NIDWALDEN: Das Gericht entkräftet einen Tierquälerei-Vorwurf

Wann ist das tierische Wohl beeinträchtigt und wo beginnt Tierquälerei? Das Kantonsgericht hatte sich für einmal mit verschmutzten Tieren zu befassen. Im Mittelpunkt stand Kuh Sandra.

Kurt Liembd
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Symbolbild Gian Ehrenzeller / Keystone ( Davos, 10. Oktober 2016)

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Kurt Liembd

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

Für einmal hatte sich das Kantonsgericht Nidwalden mit einem Tatbestand zu befassen, der jedem Bauern passieren könnte. Angeklagt war ein 50-jähriger Landwirt aus Nidwalden. Die Staatsanwaltschaft warf ihm vorsätzliche Tierquälerei und Widerhandlung gegen das Tierschutzgesetz vor. Laut Strafbefehl sollte er deswegen rund 3000 Franken zahlen (500 Franken Busse, 2100 Franken unbedingte Geldstrafe sowie Gebühren). Weil er dagegen Einsprache erhoben hatte, musste sich der Landwirt vergangenen Mittwoch vor dem Kantonsgericht verantworten.

Staatsanwältin Erika von Rotz warf ihm vor, er habe es willentlich unterlassen, die in seinem Stall untergebrachte Kuh mit der Ohrenmarkennummer 6414 angemessen zu pflegen und zu reinigen. Bei einer unangemeldeten Tierschutzkontrolle am 9. Dezember 2015 hatte die Amtstierärztin festgestellt, dass die besagte Kuh übermässig mit eingetrocknetem und verkrustetem Kot, insbesondere an den Hinterbeinen und am Euter, verschmutzt gewesen sei. Wörtlich schrieb die Staatsanwältin: «Der Beschuldigte wusste um die Möglichkeit einer Beeinträchtigung des tierischen Wohlergehens.» Sie bezeichnete dies als «vorsätzliche Tierquälerei». Ausserdem warf sie dem Landwirt vor, er habe vergessen, den Auslauf seiner Rinder und Kühe rechtzeitig im Journal einzutragen, nämlich innert drei Tagen. Der dritte Vorwurf lautete, er habe es willentlich unterlassen, fehlende Ohrenmarkennummern von vier Kühen rechtzeitig zu melden und dafür Ersatz zu bestellen.

Tierärztin als Zeugin eingeladen

An der Verhandlung relativierte der Landwirt die Vorwürfe und erklärte, er reinige seine Kühe drei- bis viermal pro Tag. Die unangemeldete Kontrolle durch die Amtstierärztin bezeichnete er als «reine Schikane». Zu den fehlenden Ohrenmarken sagte er, er habe diese per Handy gemeldet. Dies tönte aber wenig glaubwürdig, wie seine Antworten auf die Fragen der Gerichtspräsidentin Livia Zimmermann zeigten.

An der Verhandlung wurde zudem Amtstierärztin Manuela Rothacher vom Laboratorium der Urkantone als Zeugin einvernommen. Sie hatte die Kontrolle auf dem Bauernhof durchgeführt und sagte aus, dass verkrusteter Kot beim Tier Juckreiz und Entzündungen auslösen könne, was für die Kuh unangenehm sei. Allerdings sei nicht genau fassbar, ob das schon mit Schmerzen verbunden sei.

Staatsanwältin Erika von Rotz wies darauf hin, dass beim beschuldigten Landwirt schon in der Vergangenheit verschmutzte Tiere festgestellt und deswegen schon mehrmals Massnahmen angeordnet worden seien. Diesbezüglich habe er auch zwei Vorstrafen erhalten wegen Tierquälerei und Vernachlässigung von Tieren. «Er hat nichts daraus gelernt», so die Staatsanwältin. Sie sprach von einer «hartnäckigen Gleichgültigkeit» des Beschuldigten und blieb bei ihrem Antrag der «vorsätzlichen Tierquälerei».

Verteidiger: Kuh nur kurz verschmutzt

Verteidiger Karl Tschopp sagte in einem längeren Plädoyer, dass auf dem Hof seines Mandanten für einen landwirtschaftlichen Betrieb «völlig angemessene hygienische Verhältnisse herrschen». Er sagte, die in den Akten erwähnte Kuh Nummer 6414 habe übrigens auch einen Namen, sie heisse Sandra. Er legte auch dar, dass der Kot an Sandra nicht verkrustet gewesen sei, sondern «feucht, frisch und leicht abputzbar», und der Zustand der Verschmutzung habe nur kurz angedauert. Zum Zeitpunkt der Kontrolle sei die Stallarbeit noch nicht erledigt gewesen, und die besagte Kuh habe sich kurz vor der Kontrolle auf den Boden gelegt, der vom Vortag noch verschmutzt gewesen sei. Tschopps Fazit: «Es liegt keine Missachtung der Fürsorgepflicht und damit keine erhöhte Möglichkeit einer Beeinträchtigung des tierischen Wohlergehens vor.» Die insgesamt 21 Tiere im Stall, insbesondere Kuh Sandra, würden artgerecht gehalten und gepflegt.

Damit vermochte der Verteidiger das Gericht weitgehend zu überzeugen, denn dieses sprach den Beschuldigten vom Vorwurf der Tierquälerei frei. Allerdings wurde er der Missachtung der Vorschriften über die Tierhaltung und der vorsätzlichen Widerhandlung gegen das Tierseuchengesetz schuldig gesprochen, weil er die fehlenden Ohrmarken nicht sofort gemeldet hatte und die Journaleinträge zu spät erfolgt waren. Das Urteil: 1000 Franken Busse und Übernahme der Untersuchungs- und Gerichtskosten von 922 Franken. Zudem muss er das Honorar seines Verteidigers selbst bezahlen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.