NID-/OBWALDEN: Statistik: Wolfsgegner misstrauen dem Bund

Die Alpsömmerungszeit steht an. Mit ihr wächst bei Züchtern und Nutztierhaltern die Angst vor Übergriffen von Grossraubtieren auf ihre Herden. Doch sind Luchs und Wolf tatsächlich ein Problem? Man müsse differenzieren, sagt ein Experte.

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Walti Bürgi mit seinen schwarzbraunen Bergschafen bei seinem Stall in Lungern. (Bild: Christoph Riebli (17. Mai 2017))

Walti Bürgi mit seinen schwarzbraunen Bergschafen bei seinem Stall in Lungern. (Bild: Christoph Riebli (17. Mai 2017))

Christoph Riebli

christoph.riebli@obwaldnerzeitung.ch

In diesen Wochen ziehen Schafhalter mit ihren Tieren auf die Alpen. «Da kann es plötzlich ‹räblä›, wenn die Wölfe auf ihrer Wanderschaft auf die Herden treffen», beschreibt Walti Bürg ein Szenario, das er selbst nicht erleben will. Der 61-jährige Lungerer ist der Obwaldner Vertreter der Vereinigung zum Schutz von Jagd- und Nutztieren vor Grossraubtieren (VSVGZ), die im November 2016 gegründet worden ist und aktuell 450 Mitglieder zählt (wir berichteten). Solche Schutzvereine breiten sich in der Schweiz derzeit gleichermassen wie der Wolf aus. Total sind es unterdessen deren sechs – unter dem Dach von «Lebensraum Schweiz ohne Grossraubtiere». Beim VSVGZ setzt sich der Vorstand hauptsächlich aus Vertretern von Nutztierverbänden zusammen. Ihr Ziel: die Gesetzgebung so weit zu ändern, dass heute geschützte Grossraubtiere – Wolf, Luchs und Bär – stärker reguliert werden können.

«Der Verein versteht sich als Vermittler zwischen Nutztierhaltern, den Jägern und der Politik», so Walti Bürgi. Doch ist der Wolf bei uns tatsächlich ein Problem? «Nid- und Obwalden sind noch nicht massiv betroffen», räumt der Ennetmooser Thomas Niederberger (31), der Nidwaldner VSVGZ-Vertreter, ein. Doch in Uri habe es im Vorjahr 80 Wolfsrisse gegeben (siehe Tabelle). «Das Problem wird auch bei uns zunehmen», ist er überzeugt, «wir müssen handeln, bevor es zu spät ist, nicht wie in Frankreich und Deutschland, wo es zur Rudelbildung gekommen ist und der Herdenschutz versagt hat.»

«Wir sind nicht generell gegen den Wolf»

«Handeln» heisst für die beiden aber nicht zur Büchse greifen: «Es geht nur über die Politik, über den Gesetzesweg», sagt Thomas Niederberger. Das Ziel sei jedoch das gleiche: «Die Wölfe, die den Respekt vor Nutztieren nicht haben, müssen weg.» Es sei ja nicht so, dass der Wolf vom Aussterben bedroht sei. Und dazu müsse man wissen, ergänzt Walti Bürgi: Die Politik gebe erst grünes Licht für einen Wolfsabschuss, wenn er eine bestimmte Zahl geschützter Tiere gerissen hat. Risse von ungeschützten Tieren – kein oder ungenügend elektrifizierter Zaun respektive Herdenschutz – geben keinen Ausschlag für die Abschussfreigabe. Dazu sagt Thomas Niederberger: «Wenn ich plötzlich einen 2 Meter hohen Zaun um die Weide bauen muss, ist mir das zu viel Aufwand, dann muss ich mein Hobby sein lassen.» Seine Überzeugung ist: «Man kann zäunen und Blinklichter montieren, so viel man will, der Wolf kommt immer wieder, man trainiert seinen Jagdinstinkt geradezu damit.»

Um in Bern mehr Gehör für solche Anliegen zu haben, sei man auf die Zusammenarbeit mit allen Nutztierhaltern und auch Jägern angewiesen – nicht zuletzt, weil die Vereinigung dem Bund in Sachen Wolf misstraut und deshalb eine eigene Statistik führen will. «Die Nutztierhalter sollen uns auch Verdachtsfälle melden. Der Informationsfluss muss schneller werden, auch, damit andere Herden in der Umgebung gewarnt sind», so Bürgi. Bei tatsächlich eintretenden Schadensfällen wolle man Betroffene unterstützen. Übrigens: Bär und Luchs beäugt der Verein ebenfalls kritisch. Gemäss Bürgi und Niederberger stehen diese in Ob- und Nidwalden aber nicht primär auf der Abschussliste. «Wir sind auch nicht generell gegen den Wolf», fügt Walti Bürgi an, der als Maschinist arbeitet und im Nebenerwerb auf Egg in Lungern rund 20 eigene Schafe sömmert. «Das Problem mit ihm ist, dass er seine natürliche Scheu verloren hat.» Thomas Niederberger, der als Zimmermann arbeitet und in Oberdorf und Ennetbürgen zum Hobby 20 Schafe hält, fügt an: «Während sich der Luchs vielleicht pro Woche ein Tier holt, verfällt der Wolf in einen Blutrausch und tötet, was er kann. Das würde mir weh tun, wenn eines Morgens keine Tiere mehr da sind.» An den Schafen verdiene er nichts – auch für Bürgi ist es unter dem Strich «eine Nullrunde» –, doch die blökenden Tiere sind ihre Leidenschaft.

«Einzelwolf kann viel mehr Schafe reissen als ein Rudel»

Ralph Manz, der beim Kora (Verein für Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management von Raubtieren) im Wolfsmonitoring tätig ist, streitet nicht ab, dass der Wolf in der Schweiz und ihren Nachbarländern auf dem Vormarsch ist. Zu den schwankenden Zahlen bei den Rissen – 2009 waren es ähnlich viele wie 2016 – sagt er: «Ein Einzelwolf kann viel mehr Schafe reissen als ein Rudel in mehreren Jahren zusammen. Es kommt stark darauf an, wo welche Herdenschutzmassnahmen umgesetzt wurden.» Die meisten Risse würden in ungeschützten Situationen geschehen. Es gäbe aber auch Einzelfälle, in denen Wölfe trotz Herdenschutzmassnahmen Schafe attackiert haben.

Die These der VSVGZ-Mitglieder, wonach der Wolf generell seine Scheu verloren habe, stützt Ralph Manz nicht. Man müsse differenzieren. «Ein noch nicht erwachsener Jungwolf kann durchaus neugieriger sein als ein erwachsenes Tier.» Eine kürzliche europaweite Umfrage der Kora habe gezeigt, dass in keinem Fall aggressives Verhalten auf vorherige Beobachtungen von wiederholter Annäherung an Menschen oder Gebäude zurückzuführen sei. «Wichtig ist, dass man Wölfe nicht anfüttert.» Derzeit leben laut Manz etwas über 30 Wölfe in der Schweiz. Aktuelle Rudel sind in Graubünden, im Wallis und im Tessin angesiedelt. Auch aufgrund der Zuwanderung sei es eine Frage der Zeit, bis neue Rudel entstehen. Ob ein solches in der Zentralschweiz heimisch werden könnte, «kann man nicht vorhersagen», so Manz.

Hinweis

Infos: www.vsvgz.ch; www.kora.ch

Grafik: Übergriffe auf Nutztiere im Zeitraum 2012-2016. (Bild: Quelle: kora.ch)

Grafik: Übergriffe auf Nutztiere im Zeitraum 2012-2016. (Bild: Quelle: kora.ch)