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NIDWALDEN: «Da wurde noch mit der Rute bestraft»

Alexandra Hürlimann liess für ihre Maturaarbeit Senioren in Erinnerungen kramen. Ihr Fazit: Der Wertewandel in der Erziehung ist riesig.
Romano Cuonz
Alexandra Hürlimann (19) betrachtet mit Franz Scheuber (73) und Silvia Gessner (72) ihre Maturaarbeit zum Thema «Wertewandel in der Erziehung». (Bild: Romano Cuonz / Neue NZ)

Alexandra Hürlimann (19) betrachtet mit Franz Scheuber (73) und Silvia Gessner (72) ihre Maturaarbeit zum Thema «Wertewandel in der Erziehung». (Bild: Romano Cuonz / Neue NZ)

«Zuerst lernte ich für die Schule, danach musste ich bis zum Abwinken Socken stricken, statt nach draussen zu gehen», erzählte die heute 75-jährige Lisbeth Scheuber aus Büren der 18-jährigen Maturandin Alexandra Hürlimann. Und die Stanser Gymnasiastin stellt fest: «Vieles, was mir ältere Nidwaldnerinnen und Nidwaldner über ihre Erziehung erzählt haben, wäre heute undenkbar.» Bei ihrer Maturaarbeit zum Thema «Wertewandel in der Erziehung» sei sie in eine Welt eingetaucht, die nur gerade 50 Jahre zurückliegt. Und dennoch sei sie aus dem Staunen oft gar nicht mehr herausgekommen. «Mir wurde bewusst, wie grundlegend sich unsere Welt durch Schulreformen, durch das Aufkommen der Wohlstandsgesellschaft, die Emanzipation der Frau oder die Medienpräsenz verändert hat.»

Geschichten von früher als Ansporn

«Meine Grossmutter hatte mir oft Geschichten aus einer Zeit erzählt, als noch mit der Rute bestraft wurde und Butter etwas Wertvolles war», schreibt Alexandra Hürlimann zu Beginn ihrer Maturaarbeit. Mehr und mehr habe sie sich die Frage gestellt, weshalb heutige Medien an früheren Erziehungsmethoden oft kein gutes Haar mehr liessen. «Ich nahm mir vor, zu vergleichen, wie Kinder und Jugendliche früher und heute erzogen wurden und werden», umreisst Alexandra Hürlimann das Ziel ihrer Arbeit. Ihre Fragen richtete sie auf sieben Erziehungsbereiche aus: Arbeit, Taschengeld, Ordnung, Strafen, Freizeit und Ausgang, Beziehung Eltern-Kind und Religion. Bei Interviews mit acht älteren Personen und bei Umfragen in gegenwärtigen Klassen des Kollegiums fand die Maturandin Antworten.

Das Arbeitsfeld hat sich verlagert

Zum Thema Arbeit sagte Franz Scheuber (73) aus Büren im Interview: «Ich musste jede freie Minute bei den Schafen sein, heuen oder misten, ich war der Boss auf dem Bauernbetrieb, der den Krampf gemacht hat.» Früher sei es selbstverständlich gewesen, dass Kinder in Haus, Hof und Geschäft mitgearbeitet hätten, stellt Alexandra Hürlimann fest. Wie die Umfrage zeigt, hat sich heute der «Arbeitsplatz» der Jugendlichen etwa vom Bauernhof in die Sporthalle verlagert. Noch einen grossen Unterschied gebe es: Früher entschieden oft die Eltern, welchen Beruf ihr Kind erlernen durfte. Heute hätten Eltern in 60 Prozent der Fälle kein Mitspracherecht mehr. Noch augenscheinlicher sind die Unterschiede beim Taschengeld. Hanny Kammermann (67) aus Stans erinnert sich: «In dem halben Jahr nach der Schule war Sackgeld kein Thema, manchmal bekam man einen Batzen und konnte an die Chilbi.» Die Umfrage im Kollegi ergab, dass heute 89 Prozent der Jugendlichen Taschengeld erhalten.

Körperstrafe war gang und gäbe

«Früher war es meistens der Vater, der die Aufgabe hatte, Strafen auszuführen», stellt Andrea Hürlimann fest. Körperstrafen seien weit verbreitet gewesen. Vor allem Lehrer hätten sie oft angewandt. Lisbeth Scheuber (75) aus Büren: «Der Lehrer hatte mich auf der Latte, von ihm bekam ich manche Ohrfeige, vermutlich hat er mir mein Gehör kaputt gemacht.» Und Ursula von Matt (66) aus Stans sagt: «Ich erinnere mich, die Rute erhalten zu haben. Die Mutter drohte an, und der Vater führte aus.» Erstaunlicherweise aber seien die Gründe für Strafen früher wie heute dieselben, eruiert die Maturandin: Ungehorsam und Nichteinhalten von gesetzten Regeln. Körperstrafen aber seien heute auf unter 3 Prozent gesunken. 30 Prozent der Jugendlichen erhielten gar keine Strafen mehr. Wenn doch, seien Hausarrest oder Medienverbot hoch im Kurs.

Erstaunen und auch Bedauern

In ihren Schlussüberlegungen signalisiert Alexandra Hürlimann oft Erstaunen über das, was sie erfahren hat. «Beispielsweise leuchtet mir nicht ein, weshalb ein Kind heute 300 Franken Taschengeld im Monat erhalten soll, wenn es nicht einmal die Kleidung berappen muss!» Dass nur noch wenige Jugendliche Religion als wichtig bezeichnen, findet die Gymnasiastin bedauerlich. «Heute gilt als ‹uncool›, wer irgendetwas mit der Kirche zu tun hat», kommentiert sie. Jedoch: War es früher besser? «Man musste immer beichten gehen und wusste nicht, was sagen», erinnert sich Lisbeth Scheuber (75) aus Büren.

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