einst die Prüfung zum Wildhüter als Bester ablegte, wissen heute nur noch die wenigsten. Schon eher, dass Walter Niederberger ein treffsicherer Weidmann war.

Selten traf man ihn unten im Tal an. Es sei denn, in Luzern fand der Pelzfellmarkt oder in Stans der Herbstmarkt statt. Trotz seiner eher zurückhaltenden Lebensweise war Walter Niederberger ein geselliger Mensch. Dies bekamen am meisten seine Gäste zu spüren, wenn sie ihn während der Sommermonate in seiner geliebten «Chärnalp» besuchten. Neben der Jagd war das Leben als Älpler sein Ein und Alles. Und er schätzte es, im Kreis von ihm Wohlgesinnten einen Jass zu klopfen oder nach dem sonntäglichen Kirchgang in der Wirtschaft Grafenort die Keiserkarten für ein Spiel zu mischen. Egal ob beim Jassen oder Keisern, verloren hat er nie gerne.

Vielseitig interessiert

Nach aussen hin war die Welt von Walter Niederberger überschaubar. Dieser Umstand hinderte ihn jedoch nicht daran, als vielseitig interessierter Mensch das Weltgeschehen zu verfolgen und die eine oder andere Begebenheit mit klaren Worten zu kommentieren. Und ja – eitel war der «Flüemattli Wäli» auch. Auf die Pflege seines langen, im Verlaufe der Zeit schlohweiss gewordenen Bartes legte er bis zuletzt grossen Wert. Als die Ärzte bei ihm im Jahre 2010 ein Krebsleiden diagnostizierten, nahm er diesen Schicksalsschlag hin und ertrug die Chemotherapie mit der ihm angeborenen Ruhe und Gelassenheit. Die fürsorgliche Pflege von der Oberalp-Mutter Theres Arnold hat den Heilungsprozess tatkräftig unterstützt. «Bleyb nu chle da» forderte ihn damals Franz Arnold in einem Lied auf. Der Grossvater der Oberalp-Kinder gehorchte und zog erst im Jahre 2016 nach einer Lungenentzündung bei der Familie Arnold im Dörfli in Wolfenschiessen aus, um im Mettenweg in Stans seinen Lebensabend zu verbringen. Immer mehr war er dabei auf zusätzlichen Sauerstoff angewiesen. Am Dreikönigstag ging die gemeinsame Reise durch das Leben zu Ende. Was bleibt, ist eine unglaublich grosse Dankbarkeit an einen unglaublichen, aber sehr bescheidenen Menschen.