NIDWALDEN: Conrad Wagner sieht sich als Vermittlertyp

Die Grünen nehmen einen weiteren Anlauf, in der Regierung Einsitz zu nehmen. Obwohl er schon einmal scheiterte, soll erneut Conrad Wagner die Kohlen aus dem Feuer holen.

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Conrad Wagner in seiner Wohnung in Stans. «Die latente Angst der Bürgerlichen ist völlig verfehlt.» (Bild Corinne Glanzmann)

Conrad Wagner in seiner Wohnung in Stans. «Die latente Angst der Bürgerlichen ist völlig verfehlt.» (Bild Corinne Glanzmann)

Oliver Mattmann

«Die Geschichte ist mir schon relativ nahegegangen.» Der 56-jährige Stanser hatte Mühe, die Story des «Sonntagsblicks» zu verdauen. Das Boulevardblatt hatte just nach seiner Nomination als Regierungsratskandidat ein Bild von ihm veröffentlicht, das ihn betrunken am Rütlischiessen zeigt – notabene ein Anlass, der damals bereits zwei Monate her war. Die Vermutung, dass ein Sympathisant einer anderen Partei dem «Sonntagsblick» das Bild gesteckt hatte, ist nicht abwegig. Wagner hat dafür nur ein Wort übrig: «Primitiv.»

Trotz seiner sensiblen Seite, die er nicht leugnet, ist der Grüne überzeugt, eine genügend dicke Haut zu haben, die es als Regierungsrat braucht. Er glaubt auch nicht, als einziger Linker zwischen die Räder der bürgerlichen Regierungsräte zu geraten – sollte er die Wahl am 28. Februar schaffen. «Der Regierungsrat kann nur als Team funktionieren. Ich bin sicher, dass ich im Gremium die gleiche Akzeptanz geniessen würde wie alle anderen.» Er sei ein Vermittlertyp, sagt Wagner von sich selbst, und dies würde ihm bei dieser Konstellation zugutekommen.

Sein «Ablaufdatum» rückt näher

Dass Conrad Wagner – seit 2006 im Landrat – den Aufwand für den Wahlkampf auf sich nimmt, ist nicht selbstverständlich. Der verheiratete Familienvater ist 2011 bereits zur Nationalratswahl angetreten, 2014 schon einmal zur Regierungsratswahl. Beide Male standen ihm bürgerliche Kandidaten vor der Sonne. Hätte er nach den Niederlagen nun nicht einer frischen Kraft aus dem linken Lager Platz machen müssen? «Wir haben jeweils einen beachtlichen Wähleranteil erreicht», so Wagner. Anders formuliert: «Es ist eben doch ein relativ grosser Bevölkerungsanteil, der mir durchwegs die Stimme gegeben hat.» Dies habe ihn bestärkt, nochmals anzutreten. «Ich bin jetzt 56-jährig, irgendwann werde auch ich mein ‹Ablaufdatum› erreichen.» Der Zeitpunkt sei aber auch günstig, weil er aktuell als Landratspräsident oft durch den Kanton toure und mit vielen Wählern in Kontakt komme.

Angst vor Grünen ist unbegründet

Die Grünen werden derzeit nicht müde zu wiederholen, dass es alle bedeutenden politischen Kräfte im Regierungsrat brauche. Dieses Modell sei schon einmal erfolgreich angewandt worden, spielt er auf die Zeit von 1998 bis 2010 an, als Leo Odermatt die Grünen in der Regierung vertrat. «Ohne ihn gäbe es das Kantonsspital, wie es heute aufgestellt ist, nicht», ist Wagner überzeugt. Und von noch etwas ist der Mobility-Gründer überzogen: «Die latente Angst der Bürgerlichen, mit einem Grüne-Regierungsrat würde sich vieles ändern, ist völlig verfehlt.»

Wenn Wagner darüber spricht, was ihm an der Politik gefällt, gerät er fast ins Philosophieren. «Jeder hat eine Herkunft und ist durch die Welt gegangen, es gibt Gemeinsamkeiten und Differenzen. Daraus entsteht eine Energie, aus der sich neue Ideen ergeben.» Es sei jedes Mal wieder ein Erfolgserlebnis, wenn miteinander am Tisch eine Lösung «zusammengebaut» werde.

«Kulturplatz», Zeitung und Kochen

Die Politik habe etwas Verbindendes, so Conrad Wagner. Kein Wunder, fühlt er sich zu ihr hingezogen, denn das Verbindende zieht sich selbst wie ein roter Faden durch sein Leben. «Wenn ich zwei Vorschläge vor mir habe, stelle ich diese nicht einfach einander gegenüber, sondern lasse sie einen Moment stehen, um daraus vielleicht einen dritten Vorschlag zu konstruieren.»

Es überrascht auch nicht, dass dem bekennenden Teeliebhaber Istanbul als Reiseziel besonders gefällt. «Hier kommen arabische, europäische, russische und asiatische Einflüsse zusammen. Dieser Schmelztiegel zieht mich immer wieder in den Bann.»

Der Stanser, der in den Neunzigerjahren sechs Jahre in Amerika lebte, muss aber nicht dauernd in die Ferne schweifen. Im Familien-Fotoalbum finden sich auch Erinnerungen an Zeltferien am Seelisbergseeli.

Was bedeutet ihm Heimat? «Fortgehen zu können und wieder heimzukommen». Die Wortwahl sei bewusst, erklärt er: «Viele Leute können gar nicht fort oder müssen umgekehrt ungewollt ihr Zuhause verlassen. Für uns ist das Fortgehen und Heimkommen eine Selbstverständlichkeit. Doch wir müssen dazu Sorge tragen.»

Apropos Zuhause: Wenn er es sich auf der Couch bequem gemacht hat, zappt er meistens in die Sendungen «Eco», «Kulturplatz» und «Giacobbo» oder liest Zeitungen und Zeitschriften. Und zum Ritual geworden ist im Hause Wagner, dass er mittags kocht. «Während des Studiums habe ich sogar einmal ein Kochbuch geschrieben», muss er lachen, als er sich daran erinnert. Ob nun auch in seiner Politkarriere ein neues Kapitel geschrieben wird, entscheidet sich bald.

Hinweis

Mit Conrad Wagner schliessen wir unsere Porträtserie zu den Regierungsratswahlen ab. Bereits erschienen: Walter Odermatt (gestern), Josef Niederberger (12. Februar) und Sepp Durrer (11. Februar). – Am Donnerstag findet unser Podium um 19.30 Uhr im Kollegi Stans statt.

8 Fragen an Conrad Wagner

1) Was machen Sie als Erstes, wenn Sie morgens aufstehen?
«Ich laufe über die Strasse und hole im Café Frei – ich nenne es immer noch so – Brot, um für meine Familie das Frühstück zu machen.»

2) Welcher Anlass gehört jeweils fest in Ihre Agenda?
«Der Alpkäsemarkt in Stans, den ich mitorganisiere. Alpkäse ist ein veredeltes Produkt, in dem sehr viel Nidwalden drinsteckt.»

3) Was bringt Sie auf die Palme?
«Nichts. Ich bin ein sehr gelassener Mensch. Ich kann mich selten derart über etwas empören.»

4) Was kommt bei Ihnen auswärts auf den Teller?
«Ich gehe sehr gerne auswärts essen. Ich bestelle immer etwas Warmes, und meistens spielt ein gutes Stück Fleisch die Hauptrolle.»

5) Was ärgert Sie am meisten in der Politik?
«Es wird sehr viel und lang geredet, doch die Ausbeute ist in den meisten Fällen gering. Ich nerve mich auch über Parteien, welche die Bürokratie abbauen wollen, diese aber dann mit ihrer Politik selber noch befeuern.»

6) In welchem Bereich hat Nidwalden Nachholbedarf?
«Der Kanton investiert zu wenig, beispielsweise in Entwicklung und Verkehr. Es wird nur flickwerkartig reagiert statt agiert. Da machen uns die Privaten und Firmen wie die Pilatus-Flugzeugwerke einiges vor.»

7) Wenn Sie Bundesrat wären: Was würden Sie sofort ändern?
«Nichts ändern im eigentlichen Sinn, aber den Finger weiter auf die Energiewende halten. Trotz den tiefen Erdölpreisen dürfen wir nicht lockerlassen.»

8) Was unternehmen Sie, um vom Politalltag abzuschalten?
«Ich gehe gerne Ski fahren, etwa auf der Klewenalp. Zudem fahre ich im Alltag Velo. Das ist ideal, um den Kopf durchzulüften.»