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NID-/OBWALDEN: Er hat Usain Bolt etwas voraus

Kim Lenoir rennt als Leichtathlet von einem Erfolg zum nächsten. Davon hält ihn auch seine Schwerhörigkeit nicht ab. Der Start bereitet ihm manchmal gewisse Probleme – aus einem speziellen Grund.
Matthias Piazza
Der Hörbehindertensportler Kim Lenoir auf der Leichtathletikanlage in der Allmend in Luzern. Bild: Eveline Beerkircher/LZ 16. August 2017 (Bild: Eveline Beerkircher/LZ 16. August 2017)

Der Hörbehindertensportler Kim Lenoir auf der Leichtathletikanlage in der Allmend in Luzern. Bild: Eveline Beerkircher/LZ 16. August 2017 (Bild: Eveline Beerkircher/LZ 16. August 2017)

Matthias Piazza

matthias.piazza@obwaldnerzeitung.ch

Seine Premiere war geglückt. «Mit dem Einzug in den Final hätte ich nicht gerechnet», blickt Kim Lenoir auf seine erstmalige Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen für Gehörlose und Schwerhörige zurück, welche vom 18. bis 30. Juli im türkischen Samsun über die Bühne gingen. Nicht bei allen Läufen habe er seine Bestform abrufen können. Doch er schaffte es immerhin auf den 8. Platz im 100-Meter-Lauf und auf den 12. Platz im 200-Meter-Lauf. Und dies bei über 60 Konkurrenten.

Mit seiner ersten Teilnahme an den Deaflympics ist er zufrieden. «Ich bin stolz, dass ich die Schweiz vertreten durfte.» Grund, stolz zu sein, hat er alleweil. Mit Kim Lenoir schaffte es erstmals ein Schweizer in den Final des 100-Meter-Sprints an den Deaflympics. Diese speziellen Olympischen Spiele wurden erstmals im Jahre 1924 ausgetragen und finden seit 1949 regelmässig ein Jahr nach den regulären Olympischen Spielen statt. An der diesjährigen Austragung in Samsun nahmen rund 2500 Athleten aus über 80 Nationen teil.

«Muss niemandem etwas beweisen»

Seit drei Jahren betreibt der heute 21-Jährige – in Beckenried und Oberdorf aufgewachsen und heute in Sarnen wohnhaft – aktiv Leichtathletik. Am Anfang trainierte er beim Leichtathletik­verein LA Nidwalden, seit rund einem Jahr beim Leichtathletikclub Luzern, dies wegen der professionelleren Trainingsbedingungen. Auf dem Programm stehen in der Regel drei Sprint- und zwei Krafttrainings pro Woche. Der Welt beweisen, dass er trotz hochgradiger Schwerhörigkeit zu sportlichen Spitzenleistungen fähig ist, sei nicht seine Motivation. «Ich muss niemandem etwas beweisen. Mir geht es darum, meine persönliche Bestzeit zu verbessern.» Am Leichtathletiksport schätze er auch, dass man für ­seinen Erfolg fast alleine verantwortlich sei. Und der Erfolg darf sich sehen lassen. In der Zen­tralschweiz gilt er als einer ­­ der schnellsten Sprinter über 100 Meter. Schweizweit belegt er aktuell bei den Männern Rang 35 von 287 und in der Kategorie U23 gehörte er in diesem Jahr zu den 10 Besten von über 125. Im Vorprogramm des diesjährigen Wettkampfs Spitzen-Leichtathletik Luzern schaffte er die Distanz von 100 Metern in 11,06 Sekunden – eine persönliche Bestzeit.

Seit früher Kindheit fast gehörlos

Vom Sport lässt sich Kim Lenoir auch von seiner Beeinträchtigung nicht abhalten. Im Alter von etwa einem halben Jahr wurde sein Gehör wegen Nebenwirkungen eines Medikaments stark geschädigt. Seitdem ist er hochgradig schwerhörig. Mit dem Hörgerät kann er mit anderen normal kommunizieren. Trotzdem: «Ich kann nur schlecht orten, von welcher Richtung ein Geräusch kommt. Auch telefonieren fällt mir manchmal schwer», erzählt er. Seine Beckenrieder Primarschulzeit sei nicht immer einfach gewesen. «Es war schwierig, bei Klassen mit über 20 Schülern den Lehrer immer zu verstehen.» Die Oberstufe besuchte er dann im «Landenhof» in Unterentfelden AG, einer Schuleinrichtung für Gehörlose und Schwerhörige.

Mitrennen bei den «normalen» Sportlern bereite ihm keine weiteren Probleme. «Der Trainer weiss um meine Hörbeeinträchtigung, und bei Unklarheiten frage ich.» Mit einer Schwierigkeit habe er aber trotzdem zu kämpfen. «Der Knall der Pistolen für das Startzeichen ist heutzutage teilweise elektronisch und damit leiser als früher. Da muss ich mich jeweils besonders konzen­trieren, um das Startzeichen nicht zu verpassen. Optische Startsignale wie bei den Wettkämpfen für Gehörlose gibt es bei den regulären Veranstaltungen nicht.» Doch auch dies hat er in den Griff bekommen – und wie. «Meine beste Reaktionszeit mit 150 Millisekunden ist teilweise besser als jene des kürzlich zurückgetretenen Sprinters Usain Bolt, der auch schon 180 Millisekunden brauchte, um loszurennen.» Nach den Sommerferien fängt der gelernte Informatiker ein Pflegepraktikum im Paraplegiker-Zentrum in Nottwil an. ­Später will er Ernährungswissenschaften studieren. Doch Leichtathletik soll auch weiterhin seine grosse Leidenschaft in der Freizeit bleiben. So stehen dieses Jahr die «normalen» Schweizer Meisterschaften in Lausanne auf dem Programm und im nächsten Jahr die Hallen-Europameisterschaften für Gehörlose und Schwerhörige in Weissrussland. Sein grosses Ziel: seine persönliche Bestzeit auf unter 11 Sekunden über 100 Meter zu verbessern.

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