NIDWALDEN: «Alpzeit war eine grossartige Erfahrung»

Wendelin Waser blickt auf seinen ersten Alpsommer zurück. Der hätte nicht erlebnisreicher sein können. Für den Betruf braucht er bereits keinen Spickzettel mehr.

Matthias Piazza
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Wendelin Waser im Morgenlicht auf der Alp. (Bild: Corinne Glanzmann (Wolfenschiessen, 6. Juli 2016))

Wendelin Waser im Morgenlicht auf der Alp. (Bild: Corinne Glanzmann (Wolfenschiessen, 6. Juli 2016))

Matthias Piazza

matthias.piazza@nidwaldnerzeitung.ch

Den vergangenen Sommer verbrachte der Ennetmooser Wendelin Waser nicht im Tal. Nach 34 Jahren als Buchhalter beim Elektrizitätswerk Nidwalden hat der 60-Jährige sich frühpensionieren lassen – um sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen. Von Mitte Juli bis Mitte September verbrachte er den Sommer auf der Bannalp, schaute zu den Kühen und Schafen, schnitt das Gras mit der Sense, war für den Heuvorrat besorgt.

«Die Alpzeit war eine grossartige Erfahrung, obwohl einiges anders kam als erwartet», blickt er zurück. Sein 80-jähriger Bruder, der schon jahrelang «z Alp» ging und ihn hätte ins Älplerhandwerk einführen sollen, musste ins Spital. Wendelin ­Waser wurde so ins kalte Wasser geworfen, musste nach einigen Tagen den Laden schmeissen.

In zehn Tagen sechs Kilo abgenommen

Die Umstellung vom Bürojob zum Älplerleben hätte grösser nicht sein können. «Die körperliche Arbeit in der Höhe forderte mich. Ich nahm in den ersten zehn Tagen sechs Kilo ab», erinnert er sich an den Anfang. Auch musste er ohne die zeitweilige Unterstützung seiner Frau auskommen. Wegen zweier Hüftoperationen war es ihr unmöglich, den rund halbstündigen Fussmarsch von der Seilbahnstation zur Alphütte zu absolvieren.

Umso dankbarer war Waser für die zeitweilige Unterstützung durch seine Geschwister. So half ihm seine Schwester beim Haushalten. Er wuchs in den Job hinein. Mit der Zeit brauchte er für den Betruf keinen Spickzettel mehr, wofür er zu Beginn von einem benachbarten Älpler hochgenommen wurde, der ihn dank dem Feldstecher erwischt hatte.

Grosses Glück, dass es den Tierarzt nicht brauchte

Zu den schönsten Erlebnissen des Alpsommers gehört für ihn die Geburt von Kälbern. Gleich fünfmal innert zwei Wochen erblickte ein Kälblein das Licht der Welt. Und immer verlief die Geburt problemlos, was nicht selbstverständlich ist, auch wenn sich diese Kühe an selbstständiges Gebären gewöhnt sind. «Dass alles glattging, war ein grosses Glück. Denn bis ein Tierarzt hier oben eintrifft, würde es eine Ewigkeit dauern. Und wenn, würde er wegen des grossen Zeitaufwandes erst nach seinem regulären Feierabend den langen Weg auf sich nehmen. Für die Kuh könnte die Hilfe zu spät kommen.»

Die Geburten bezeichnet Wendelin Waser trotzdem als Feuertaufe. «Zwei Kälber musste ich an die Euter ihrer Mutter hinführen, nachdem sie auf die Welt gekommen waren. Da braucht es Fingerspitzengefühl, denn die Mutterkuh schätzt die Anwesenheit von Menschen bei ihrem Nachwuchs nicht besonders.» Als er ein verirrtes Kalb wieder zurückholte, gab ihm seine Mutter zu verstehen, dass er bei ihr nicht willkommen sei.

Am Älplerleben schätze er besonders, dass er seine Zeit frei einteilen, vielleicht auch mal einen Tag auf eine Wanderung gehen könne. Doch so idyllisch sei das Älplerleben nicht. «Bei dichtem Nebel kommen keine Wanderer vorbei, da kann es recht einsam sein. Das ist die Kehrseite der Medaille, das muss man aushalten können.»

Auch ein Ausflug ins Tal will geplant sein und kam höchstens einmal die Woche vor, um Lebensmittel einzukaufen. Denn zur Bergstation Chrüzhütte gehts nur über einen halbstündigen Fussmarsch. In den nächsten fünf Jahren will er wieder «z Alp», sofern es die Gesundheit erlaube. «Dann schauen wir weiter.»