NIDWALDEN: «Die Kamera ist nur ein Werkzeug»

Tom Stoddart ist ein weltberühmter Fotograf. Dieser Tage ist er mit der Spitex Nidwalden unterwegs. Ein ungewöhnlicher Auftrag.

Christoph Riebli
Drucken
Teilen
Der Starfotograf Tom Stoddart unterwegs mit dem Pflegepersonal der Spitex Nidwalden in Stans. (Bild Corinne Glanzmann)

Der Starfotograf Tom Stoddart unterwegs mit dem Pflegepersonal der Spitex Nidwalden in Stans. (Bild Corinne Glanzmann)

Christoph Riebli

Vorige Woche lichtete er Schauspielerin Angelina Jolie in Myanmar ab. Diese Woche rückt er die Nidwaldner Spitex ins rechte Licht. Obwohl das mit dem «ins Licht rücken» eigentlich nicht stimmt: Tom Stoddart ist ein weltbekannter Fotojournalist, der an einer Situation «nicht versucht, etwas zu ändern». Er wirkt im Hintergrund, dokumentiert, wartet auf den «überraschenden Moment», um die «menschliche Verbindung» seiner Protagonisten für den Betrachter sichtbar zu machen. «Wie eine Fliege an der Wand», erzählt der 62-Jährige. So ist es dem scheuen und geerdeten Briten am wohlsten – hinter der Kamera.

Als Kriegsfotograf war er im Libanon, bei der blutigen Belagerung von Sarajevo und dem Krieg gegen Saddam Hussein im Irak dabei. «Rein zufällig» war Tom Stoddart am 9. November 1989 in Berlin beim Mauerfall anwesend, 7 Jahre dokumentierte er in Afrika die Aids-Pandemie. Und er begleitete die letzten drei englischen Premierminister auf Schritt und Tritt, etwa «am Morgen an einen G-8-Gipfel und am Abend zu einem Feuerwerk mit der Familie». Viele Auszeichnungen hat er für seine Arbeiten erhalten und wahrhaft historische Momente erlebt. Jetzt knipst er in Nidwalden. Wie kommt das?

Authentisch soll es sein

Er sei für einen Kollegen eingesprungen, erzählt Tom Stoddart. Novartis International engagiere jeweils einen bekannten Fotografen – Stoddarts Kollege arbeitet unter anderem fürs «National Geographic» – zur Ausschmückung ihres Geschäftsberichtes. Zur Bebilderung einer thematischen Vorgabe reise dieser dann um die Welt. Für den nächsten Bericht heisst diese Vorgabe «Pflege zu Hause». Bei der Spitex Nidwalden sei Novartis nach ersten Vorsondierungen für den Beitrag aus der Schweiz bereits zuvor fündig geworden – sein Kollege zur Ausführung eben verhindert: Eine Woche lang begleitet nun Stoddart mit seiner Fotoassistentin Daniela Sbrisny das Pflegepersonal bei ihren Einsätzen.

«Normalerweise sind Hausbesuche bei meiner Arbeit nicht möglich.» Dass bisher keine der «kranken, alten Leute» Vorbehalte gegen seine Anwesenheit hatten, schreibt Tom Stoddart der guten Arbeit der Spitex-Organisation zu. «Man merkt, dass die Beziehung echt ist mit den Pflegerinnen.» Er muss es wissen. Schliesslich ist Authentizität das höchste Gut für ihn. So lehnt er es beispielsweise ab, mit Tele-Zoom-Objektiven zu arbeiten: «Ich will, dass der Mensch mit seinen Augen einwilligt, dass ich ihn fotografiere. Von der anderen Strassenseite jemanden anzuzoomen, ohne dass er es weiss – das mache ich nicht.» Zudem sei es das grösste Privileg, von einer Person im Moment ihrer Schwäche ein Bild machen zu dürfen.

Das Team ist begeistert

Dass die Akzeptanz von Stoddart auch mit dessen Wesensart zu tun hat, ist Spitex-Geschäftsführer Walter Wyrsch überzeugt. «Wir haben gerade ein Telefon bekommen, und die Person fragte, ob sie eines der Bilder haben dürfe. Ihr Grossvater hätte sich zeitlebens nie fotografieren lassen, doch für Tom Stoddart sei selbst er vor die Kamera gestanden!» Das ganze Team sei begeistert, wie er mit den Leuten umgehe. «Er ist eine Bereicherung für unsere Mitarbeiter», ist Wyrsch weiter überzeugt. Und Stodd­arts Kompliment bezüglich der Echtheit der Beziehungen sei einfach nur «Balsam für die Seele».

Apropos Seele: Die und den Kopf braucht es gemäss Tom Stoddart für ein richtig gutes Bild. «Man muss beim Betrachten des Bildes etwas fühlen. Die Kamera ist nur ein Werkzeug.» Gerade was die Kopfarbeit betrifft, trauert er den Zeiten der analogen Fotografie hinterher. «Es war immer eine grosse Vorfreude, wenn man manchmal nach drei Wochen nach Hause kam und erst dann die Bilder anschauen konnte.» Stets nach jedem Bild auf den Bildschirm der digitalen Kamera zu schauen, hält er für ein Unding. «Es gibt dem Fotografen das Gefühl, er hätte das richtige Bild bereits.» Doch das sei ein Trugschluss. «Es gibt immer ein besseres.» Der 62-Jährige ist denn auch nie ohne Kamera unterwegs – «für einen Fotografen gibt es nichts Schlimmeres, als ein Sujet zu verpassen» – und ist bei seiner Arbeit zu 100 Prozent auf den richtigen Moment fokussiert. Für ihn sind es denn auch keine bezahlten Ferien, wenn er für den Novartis-Geschäftsbericht eigentlich bloss 5 oder 6 Bilder abzuliefern hätte. «Ich mag es, 100 Prozent zu arbeiten», so Stoddart. Die Suche nach dem besten Bild treibt ihn an.

Mit Mandela und Dalai Lama

Nach seiner Einschätzung hat er in seiner 45-jährigen Karriere bloss «sechs Bilder gemacht, die ich nicht hätte besser machen können». Eines zeige eine «wunderschöne Frau» auf einer Strasse in Sarajevo. «Sie gleicht Sophia Loren.» Das Bild sei viel abgedruckt worden. Ein anderes zeige, wie er in einem Spital in Afrika einen sterbenden Mann, ein sitzendes Kind und eine gebärende Frau im gleichen Bildausschnitt wiederfand. «Das Leben und der Tod auf einem Bild», lautet sein Kommentar dazu.

Übrigens: Vor seine Kamera hat sich Tom Stoddart als Berufsfotograf genau dreimal getraut. Einmal zusammen mit Nelson Mandela, einmal mit dem Dalai Lama und einmal mit Michail Gorbatschow. Und für alle Fotografen: Auch Tom Stoddart schaut zwischendurch mal auf den Bildschirm seiner Digitalkamera, wie er schmunzelnd eingesteht.