NIDWALDEN: «Der Tod ist Teil meines Lebens»

Der Tod holt jeden einzeln. Aber sterben muss man nicht alleine. Die drei Frauen der Begleitgruppe schwerkranker und sterbender Menschen erzählen, wie sie ihre Arbeit leisten und erleben.

Interview Christian Hug
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Das Leitungsteam (von links): Hanna Baumann, Christina Zenhäusern und Christine Dübendorfer.
Bild Robert Fischlin

Das Leitungsteam (von links): Hanna Baumann, Christina Zenhäusern und Christine Dübendorfer. Bild Robert Fischlin

Sie begleiten schwerkranke und sterbende Menschen. Wie geht das?

Christina Zenhäusern: Wir sind einfach da, damit die Sterbenden nicht alleine sind. Meistens kommen wir in der sogenannt terminalen Phase zum Einsatz, also kurz vor dem Tod des Sterbenden.

Sie leisten keine medizinische oder pflegerische Hilfe?

Zenhäusern: Nein. Einige unserer Sterbebegleiterinnen sind zwar gelernte Pflegefachfrauen, sie können, wenn sie wollen, das Kissen aufschütteln oder den Kranken umdrehen. Wenn ich das Gefühl habe, dass irgendetwas Medizinisches ist, dann rufe ich das Pflegefachpersonal.

Hilft es Sterbenden, nicht allein zu sein, auch wenn Sie mit Ihnen nicht verwandt oder befreundet sind?

Zenhäusern: Es gibt keine Skala, mit der man das, was wir tun, als Nutzen messen könnte. Es gibt eigentlich nicht mal Worte, die das, was unser Dasein bewirkt, richtig beschreiben würden.

Christine Dübendorfer: Sterben funktioniert nicht wie eine Fallpauschale im Spital. Sterben kann sehr kurz oder sehr lange dauern. In diesem Prozess kann es vorkommen, dass Angehörige erschöpft sind und eine Pause brauchen. So gese­hen, haben die Angehörigen einen entlastenden Nutzen von unseren Einsätzen.

Was passiert während einer Nachtwache? Sitzen Sie neben dem Bett und lesen Zeitung?

Hanna Baumann: Keine Zeitung, die raschelt so laut. Aber ein Buch habe ich immer dabei. Oder einen schönen Gedichtband. Auf alle Fälle etwas, das Ruhe vermittelt, also keine Krimis. Aber von Anfang an: Wir werden via unsere Kontaktnummer von Angehörigen oder Pflegenden gerufen, in der Regel sehr kurzfristig. Wenn wir vor Ort eintreffen, stellen wir uns den Angehörigen oder dem Pflegefachpersonal vor. Meist wollen vor allem die Angehörigen sehr genau wissen, wer wir sind, das alleine ist für alle Beteiligten ein intimer Moment. Die Verwandten oder die Pflegefachpersonen stellen uns dann dem Sterbenden vor und verlassen den Raum – dann sind wir alleine mit dem sterbenden Menschen.

Eine schwierige Situation?

Dübendorfer: Eine sehr intime, in die ich mich sehr behutsam einfühlen muss. Ich setze mich deshalb einfach mal auf einen Stuhl, und zwar in relativ grossem Abstand zum Sterbenden, und warte.

Zenhäusern: Der sterbende Mensch reagiert auf meine Anwesenheit. Zum Beispiel mit Blicken. Oder einer Geste. Das ist sehr berührend.

Baumann: Oft schauen mir die Sterbenden irgendwann direkt in die Augen. Dann sage ich, wie ich heisse, wo ich herkomme, dass ich heute einfach da sein werde. Meistens schliessen sie dann die Augen wieder – und kontrollieren nach zehn Minuten, ob ich noch da bin.

Ist es denn schlimm, alleine zu sterben?

Zenhäusern: Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Manche wollen das so, andere fürchten sich davor, alleine zu sterben. Ich beobachte immer wieder, dass die Leute den Zeitpunkt ihres Sterbens durchaus bewusst festlegen. Zum Beispiel, wenn die Angehörigen grad Kaffee trinken gehen und sie also alleine sind. Oder umgekehrt, wenn der Partner vom Kaffeetrinken zurück ins Zimmer kommt.

Baumann: Ich vergleiche Sterben mit dem Geborenwerden: Das ist auch etwas, bei dem man alleine durchmuss, aber es braucht auch jemanden, der dabei begleitet.

Warum machen Sie diese Arbeit?

Dübendorfer: Ich kann mir das kaum selber erklären. Ein Stück weit ist es auch eine Form, das Leben intensiv zu spüren, und das lehrt mich, die tieferen Werte des Lebens und des Todes zu erkennen. Es ist mir ein tiefes Bedürfnis, das zu tun, was ich tue.

Zenhäusern: Der Tod ist ein Teil meines Lebens, meiner persönlichen Biografie. Wenn ich mich mit dem Thema Sterben und Tod auseinandersetze, wird mir das Leben in der Gegenwart irgendwie bewusster, und es entsteht auch eine gewisse Demut dem Leben gegenüber.

Baumann: Als ich vor vielen Jahren einen Vortrag zum Thema Sterben besuchte, meinte abschliessend ein junger Pfarrer: Ihr müsst selber wissen, wie ihr sterben wollt, aber ich wünsche mir, dass dann jemand meine Hand hält. So habe ich angefangen, Sterbende zu begleiten, und kann auf diese Weise für einen Menschen direkt und unkompliziert da sein in einer schwierigen Lebensphase.

Wie gehen Sie selber mit so viel Intimität um?

Baumann: Ich habe immer ein kleines Tagebuch dabei, in das ich während der Wache Notizen eintrage. Oft klebe ich später die Todesanzeige dazu.

Zenhäusern: Ich habe auch ein extra Buch nur für die Sterbebegleitung, in dem ich meine Gedanken aufschreibe. Wenn etwas sehr belastend ist, besprechen wir das in der Gruppe. Die Sterbebegleiterinnen können uns auch jederzeit anrufen, wenn sie über eine schwierige Situation sprechen möchten. Natürlich hat die Schweigepflicht über persönliche Daten oberste Priorität.

Dübendorfer: Wenn ich von einem Einsatz nach Hause komme, zünde ich eine Kerze an und setze mich hin. Und ich gehe lange mit meinem Hund spazieren.

Baumann: Ich dusche am Morgen lange, durchaus bewusst, als symbolischer Akt.

Muss man gläubig sein, um Sterbende zu begleiten?

Zenhäusern: Unser Verein ist konfessionell und auch politisch neutral.

Spielt Gott während der Nachtwache eine Rolle?

Baumann: Manchmal, wenn die Situation schwierig ist, bete ich still ein Vaterunser. Und manchmal biete ich dem Sterbenden an, ein Vaterunser zu beten. Aber erst kürzlich wollte ein Sterbender wissen, wieso ich für ihn beten wolle ...

Zenhäusern: Umgekehrt kann ein Sterbender anfangen zu beten. Dann ist es schön, mitzubeten.

Dübendorfer: Bei der Begleitung steht der Sterbende mit seinem Glauben im Vordergrund. Gott spielt für mich eine Rolle, denn es braucht ein tiefes Urvertrauen, um diese Arbeit zu machen.

Warum leisten Sie Ihre Einsätze nur während der Nacht?

Zenhäusern: Weil wir dann vor allem die Angehörigen entlasten können, das ist ja auch eine der Aufgaben unseres Vereins. Aber wir kommen auch am Tag, wenn man das wünscht.

Muss man eine besondere Ausbildung mitbringen, wenn man Ihrem Verein beitreten will?

Dübendorfer: Nicht im Sinne eines Lehrgangs. Wir führen eingehende Aufnahmegespräche, warum jemand Sterbende begleiten will. Wir prüfen, ob man diskret ist und psychisch stark genug. Und ob man physisch belastbar ist, weil man ja im Einsatz eine Nacht lang wach bleibt, und man muss den folgenden Tag organisieren können.

Zenhäusern: Natürlich ist es hilfreich, wenn Neumitglieder vor ihrem ersten Einsatz den Grundkurs in Sterbebegleitung absolviert haben, den zum Beispiel die Caritas Luzern anbietet. Und wir besuchen und organisieren regelmässig Weiterbildungskurse.

Lehnen Sie auch Bewerberinnen ab?

Zenhäusern: Theoretisch schon, wenn wir im Aufnahmegespräch merken, dass die Motivation zu stark in eine fundamental religiöse Richtung geht oder die psychische oder physische Stabilität nicht da ist. Aber das war noch nie der Fall. Weil die betreffende Frau, bis sie sich bei uns meldet, bereits einen Entwicklungsprozess durchgemacht hat.

Warum sind eigentlich nur Frauen Mitglied im Verein?

Baumann: Weil sich noch nie ein Mann beworben hat ...

Bisher wurden Einsätze nicht entlöhnt, sie waren reine Freiwilligenarbeit. Nun möchten Sie in Zukunft Ihren Sterbebegleiterinnen etwas bezahlen für ihre Einsätze. Warum?

Zenhäusern: Aus zwei Gründen: Einerseits möchten wir die Arbeit unserer Mitglieder sichtbar anerkennen. Dafür sind zum Beispiel 50 Franken pro Einsatz nicht viel, aber immerhin eine Würdigung. Anderseits gerät Freiwilligenarbeit mehr und mehr aus der Mode. Vielleicht gewinnen wir neue Begleiterinnen, wenn die Arbeit wenigstens ein bisschen honoriert wird und dadurch einen «zählbaren» Wert erhält, auch wenn der nur symbolisch ist. Unser Verein in Nidwalden ist übrigens so ziemlich der einzige Verein der Sterbebegleiter, der bisher für die Grundausbildung oder die Sitzwachen nichts bezahlen konnte.

Und wie viel kostet es, Ihren Service in Anspruch zu nehmen?

Dübendorfer: Nichts. Und das soll auch so bleiben.

Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Baumann: Das wünsche ich mir. Aber wissen tue ich das nicht. Das weiss niemand.

Dübendorfer: Ich glaube an ein Leben nach dem Tod. In welcher Form auch immer.

Zenhäusern: Ich auch. Aber das spielt ja für unsere Arbeit keine Rolle.

Zwei bis drei Nächte pro Monat

Für die Organisation ihrer Einsätze führen die Frauen der Begleitgruppe von schwerkranken und sterbenden Menschen eine Doodle-Liste. Dort tragen alle 19 Frauen monatlich ihre möglichen Einsatztage ein. In der Regel sind das zwei oder drei Nächte pro Monat. Damit sind sie auf Pikett und können über das Kontakt-Telefon 079 342 01 83 aufgeboten werden. Im vergangenen Jahr haben sie zusammen 52 Einsätze geleistet.

Adresse: Verein Begleitgruppe von schwerkranken und sterbenden Menschen im Kanton Nidwalden, Engelbergstrasse 96, 6370 Oberdorf, chriszen@bluewin.ch

Gesprächspartner des Leitungsteams

Die drei Frauen in unserem Gespräch bilden das Leitungsteam beziehungsweise den Vorstand des Vereins:

  • Christina Zenhäusern-Lussi, Oberdorf, 1966, Präsidentin, Pflegefachfrau und Erwachsenenbildnerin, verheiratet, zwei erwachsene Kinder.
  • Christine Dübendorfer-Fischlin, Oberdorf, 1970, Mitglied des Teams, Fotofachfrau, diplomierte Sterbe- und Trauerbegleiterin, verheiratet, zwei Kinder im Alter von 11 und 14 Jahren.
  • Hanna Baumann-Bründler, Hergiswil, 1946, Kassierin des Vereins, pensionierte Sekretärin, verheiratet, ein erwachsener Sohn.