NIDWALDEN: Dorfplatz drei Monate im Dunkeln

Bis Anfang Februar muss, wer im Dorfzentrum von Stans wohnt, nun ohne Sonnenlicht auskommen. Damit könne man leben, meint der Gemeindepräsident. Ein italienisches Dorf sah das anders – und holte die Technik zu Hilfe.

Matthias Piazza
Drucken
Teilen
Selbst um die Mittagszeit liegt der Stanser Dorfplatz im Schatten.Bild: Matthias Piazza (Stans, 9. Dezember 2016)

Selbst um die Mittagszeit liegt der Stanser Dorfplatz im Schatten.Bild: Matthias Piazza (Stans, 9. Dezember 2016)

Im Stanser Dorfzentrum lässt sich die Sonne in dieser Jahreszeit nie blicken. Selbst in der Mittagszeit schaffen es die Sonnenstrahlen nicht über das Stanserhorn. Der Dorfplatz und die umliegenden Quartiere bleiben im Schatten. Dem einen oder anderen schlagen die sonnenlosen Wochen auch tatsächlich aufs Gemüt, weiss Gemeindepräsident Gregor Schwander, der früher in der Stanser Pfarrei engagiert war. «Einige Leute waren im November und Dezember etwas niedergeschlagen.»

Wie es sich in einem Quartier mit monatelanger Sonnenabstinenz lebt, weiss Schwander aus eigener Erfahrung. «Ich wohnte ein paar Jahre lang im Spittel und in der Nägeligasse. Am schlimmsten Wintertag zeigte sich die Sonne während gerade mal 90 Sekunden. Und die Spittel-/Nägeligasse-Winter waren zusätzlich noch sehr von Nebel dominiert.» Schwander tankte seine Portion Sonne jeweils bei Spaziergängen am sonnenverwöhnten Bürgenberg.

Schnee und Eis ziehen sich später zurück

Die fehlende Sonne macht sich auch anderweitig bemerkbar. «Im Dorfzentrum halten sich Schnee und Eis jeweils viel länger als im übrigen Gemeindegebiet.» Und auch die Temperaturunterschiede seien spürbar. «Im Berg­li-Quartier kann es im Winter gut und gerne fünf Grad wärmer sein als im Dorf», weiss Schwander. Auch wenn man im Winter teilweise gänzlich auf die Sonne verzichten müsse, seien die Quartiere in der Spittel-, Markt-, Nägeli- und Knirigasse und am Dorfplatz beliebt zum Wohnen – aus gutem Grund. «Hier hat man das Dorfleben und die kulturellen Angebote vor der Haustüre.» Und Christbaum und Weihnachtsbeleuchtung brächten immerhin etwas Licht in diese dunkle Jahreszeit.

Viganella hat einen anderen Weg beschritten. Das italienische Dorf im Antrona-Tal im Piemont läge im Winter fast drei Monate im Schatten. Dank eines 8 mal 4 Meter grossen Spiegels mitten auf der Piazza müssen die Bewohner auch im Winter nicht auf Sonnenlicht verzichten.

Wäre das auch was für Stans? Darauf angesprochen, muss Gregor Schwander schmunzeln. «Wir haben uns bisher nicht mit einer solchen, wenn auch innovativen, Idee auseinandergesetzt. Wir müssen leider wichtigeren Investitionen den Vorrang geben,» meint er. «Aber wenn sich private Investoren dafür finden, warum nicht», fügte er schmunzelnd an. Und sonst bleibt ja als Trost, dass in spätestens ein paar Wochen – jeweils um den 2. Februar (Lichtmess) herum – die Sonne wieder hinter dem Stanserhorn hervorlugt.

«Das Sonnenlicht ist sehr wichtig für uns Menschen, bestimmt unseren Tagerhythmus, unsere innere Uhr», sagt Christian Cajochen, Chronobiologe der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel. Das heisse jetzt aber nicht, dass alle Stanser im Dorfzentrum zwingend depressiv werden müssten. «Gemäss Studien ist das Tageslicht alleine genug hell, auch ohne direktes Sonnenlicht.» Dennoch würden die Menschen wärmende Sonnenstrahlen lieben. «Schattengebiete sind in der Regel zum Wohnen nicht so beliebt.»

«Sind uns sonnenlose Winter gewohnt»

Der Grund, dass ein Teil von Stans im Winter sozusagen ein «Schattenloch» ist, ist das Stanserhorn. Das tut dem guten Verhältnis der Stanser zu ihrem Hausberg aber keinen Abbruch. Davon ist Heinz Keller, Verwaltungsratspräsident der Stanserhorn-Bahn, überzeugt. «Die Einheimischen würden ihr Stanserhorn vermissen.»

Auch der erwähnte Spiegel, der trotz Berg auch im Winter für Sonnenlicht sorgen würde, ist für Heinz Keller keine Alternative. «Dann wären die Stanser ja geblendet und könnten ihren geliebten Berg nicht mehr sehen», meint er schmunzelnd. Und etwas ernster fügt er an: «Ich bezweifle, dass solche Eingriffe in die Natur auf positive Resonanz stossen würden. Wir Stanser sind uns im Zentrum sonnenarme Winter gewohnt und schätzen umso mehr, wenn die Sonne im Frühling wieder auftaucht», meint Heinz Keller, der selber im Dorfkern von Stans aufgewachsen ist.

Matthias Piazza
matthias.piazza@nidwaldnerzeitung.ch