Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Nach Zufallsfund: Nidwaldner restaurieren 400-jähriges Zunftbuch

1598 gründeten Schuhmacher und Schneider die Crispinianerzunft. Ihrem allerersten Protokoll- und Rechnungsbuch von 1604 verhalf nun die bekannte Papierrestauratorin Sibylle von Matt wieder zu neuem Glanz.
Romano Cuonz
Papierrestauratorin Sibylle von Matt und Zunftschreiber Max Wyrsch mit dem alten Rechnungsbuch. (Bild: Romano Cuonz, Stans, 14. Dezember 2018)

Papierrestauratorin Sibylle von Matt und Zunftschreiber Max Wyrsch mit dem alten Rechnungsbuch. (Bild: Romano Cuonz, Stans, 14. Dezember 2018)

Zwei Nidwaldner wollten es ganz genau wissen: Andreas Scheuber als neuer Zunftmeister der 400-jährigen Stanser Crispinianerzunft und Max Wyrsch, deren Schreiber. Kaum hatten die heute noch 33 Mitglieder sie an ihrer Versammlung in ihre neuen Ämter gewählt, begannen sie nach den Ursprüngen der Bruderschaft zu suchen. «Im Staatsarchiv fanden wir meterweise alte Akten, und dazwischen entdeckten wir auch eine schöne Zunfttruhe», erzählt Wyrsch. Und wie sie diese Truhe geöffnet und darin gestöbert hätten, sei ihnen plötzlich ein alt ausschauendes, etwas zerfleddertes Büchlein in die Hände geraten. «Es war das erste Protokoll- und Rechnungsbuch unserer Crispinianer-Bruderschaft», berichtet der heutige Schreiber. «Schon auf der ersten Seite notierte mein erster Vorgänger mit Handschrift und Tinte die Jahreszahl 1604!» Wenn er dies sagt, wird Wyrschs Stimme fast ein wenig andächtig. Keine Frage: Dieses einzigartige Dokument auf Büttenpapier muss künftigen Generationen erhalten bleiben.

Statt Menschen «verarztet» sie Papier

Doch wer kann ein solches Büchlein restaurieren und konservieren? Bald wird klar: Die richtige Fachfrau, die solche Arbeiten im eigenen Atelier in der Stanser Spielgasse ausführt, heisst Sibylle von Matt. Einen spannenderen Arbeitsort als ihr Atelier kann man sich kaum vorstellen. Da sind auf einer riesigen Tischfläche, kreuz und quer verstreut, hunderte Sachen zu sehen: alte Zeichnungen, wertvolle Grafiken, Urkunden mit Siegeln, Kupferstiche, Pinsel, Tapetenstücke. Dazu Farbkästen, Leim, Papier in allen Schattierungen. Selbst die Wände sind eng behängt: Neben Diplomen sieht man da Fragmente, Fotos und zahllose Skizzen. Seit 20 Jahren arbeitet die Stanser Arzttochter nun schon als Papierrestauratorin. «Bereits unser 300-jähriges Elternhaus gegenüber dem Rathaus war voll von Antiquitäten», erinnert sie sich. «Daher wohl meine Freude an diesem Beruf.»

Bei intensiven Studien und Praktikas – etwa an der Hochschule der Künste in Bern, an der Uni in Florenz oder beim Umgang mit Rembrandt und Dürer im Reichsmuseum Amsterdam – erlernte sie das wissenschaftlich-technische Handwerk. Kaum zurück in der Nidwaldner Heimat, wurde sie mit Aufträgen regelrecht überhäuft. «Meine Kunden sind etwa Archive, Bibliotheken, Museen oder auch Galerien, die beschädigte Drucksachen oder Bilder wiederhergestellt haben möchten», sagt Sibylle von Matt. Oft arbeite sie mit Behörden, Politikern, Architekten oder Denkmalpflegern zusammen. «Dabei wollte ich doch nach meiner Matura eigentlich Ärztin werden», schmunzelt sie. Nun denn: Heute verarztet die Stanserin eben Papier. Nach allen Regeln der Kunst und fast immer mit Aussicht auf gute Heilung.

Ein Make-up für altes Papier

Wenn immer Sibylle von Matt alte, beschädigte Erzeugnisse aus Papier in den Händen hält, stellt sie vorerst eine exakte Diagnose. «Das A und O jeder Restauration ist, das, was noch vorhanden ist, so zu sichern und zu reinigen, dass man es ohne jeden weiteren Schaden erhalten kann.» Keine leichte Aufgabe. «Für ein solches Make-up brauche ich zwar wenig neues Material, dafür umso mehr Zeit», sagt sie. Allein besagte Schrift der Crispinianer benötigt 18 anspruchsvolle Arbeitsgänge. Das Büchlein ist deformiert und schmutzig. Auch weist es Rand­risse und Knickfalten, Staub- und etwa Fliegendreck auf. Vor allem die Fadenheftung und der Papierumschlag benötigen eine Kur. Die ist unglaublich aufwendig. Reicht von der Oberflächenreinigung des Papiers mit Latexschwamm und Radierpulver bis hin zum Handreparieren sämtlicher Randrisse mit Japanpapier im originalen Farbton.

Unterstützung für Crispinianer

Eine solche Restauration ist keine billige Sache. «Wenn wir nun unser erstes Zunft- und Rechnungsbuch wieder wie neu in den Händen haben, verdanken wir dies zahlreichen Institutionen, die uns unterstützt haben», betont Max Wyrsch. Das sei gut so, handle es sich doch um eine wichtige Quelle der Nidwaldner Geschichte. «Man erfährt etwa, wie damals die Meister das Sagen hatten und es Schuhmachern, ja selbst Schneidern verboten war, Mädchen auszubilden», erzählt er. Die Lehrabschlussprüfungen fanden auf der Zunftstube unter den Augen mehrerer Meister statt. Auch für die Entlöhnung der Berufsleute und die Preise war die Zunft zuständig. Heute ist die Crispinianerzunft Stans ein Verein, welchem Schneider, Schuhmacher, Sattler, Gerber und verwandte Berufe sowie deren Nachkommen angehören können. Jedoch: Erst 2017 wurde zum ersten Mal eine Frau in die alte Zunft aufgenommen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.