NIDWALDEN: Ein Leben für einen Geächteten

Wie Behörden Jenische geplagt haben, soll im Geschichtsunterricht vermittelt werden. Erika Blöchlinger aus Ennetbürgen hat es als Beistand miterlebt.

Philipp Unterschütz
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Erika Blöchlinger blättert in der Biografie von Josef Kümin, in der sie unter dem Pseudonym «Frau Dr. Bolliger» ebenfalls vorkommt. (Bild Philipp Unterschütz)

Erika Blöchlinger blättert in der Biografie von Josef Kümin, in der sie unter dem Pseudonym «Frau Dr. Bolliger» ebenfalls vorkommt. (Bild Philipp Unterschütz)

Philipp Unterschütz

«Was man damals den Jenischen – und auch anderen ‹schwierigen› Jugendlichen – angetan hat, war nicht recht», enerviert sich Erika Blöchlinger noch heute. «Wie die Jungen einfach zur ‹Nacherziehung› eingewiesen wurden, war eine Schweinerei.» Die 87-jährige Seniorin, ausgebildete Kinderschwester und Hebamme, weiss, wovon sie spricht. Sie hat ab Ende der 60er-Jahre bis zu seinem Tod 1989 den Jenischen Josef Kümin als freiwillige Beiständin begleitet (neben drei weiteren Fällen); gemeinsam mit ihrem 2014 verstorbenen Mann Kurt, der von 1963 bis 1995 in Ennetbürgen als Arzt praktiziert hatte und lange Jahre auch Nidwaldner Land- und Regierungrat war. Auf rund 300 Seiten hat Kümin sein Leben niedergeschrieben, daraus ist schliesslich ein viel beachtetes Buch entstanden, das vor 20 Jahren unter dem Titel «Allein auf dieser verdammten Welt – Das andere Leben des Josef Knöpflin» erschien. Auch Erika Blöchlinger kommt darin – wie alle Personen unter geändertem Namen – als «Frau Dr. Bolliger» vor.

Werte haben sich geändert

Kürzlich hat die Gesellschaft für bedrohte Völker gefordert, dass die Geschichte der Jenischen und ihrer Verfolgung durch die Behörden Teil des Geschichtsunterrichts und in die Geschichtsbücher aufgenommen werden soll (wir berichteten am 3. Juni). Darauf angesprochen, ist Erika Blöchlinger zurückhaltend, dies bringe wohl nicht viel. Sie relativiert jedoch, dass sie heute keinen Kontakt mehr zu Jenischen habe und insofern nicht über aktuelle Probleme im Bild sei. Aber bezogen auf die Verfolgung durch die Behörden und ihre persönlichen Erlebnisse mit Josef Kümin meint sie: «Diese Zeiten sind passé. Man sollte nach vorne schauen. Die Werte in der Gesellschaft haben sich geändert, ich kann mir nicht vorstellen, dass solche Dinge heute noch möglich wären.» Heute sei die Behandlung von Minderheiten viel besser und Dinge, die schieflaufen, würden öffentlich gemacht. «Damals war das anders, alles geschah ‹unter dem Deckel›.»

Willkür bei der ersten Begegnung

Tatsächlich hat Erika Blöchlinger manchen Kampf für den Jenischen Josef Kümin ausgefochten. Sie lernte Chümmi-Sepp, wie sie ihn nannten, 1966 kennen, nachdem sie in der Zeitung eine Zuschrift von ihm gelesen hatte, dass er niemanden habe auf der Welt. Schon ihr erstes Erlebnis mit ihm in der Strafanstalt Liestal, zeugt bereits von einer gewissen Behördenwillkür. «Er verlangte ein Pfund Aufschnitt, das ich ihm noch am gleichen Tag brachte. Doch der Wärter wollte ihm das nicht gönnen, worauf Kümin zornig wurde und sich den ganzen Aufschnitt auf einmal in den Mund stopfte.»

20 Jahre seines Lebens hatte der damals knapp 50-jährige Jenische im Zuchthaus verbracht. Immer wieder war er wegen Delikten verurteilt worden, galt als Gewohnheitsverbrecher – und war auch immer wieder ausgebrochen. Erika Blöchlinger erreichte schliesslich nach zähem Ringen mit den Behörden 1967 seine Entlassung und war fortan als Beiständin und Schutzaufsicht für Kümin verantwortlich. Vor der Entlassung wollte man ihn laut Erika Blöchlinger kastrieren, weil es auch Verfahren wegen Unzucht gegeben hatte. «Es kam schliesslich nicht dazu, weil Kümin sich weigerte und sagte, dann bleibe er lieber ‹drin›.»

Zuerst das Versäumte nachholen

Erika Blöchlinger besorgte Kümin verschiedene Stellen unter anderem bei einer Familie auf dem Wiesenberg, die auch ein Restaurant hatte. «Dort rannte er allerdings fort, weil er während dem Bau der Wiesenberg-Bahn tagelang im Keller Pommes frites rüsten musste.» Später besorgte sie ihm Stellen im Kloster Sarnen als Hilfskoch oder beim Strassenbau in Beckenried. In seiner Freizeit ging Kümin bei der Familie Blöchlinger in Ennetbürgen mit ihren sechs Kindern ein und aus.

«Es ist nie wieder ein Delikt passiert», sagt Erika Blöchlinger. «Wir haben ihn als Freund erlebt. Zwar aufgrund seiner Geschichte ein schwieriger Charakter, der durch die Behandlung auch soziale Schäden davongetragen hatte. Er war aber ein liebenswürdiger Mensch, der Respekt vor uns hatte. Und er war vor allem nicht debil, wie ihn die Behörden immer wieder bezeichnet haben.» Sie habe aber lernen müssen, dass man diesen Leuten erst das Versäumte geben musste, bevor man etwas aufbauen konnte. Kümin selber schrieb in seinen Memoiren: «Frau Dr. Bolliger holte mich aus diesem Loch heraus, und dafür bin ich ihr für mein ganzes Leben dankbar.»

Kümin behielt seine lustige Art

Rückblickend sagt Erika Blöchlinger, die heute in der Seniorenresidenz Tertianum in Luzern wohnt, dass ihre Bemühungen mit Behörden und Stellensuchen wohl nur möglich und von Erfolg gekrönt waren, weil ihr Mann in Nidwalden eine angesehene Persönlichkeit war. «Er hat sich immer mit unserer Beistandschaft identifiziert.» Anfeindungen hätten sie selber nie erlebt. Im Nidwaldner Landrat und der Regierung habe ihr Mann jeweils Kümins Geschichten brühwarm erzählt, und man habe sich auch zu Hause immer wieder köstlich über seine Erlebnisse amüsiert.

Neben vielen tragischen Vorkommnissen finden sich auch im Buch viele lustige Begebenheiten aus Kümins Leben. «Trotz aller schlimmen Erlebnisse ist es interessant, wie er sich durchs Leben schlug, nicht kaputtging und trotz allem eine lustige Ader behielt», sinniert Erika Blöchlinger und meint schliesslich: «Er hatte einen starken Willen.» Ob sich allerdings beim letzten Akt nochmals Behördenwillkür zeigte oder nicht, weiss Erika Blöchlinger nicht. Josef Kümin wurde jedenfalls neben seinem Bruder Franz, der offenbar eine ähnliche Lebensgeschichte hatte, 1989 in Feusisberg begraben – abseits des Friedhofs.

Hinweis

Das 1996 erschienene Buch «Allein auf dieser verdammten Welt» ist immer noch erhältlich. ISBN 3-7190-1464-9, Helbing & Lichtenhahn Verlag AG, Basel.

Erika Blöchlinger mit Josef Kümin 1967 in Emmetten. (Bild: PD)

Erika Blöchlinger mit Josef Kümin 1967 in Emmetten. (Bild: PD)