NIDWALDEN: Er hat die Vogelperspektive verinnerlicht

Severin Ott zählt zu den hundert besten Basejumpern der Welt. Der 22-Jährige ist wild drauf, dreht aber, ohne zu zögern, um, wenn ihm sein Bauchgefühl dazu rät.

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Basejumper Severin Ott bieten sich dank seinem Hobby teils atemberaubende Ausblicke: hier bei einem Sprung in Kuala Lumpur. (Bild Joel Hindman/PD)

Basejumper Severin Ott bieten sich dank seinem Hobby teils atemberaubende Ausblicke: hier bei einem Sprung in Kuala Lumpur. (Bild Joel Hindman/PD)

Severin Otts Stimme versagt auf einmal, sein Haupt senkt sich. Sekundenbruchteile zuvor hat er noch euphorisch über seine grosse Leidenschaft, das Basejumpen, gesprochen. Nun herrscht im Raum eine bedrückende Stille. «Es passierte in diesem Sommer, oberhalb von Grindelwald», beginnt der 22-jährige Ennetbürger. «Es war der schlimmste Moment meines Lebens.» Er muss mit ansehen, wie 50 Meter vor ihm ein Kollege ungebremst auf dem Boden aufschlägt – der Schirm hatte sich nicht geöffnet. «Ich brauchte eine Woche, um mich von diesen Bildern zu erholen. Ich konnte nicht zur Arbeit», erzählt der Kunststofftechnologe.

Nach dem Schockerlebnis rang Ott eine Weile mit sich, «bevor ich mir sagte: Entweder gehe ich jetzt wieder basejumpen, oder ich lasse es für immer sein». Er packte seinen Schirm, stieg auf einen Berg und sprang «in die Freiheit», wie er es nennt. «Es mag hart klingen, aber der tragische Vorfall hat nichts mit meinen Sprüngen zu tun.» Er vergleicht seine Geschichte mit einem Verkehrsunfall, an den er heranlaufen würde. «Trotzdem würde ich mich früher oder später wieder hinters Steuer setzen.»

Mit Vogelkostüm von der Jungfrau

Severin Otts jüngste Erlebnisse sind indes ganz anderer Natur, «wahre Glücksgefühle», wie er sagt. Der Nidwaldner ist vor wenigen Tagen von einem Kurztrip nach Kuala Lumpur zurückgekehrt. 50 Sprünge absolvierte er aus dem KL-Tower, schlug in 300 Metern Höhe Vorwärtsrollen und vollführte andere Kunststücke. «Jedes Jahr werden die weltweit hundert besten Springer zu diesem Event eingeladen, selber anmelden kann man sich nicht», schwärmt der Extremsportler stolz. Ob diese Sprünge sein Highlight gewesen sind? «Schwierig zu sagen», sagt Ott verschmitzt, «die schönsten Sprünge sind die, bei denen du nach der Landung das grösste Smile im Gesicht hast.»

In diese Kategorie gehöre sein rund dreiminütiger Flug mit dem Wing-Suit – einer Art Vogelkostüm – von einem Ausläufer der knapp 4200 Meter hohen Jungfrau. «Die ersten Augenblicke hast du das Gefühl, du springst in den luftleeren Raum. Dann fängt der Wind an zu ziehen, du nimmst aber kaum etwas wahr rund um dich, so fokussiert bist du.» Einmal in stabiler Fluglage, öffne sich das Blickfeld mehr und mehr. «Es ist unbeschreiblich, wenn du wie ein Vogel über Täler und Wälder fliegst.»

Vier «tödliche» Faktoren

Inzwischen hat Severin Ott über 450 Sprünge in Europa und weiter weg auf dem Buckel. Davor hat der Ennetbürger ab dem 15. Lebensjahr unzählige Flüge mit dem Gleitschirm und dem Speedflyer absolviert. Und trotzdem nimmt er das Wort Routine nicht gerne in den Mund. «Routine ist einer von vier Faktoren, die am Ursprung von Unfällen stehen.» Er selber bereite sich immer noch gleich vor wie beim allerersten Sprung. An völlig neuen Standorten erkundet er die Umgebung ausgiebig, misst teils mit Lasertechnik Höhen und Distanzen. Und er hat ein Ritual: «Ich packe vor jedem Absprung den Hilfsschirm neu. So habe ich letzte Gewähr, dass mit dem Material alles in Ordnung ist.»

«Zeitdruck, Selbstüberschätzung und schlechtes Wetter», nennt Ott die weiteren Faktoren, die das Risiko eines verunglückten Sprungs mit meist fatalen Folgen erhöhen. Diese Umstände hätten im berüchtigten Lauterbrunnen schon oft zu Todesfällen geführt. Nicht selten seien Touristen, die für ein paar Tage hierherkämen, unter den Opfern. «Sie wollen in dieser Zeit möglichst viel springen und fliegen auch bei eher ungünstiger Witterung.» Er selber habe den Rückweg öfter wieder zu Fuss angetreten – zuletzt auf der Axalp, als sich die Nebeldecke geschlossen hatte. «Ich machte aber auch schon Rückzieher nur wegen meines Bauchgefühls.»

«Verbote bringen gar nichts»

Bauchschmerzen bereiten Severin Ott zurzeit meist ausländische Springer, die sich zunehmend über den «Kodex unter den Basejumpern» hinwegsetzen und wenig Respekt gegenüber Landbesitzern oder Anwohnern zeigen. «Sie rücken die Szene in ein schlechtes Licht.» Und lösen mitunter Diskussionen über Verbote aus, wie sie zuletzt auch im Kanton Uri geführt worden sind. «Verbote bringen in meinen Augen rein gar nichts. Kontrollen sind kaum umsetzbar, und Basejumper werden immer einen Weg finden, vom Berg zu springen.» Auch Severin Ott wird sich sein geliebtes Hobby nicht nehmen lassen. Ein Hobby aber, das ihn bisher sehr viel Geld und auch schon die Freundin gekostet hat. «Ihre Angst, dass mir etwas zustossen könnte, war zu gross.»

Bisher konnte Ott seine Leidenschaft dank Sponsoren und seinen Kursen für Anfänger finanzieren. Sein Traum: eines Tages davon zu leben. Als fliegender Kameramann an der Seite des bekannten Schweizer Basejumpers Remo Läng ist er gegenwärtig auf dem besten Weg dazu.

Oliver Mattmann

Hinweis

Severin Otts Dokumentarfilm «Borrowed Wings» feiert am Freitag, 13. November, im Senkel Stans Premiere. Infos: www.senkel.ch, www.orbitrider.ch