NIDWALDEN: Die meisten pedalen zum Unterricht

In ihrer Maturaarbeit nahm Olivia von Holzen etwas scheinbar Unscheinbares unter die Lupe: Den Schulweg der Schülerschaft vom Kollegium St. Fidelis.

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Lancierte eine Velo-Kampagne am Kollegium: Olivia von Holzen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue NZ)

Lancierte eine Velo-Kampagne am Kollegium: Olivia von Holzen. (Bild: Corinne Glanzmann / Neue NZ)

Lukas Tschopp

Auf dem Weg zur Schule wandert die 12-jährige Zahira täglich mehrere Stunden lang über enge Bergpfade quer durchs marokkanische Atlasgebirge. Und in Kenia stellt der Schulweg für den 11-jährigen Jackson immer wieder eine neue Herausforderung dar einmal mitten durch die kenianische Steppe, ständig auf der Hut vor bedrohlichen Elefantenherden.

Schulweg als Unterrichtsform

«Was in fernen Ländern gang und gäbe ist, können wir uns in Nidwalden kaum vorstellen», kommentiert Maturandin Olivia von Holzen die Episoden aus dem Film «On the way to school». Der Film dokumentiert Kinder aus Marokko, Kenia, Argentinien und Indien auf ihrem oftmals bedrohlichen und beschwerlichen Weg zur Schule. In ihrer Maturaarbeit hat sich die 18-jährige Buochserin ebenfalls mit dem Phänomen Schulweg beschäftigt, wenn auch mit dem viel kürzeren ans Kollegi Stans.

«Nach der Matura möchte ich Primarlehrerin werden. Darum wollte ich meine Arbeit zu einem Thema mit schulischem Bezug verfassen.» So ist Olivia von Holzen beim Schulweg gelandet, «der zwar zum schulischen Alltag gehört, über den man sich aber meist keine grossen Gedanken macht». Der Kontakt mit der Natur, die zwischenmenschlichen Begegnungen, das Zurechtfinden im wachsenden Verkehrsdschungel und der daraus resultierende, geschärfte Orientierungssinn: allesamt Faktoren, die aus dem Schulweg eine informelle Unterrichtsform machen, fernab von Wandtafeln, Schulbüchern und Prüfungen.

Möglichst wenig Anstrengung

Olivia von Holzen stellte sich die Frage, wie wohl die Kollegi-Schüler das Abenteuer Schulweg in Angriff nehmen. Dazu startete sie bei der Schülerschaft eine Umfrage: Welche Transportmittel werden bei welchem Wetter vorgezogen? Welche Umstände spielen bei der Transportmittelwahl eine Rolle? Und wird man dabei von Eltern, Geschwistern oder Freunden beeinflusst? Von 485 ausgeteilten Fragebögen erhielt von Holzen 458 zurück, was einer Rücklaufquote von 94,4 Prozent entspricht.

Die Umfrage hat ergeben, dass eine Mehrheit der Schülerschaft mit dem Velo zur Schule fährt, wenn auch vorwiegend aus dem Raum Stans-Oberdorf. «Bei der Wahl des Transportmittels spielt insbesondere die Flexibilität in der Zeitplanung, aber auch die Vermeidung körperlicher Anstrengung oder der Wunsch, an der frischen Luft zu sein, eine Rolle», sagt Olivia von Holzen. Ebenfalls eine Rolle spielen Eltern und Freunde: Die einen finanzieren die ÖV-Tickets, die anderen machen den Schulweg zu einem gemeinsamen Erlebnis. Entsprechend orientiert man sich bei der Bewältigung des Schulwegs stark am eigenen Freundeskreis.

«Niemanden zum Glück zwingen»

Im Anschluss an die Situationsanalyse machte sich Olivia von Holzen daran, eine eigene Kampagne zu starten: «Ich wollte die Schülerschaft dazu motivieren, den Schulweg auf eine möglichst ökologische gesunde Art und Weise zu bewältigen.» In Anlehnung an bereits bestehende Mitmach-Aktionen wie «bike to work» oder «walk to school» konzipierte sie als Produkt ihrer Maturaarbeit am Kollegi eine Velowoche. Die Schüler konnten sich in 4er-Gruppen anmelden, um dann eine Woche lang möglichst oft mit dem Velo zur Schule zu radeln. Anhand eines ausgeklügelten Punktesystems wurden dabei die fleissigsten Velofahrer ausgemacht: Je öfter und je weiter die Velofahrt, desto mehr Punkte. Schliesslich verteilte Olivia von Holzen den punktstärksten Gruppen attraktive Preise, gesponsert von Veloplus, vom Swiss Holiday Park oder von den Titlis-Bahnen.

An der Aktion nahmen insgesamt achtzig Schülerinnen und Schüler teil. «Natürlich ist es das Ziel, dass man nicht wegen attraktiver Preise, sondern aus ökologischen und gesundheitlichen Gründen mit dem Velo zur Schule fährt», so von Holzen weiter. «In Nidwalden kann auf dem Weg zum Kollegi grösstenteils auf das Auto oder das Mofa verzichtet werden.» Letztlich sei es aber immer ein Entscheid des Individuums, wann und wie man am liebsten zur Schule gelangt. «Man kann schliesslich niemanden zu seinem Glück zwingen», so von Holzens Fazit.

Velo-Hype unter Lehrpersonen

Die Velowoche stiess bei Schülern, Lehrern und Eltern gleichermassen auf Anklang. Eine neuerliche Durchführung steht laut Schulleitung des Kollegi Stans momentan nicht zur Debatte: «Trotzdem ist an unserer Schule so etwas wie ein Velo-Hype auszumachen. Einige Lehrer nehmen ihre Vorbildfunktion wahr und fahren regelmässig mit dem Velo zur Arbeit. Gut möglich, dass so der Funke auch auf den einen oder anderen Schüler überspringt», sagt Prorektor Christoph Gyr.