NIDWALDEN: Das Stanserhorn-Urteil lässt auf sich warten

Unschuldig oder fahrlässige Tötung? Gestern war der Todesfall am Stanserhorn wieder Thema vor Obergericht. Der Ton hat sich inzwischen massiv verschärft.

Kurt Liembd
Drucken
Teilen
Zeugenbefragung vor Gericht: Obergerichtspräsident Albert Müller (zweiter von rechts) leitete die Verhandlung. (Bild: Illustration Edi Ettlin)

Zeugenbefragung vor Gericht: Obergerichtspräsident Albert Müller (zweiter von rechts) leitete die Verhandlung. (Bild: Illustration Edi Ettlin)

Kurt Liembd

«Ich gehe mit einem sehr unguten Gefühl aus dem Gerichtssaal.» Dies sagte Xaver Marty aus Hergiswil, der gestern als Besucher dem Prozess beiwohnte. So erging es den meisten der zahlreichen Beobachter im Gerichtssaal. Es herrschte von Anfang an eine eher bedrückte Stimmung. Auf der Anklagebank sass immer noch, oder einmal mehr, der Sicherheitsverantwortliche der Stanserhorn-Bahn, der von der Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung angeklagt ist. Dies im Zusammenhang mit dem Lawinenunglück, das sich im Februar 2012 ereignete und bei dem ein damals 33-jähriger Baggerführer und Mitarbeiter der Korporation Stans ums Leben kam.

Das Unglück passierte beim Bau der neuen Cabrio-Bahn. Wie ein grauer Schatten liegt dieser Unfall bis heute über der Weltneuheit. So erstaunt es nicht, dass sowohl Bahndirektor Jürg Balsiger wie auch Verwaltungsratspräsident Heinz Keller an allen bisherigen Prozesstagen dabei waren. In erster Instanz hatte das Kantonsgericht 2013 den Sicherheitsverantwortlichen noch freigesprochen. Das Obergericht hingegen verurteilte ihn 2014 wegen fahrlässiger Tötung. Die Stanserhorn-Bahn akzeptierte dieses Urteil nicht und gelangte ans Bundesgericht. Dieses hob den Schuldspruch wegen fahrlässiger Tötung mangels ausführlicher Begründung auf, rügte das Obergericht und schickte die Unterlagen zur Neubeurteilung nach Stans zurück. Am 26. November 2015 wurden die Verhandlungen vor Obergericht wieder aufgenommen, gestern fand die Fortsetzung statt.

Schlagabtausch unter Juristen

Angeklagt wegen fahrlässiger Tötung war zu Beginn auch der Förster der Korporation, der allerdings sowohl vom Kantons- wie vom Obergericht freigesprochen worden ist. Gestern nun wurde dieser Förster erstmals in der Funktion als Zeuge befragt. Allerdings sagte dieser bei vielen Fragen, dass er dazu schon als Angeklagter ausgiebig befragt worden sei und die Antworten aktenkundig seien. Was dann folgte, war ein rhetorischer Schlagabtausch zwischen Staatsanwalt Alexandre Vonwil und Verteidiger André Britschgi. Auffallend dabei: Der Tonfall hat sich im Vergleich zu früheren Verhandlungen verschärft. Beide redeten je rund zwei Stunden.

In den juristischen Plädoyers ging es vor allem um Verantwortlichkeiten, um Garantenstellung und um die Frage, ob der Niedergang der Lawine voraussehbar gewesen sei. Staatsanwalt Alexandre Vonwil warf dem Angeklagten als Lawinenverantwortlichem vor, «mehrere teilweise gravierende Fehler» begangen zu haben. Auch die Stanserhorn-Bahn kriegte ihr Fett weg. Die Erstellung des Notfallkonzeptes sei wahrhaftig nicht mit Ruhm bedeckt, so Vonwil. Und an die Adresse von André Britschgi: «Wie die Verteidigung den Standpunkt vertreten kann, die Lawine sei am falschen Hang und auf der falschen Höhe abgegangen, ist völlig unverständlich.» Zu den Richtern sagte Vonwil: «Lassen Sie sich keinesfalls vom Wesentlichen ablenken und in die Irre führen».

Urteil erst Anfang Februar

Britschgi konterte ebenso ausführlich und wortreich und warf Vonwil vor, er interpretiere die Frage der Vorhersehbarkeit «schlicht falsch und tatsachenwidrig». Dessen Ausführungen bezeichnete er als «polemisch». Sie liessen die der Staatsanwaltschaft gebotene Objektivität vermissen. Britschgis Fazit: «Die Lawine ging tragischerweise an einem Ort ab, wo sie nicht hätte abgehen dürfen – auf falscher Höhe, zur falschen Zeit, am falschen Hang.»

Bei Verhandlungsschluss nach mehreren Stunden gab Gerichtspräsident Albert Müller bekannt, das Urteil werde Anfang Februar mündlich eröffnet.