NIDWALDEN: Er ist im Hüttenleben angekommen

Fast magisch wird Fredy Arnold von Niederrickenbach angezogen. Der Luzerner fährt regelmässig hoch. Er ist nicht abgeneigt, auch länger zu bleiben.

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Fredy Arnold geniesst bei einer Wanderpause die Ruhe auf Niederrickenbach. (Bild Sandro Portmann)

Fredy Arnold geniesst bei einer Wanderpause die Ruhe auf Niederrickenbach. (Bild Sandro Portmann)

Sandro Portmann

Fredy Arnold führt ein Doppelleben. Der 65-Jährige hat bis zu seiner Pensionierung als Stromer gearbeitet. «Ein Fulltime-Job», wie er sagt. Daneben gibt es aber eine Leidenschaft, die den Grossvater von drei Enkeln seit 30 Jahren nicht mehr loslässt: der Ort Niederrickenbach. Er nutzt jede freie Minute, um hier oben zu wandern und Freundschaften zu pflegen. In der Chrüz­hütte hat er während zehn Jahren – jeweils am Wochenende und während seiner Ferien – gelebt, auf der Ahorn-Alp verbrachte er weitere fünf Jahre. In der Hütte Chäsestad (Masten 13) ist er auch heute noch oft anzutreffen. Mit dem dortigen Älpler pflegt er eine gute Freundschaft. Etwa alle zwei Wochen packt er seinen Rucksack und geht hier wandern. Manchmal bleibt er auch die Nacht über und schläft dann bei Freunden in einer Hütte. «Es ist das Hüttenleben, das mich anzieht. Das Leben ohne Strom, umgeben von der Natur.Es ist der Reiz eines Aussteigers, der mich überkommt. Dann heisst es: einfach weg von allem», sagt Arnold.

Freundschaften fürs Leben

Seine Familie teilt diese Leidenschaft nicht. Meist ist Arnold ohne sie hier oben. «Meine Frau ist ein Stadtmensch. Sie ist nur selten dabei, wenn ich hier wandern gehe», sagt er. Allein ist er hier im Tal aber nicht. In den letzten 30 Jahren sind echte Freundschaften entstanden. Das zeigt sich eindrücklich bei einer Wanderung mit Fredy Arnold. Bereits bei der Talstation in Dallenwil wird geplaudert – über das Wetter, die Menschen und den tragischen Unfall beim Stanserhorn. Auch der Tod eines kürzlich verstorbenen Einheimischen ist ein Thema. Ein kleines Gesteck mit Blumen und Kerzen halten die Erinnerung an ihn hoch. Weil die Seilbahn einer Revision unterzogen wird, fährt sie nicht bis zur Musenalp, wo Arnold eigentlich hinwollte. Aufhalten lässt ihn das aber nicht. Der Weg ist das Ziel. In Niederrickenbach geht es zu Fuss weiter. Mit seinem Rucksack ist er für alles gerüstet. Dieser ist gefüllt mit Sackmesser, Regenjacke oder einem Znüni. Eine Landkarte fehlt, doch die braucht er ohnehin nicht. Das Tal kennt er inzwischen wie seine eigenen fünf Finger. «Ich bin auf jedem Felsen in dieser Gegend gewesen», sagt er ein wenig stolz.

Wetterfest auf Wanderung

Seine erste Begegnung mit der Gegend hatte er während des Militärs.Damals verbrachte er drei Nächte im Brisenhaus, einer SAC-Hütte auf 1753 Meter über Meer. Die Tage blieben ihm eindrücklich in Erinnerung. «Ich habe damals zu meinem Kollegen gesagt: Hierher kommen wir wieder.» Und so war es auch. Kuhglockengeläut begleitet Arnold auf seiner Wanderung von Rickenbach Richtung Ahorn-Alp. «Das ist der Sound der Natur. Das macht mich wehmütig», sagt er. Überhaupt ist es die pure Natur, die ihn herzieht. Das Wetter ist dabei zweitrangig. «Auch eine Wanderung im Regen hat seinen Reiz», sagt er. Vorsicht sei aber bei Gewittern geboten. Und ein solches kann in den Bergen schnell aufziehen. «Das kann gefährlich werden. Ich musste auch schon in einer Hütte Zuflucht suchen», so Arnold. Zum Glück kennt er hier jeden. «Wir haben dann Kaffee getrunken und gefeiert», erinnert er sich.

Ein spontanes Mittagessen

«Wir helfen alle einander», erzählt Arnold. Bei der Ahorn-Alp hat der pensionierte Stromer selber Hand angelegt und Leitungen gezogen sowie die Toilette ausgebaut. Dafür ist er hier ein gern gesehener Gast. Auch eine Hütte weiter oben. Hier wird Arnold spontan zum Mittagessen eingeladen. Es gibt Älplermagronen mit Zwiebelschweize und Apfelmus, das Lieblingsessen von Arnold.

«Kürzlich habe ich gesehen, wie ein Adler ein junges Murmeltier erwischt hat», erzählt er in die Runde. Mit einem Zischen sei der Vogel herabgestürzt, habe das Junge gepackt und sei damit davongeflogen. Dass es hier einen Adler hat, ist den anderen bekannt. Auch sie haben ihn bereits gesehen. Auch Luchse gibt es in der Gegend. «Seither lassen sich aber die Rehe kaum mehr blicken», weiss ein passionierter Jäger am Tisch.

«Ich habe Bergweh»

Nebel zieht auf. Auf dem Wanderweg sind keine anderen Wanderer mehr anzutreffen. In die Stille plätschert der Buholzbach. Es ist diese Stimmung, die Arnold immer wieder nach oben zieht. «Ich habe mehr Bergweh als Stadtweh. Doch man muss auch der Typ sein für hier oben», sagt er, während er ins Tal blickt. Doch würde der 65-Jährige auch bleiben? Hier könnte er doch eine Alp-Beiz betreiben? Arnold wägt ab, sagt aber: «Ich kann nicht so gut kochen, um eine eigene Beiz zu betreiben.» An einer Hütte ist er aber nicht abgeneigt: «Wenn ich jetzt an eine Hütte laufen sollte, die zu vermieten ist, müsste ich mir das schon zweimal überlegen.»

Hinweis

In unserer Sommerserie «Stammgäste» erzählen uns Leute aus nah und fern, weshalb sie seit vielen Jahren in unserer Region Ferien machen. Bereits erschienen: Renate und Wolfgang Bappert aus Düsseldorf (11. 7.), Gerard Dierick und Maria Werner aus Holland (16. 7.), Elvira und Andrej Treutner aus Rüsselsheim (21. 7.), Brigitte Baggenstos (23. 7.). Abonnenten finden die Beiträge auch unter www.nidwaldnerzeitung.ch/serien

Musenalp-Schnitte

spo. Fredy Arnold (65) wohnt in Rothenburg LU. Doch die Nidwaldner Berglandschaft ist sein zweites Zuhause geworden. Was sind die Vorlieben, und wo hat er Vorbehalte? Wir haben nachgefragt:

  • Lieblingsort in der Schweiz: Das ganze Tal hier. Lieblingsort im Ausland: Ich mag das Südtirol. Dort lebt auch meine Schwiegertochter.
  • Lieblingsessen: Älplermagronen oder die Chässchnitte auf der Musenalp.
  • Lieblingsgetränk: Zum Essen ein Glas Roten, ansonsten ein Bier oder einen Kaffee avec.
  • Lieblingstiere: Die Gämsen sind schön zu beobachten.
  • Was hier oben fehlt: Früher hätte ich gesagt die Zeit. Da ich ja pensioniert bin, muss ich sagen: Hier fehlt gar nichts. Alles ist richtig, so wie es sein muss.