NATURSCHUTZ: Nur nett zu sein, war oft zu wenig

Nach knapp 12 Jahren gibt Hanspeter Rohrer die Geschäftsleitung der Pro Natura Unterwalden ab. Mit ihm tritt ein engagierter Kämpfer ab – nicht wenige dürften sich darüber auch freuen.

Philipp Unterschütz
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Hanspeter Rohrer im Schutzgebiet Obere Stöckmatt oberhalb von Stansstad.Bild: Corinne Glanzmann (6. Dezember 2016)

Hanspeter Rohrer im Schutzgebiet Obere Stöckmatt oberhalb von Stansstad.Bild: Corinne Glanzmann (6. Dezember 2016)

Ab 1. Januar 2017 wird die 33-jährige Geografin Seraina Bamert die Geschäftsstelle der Pro Natura Unterwalden leiten. Ihr Vorgänger Hanspeter Rohrer (60) tritt nach 12 Jahren ab. Im Gespräch mit unserer Zeitung blickt er auf eine intensive Zeit zurück.

Hanspeter Rohrer, warum treten Sie ab, im Pensionsalter sind Sie ja noch nicht?

Tatsächlich höre ich freiwillig vorzeitig auf. Ich finde, ich habe meinen Teil geleistet und möchte jetzt mehr Zeit für andere Aktivitäten und Projekte haben. Die Tätigkeit ist zwar als 50-Prozent-Stelle dotiert. An Kraft und Substanz verlangt sie aber viel mehr.

Sprechen Sie damit die Tatsache an, dass nicht wenige Leute Sie als ewigen Projektverhinderer sehen?

Ich habe mich immer engagiert für unsere Anliegen und die Natur eingesetzt, bin impulsiv und auch streitbar. Logisch, dass das nicht überall gut ankommt. Viele lassen mich nicht spüren, was sie von mir halten. Manchmal können Leute die Sache, um die es geht, und mich als Menschen nicht voneinander trennen und haben deshalb etwas gegen mich persönlich. Anderseits gibt es aber auch viele Leute, die unsere Arbeit schätzen, selbst wenn sie nicht in allen Bereichen auf unserer Linie sind. Dass ich wegen meiner Arbeit vielleicht weniger Freunde als andere habe, belastet mich nicht sehr, auch deshalb, weil ich meine Freizeit lieber in der Natur verbringe als im Dorf oder in der Beiz.

Mit dem Verbandsbeschwerderecht haben Sie aber auch ein gewichtiges Druckmittel, das immer mal wieder als Erpressung bezeichnet wird.

Es ist schade, dass im Naturschutz vieles nur über Druck funktioniert. Wir haben es auch mit «nett sein» und Überzeugungsarbeit versucht. Doch oft wollten die Beteiligten später nichts mehr davon wissen. Wir machten aber gar nicht so viele Einsprachen, wie die Leute annehmen. Das waren 5 bis 6 pro Jahr, und als Beschwerde weitergezogen haben wir vielleicht eine jährlich. Tatsächlich beeinflusst aber nur schon die Existenz des Verbandsbeschwerderechts Projekte positiv für die Natur, und die Verantwortlichen kommen früh auf die Umweltverbände zu. Wäre alles freiwillig, wäre das schlecht für die Natur. Sind politische oder wirtschaftliche Interessen im Spiel, zieht die Natur nämlich meist den Kürzeren. Eine Einsprache bedeutet, dass man miteinander reden muss. Vieles ist auf dieser Ebene lösbar, und wir konnten auch viel für die Natur herausholen. Wir haben das Beschwerderecht immer sehr sorgfältig eingesetzt. Einsprachen gabs nur, wenn wir sahen, dass ein Projekt wirklich schlecht für die Umwelt ist. Beschwerde nur, wenn die Chancen, Recht zu bekommen, gross waren.

Was waren rückblickend Ihre grössten Erfolge?

Zum Beispiel, dass wir bis heute das Schneeparadies Engelberg/Frutt/Hasliberg verhindern konnten. Der Kanton Obwalden hat nun aber wieder eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben. Unser Widerstand gegen das Schneeparadies wird aber nicht nachlassen. Ein Erfolg war auch, dass wir eine Hängebrücke über den Eisee verhindern konnten oder dass die Bannalp nicht mit einer Strasse erschlossen wurde. Ein schöner Erfolg ist auch der Kauf des sechs Hektaren grossen Landstücks Obere Stöckmatt oberhalb Stansstad und die anschliessend gemachten Aufwertungen wie Trockensteinmauern oder Waldlichtungen.

Wo haben Sie Ihre Ziele verfehlt?

Auch da gibt es einiges wie die Teilverlegung des Jagdbanngebietes Huetstock am Titlis auf die andere Talseite auf die Bannalp. Wir wollten nur eine Verschiebung Richtung Schaftal. Weil das aber wirtschaftlichen Interessen im Weg stand und das Schneeparadies hätte gefährden können, wurde es in eine komplett andere Region verlegt. Unzufrieden bin ich auch mit dem Hochwasserschutzprojekt Sarneraatal. Nach dem Stollenentscheid geht es jetzt um ökologische Massnahmen entlang der Sarneraa. In diesem Fall war die Zusammenarbeit mit dem Kanton nicht gut. Wir wurden nie richtig einbezogen. So wurden wir erst nach dem Variantenentscheid ins Boot geholt, sind dann aber aus der Projektsteuerungsgruppe ausgetreten, weil wir keine Anliegen einbringen durften. Mit vier anderen Umweltverbänden erheben wir nun Einsprache gegen die Aufwertungsmassnahmen (siehe Artikel links oben, Anm. d. Red.), denn man könnte mit den gleichen Investitionen wesentlich mehr für die Natur herausholen. Und Vorwürfe, dass wir das Projekt verzögern, brauchen wir nicht zu fürchten. Die bisherigen Planungsänderungen, die viel Zeit verschlungen haben, wurden nicht von uns verursacht.

Ein grosses Projekt der letzen Jahre war der Bau der neuen Gondelbahn am Titlis. Wie haben Sie das erlebt?

In Engelberg wurden wir von Anfang an miteinbezogen. Die Erneuerung der Bahn war ja unbestritten, allerdings war für uns die Erschliessung bis zum Stand nicht unbedenklich. Die Titlis-Bahnen hatten aber eine gute ökologische Baubegleitung und machten auch Aufwertungsmassnahmen. Grundsätzlich sind wir ja nicht gegen die Strategie, dass die Skigebiete im harten Markt auch etwas machen müssen, um sich behaupten zu können. Insofern akzeptieren wir auch zähneknirschend die Beschneiung am Titlis und in andern Skigebieten, auch wenn wir es nicht gut finden. Gegen eine weitere Ausdehnung in bis jetzt unberührtes Gelände würden wir uns aber wehren.

Im Beruf haben Sie sich vehement für die Natur eingesetzt. Wie sieht der ökologische Fussabdruck von Privatmann Hanspeter Rohrer aus?

Als Geschäftsleiter der Pro Natura wird einem schon auf die Finger geschaut. Aber das war nie ein Problem, ich musste meine Lebensweise nicht ändern. Wir gehen sparsam mit den Ressourcen um. Auch unser Garten ist naturnah, wobei ich zuerst schon einige Auseinandersetzungen mit meiner Frau wegen der Schneckenkörner hatte (lacht). Ausser einem geschenkten Alpenrundflug bin ich noch nie in einem Flugzeug gesessen. Das Auto benutze ich nur, wenn es sein muss, und ich fahre weniger als 6000 Kilometer pro Jahr. Normalerweise bin ich mit dem Velo oder dem öffentlichen Verkehr unterwegs. Schwachpunkte in meiner persönlichen Ökobilanz sind am ehesten das Pendeln und das Skifahren. Aber ohne Spass geht es im Leben auch nicht, ich bin kein Sektierer.

Schwer zu glauben, dass Sie nun Ihr Engagement beenden.

Das tue ich auch nicht. Ich werde weiterhin für die Natur kämpfen, bleibe auch im Vorstand der Pro Natura Unterwalden und auch in zwei andern Organisationen. Ein Grund zu bleiben, ist auch, weil es schwierig ist, genügend Vorstandsmitglieder zu finden. Aktuell suchen wir für die Pro Natura Unterwalden einen Präsidenten. Für mich ist das aber kein Thema. Ich werde meiner Nachfolgerin in der Geschäftsleitung Unterstützung bieten, selber aber eher im Hintergrund bleiben.

Zur Person

Hanspeter Rohrer (60) ist in Sachseln aufgewachsen, wo er auch die Geschäftsstelle für Pro Natura Unterwalden führt. Wohnhaft ist er mit seiner Ehefrau in Goldau. Ende der 70er-Jahre studierte er an der ETH Zürich Agronomie mit Spezialgebiet Tierzucht. Später war er für den Viehzuchtverband Zollikofen, das Landwirtschaftsdepartement Obwalden und an der Solothurner Landwirtschaftsschule tätig, bevor er sich 1989 als Biolandwirtschafts- und Naturschutzberater selbstständig machte. Im Mai 2005 übernahm er die Geschäftsführung von Pro Natura Unterwalden mit einem Pensum von 50 Prozent. Hanspeter Rohrer war Mitglied der Grünen/Nidwalden, heute ist er aber nicht mehr politisch tätig. (unp)

Philipp Unterschütz

philipp.unterschuetz@nidwaldnerzeitung.ch