NIDWALDEN: «Es braucht jetzt eine Beruhigung»

Ein rauer Wind bläst zurzeit Bildungsdirektor Res Schmid entgegen. Im Interview nimmt er Stellung zur Kritik – und fasst auch heisse Eisen an.

Interview Matthias Piazza
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Res Schmid: «Als Bildungsdirektor ist man exponiert und bietet auch Angriffsfläche für Kritik.»

Res Schmid: «Als Bildungsdirektor ist man exponiert und bietet auch Angriffsfläche für Kritik.»

Seit März 2010 ist Res Schmid (55, SVP) Nidwaldner Regierungsrat und seit Juli 2010 Vorsteher der Bildungsdirektion – als Nachfolger von Beatrice Jann. Nicht allen scheinen offenbar Schmids Stil und Zielsetzungen zu gefallen. Schulleiter fühlen sich von ihrem politischen Chef übergangen. Die Amtschefin für Volksschulen, Vreni Völkle, hat Ende März ihren Rücktritt bekannt gegeben, weil in «grundsätzlichen Fragen unterschiedliche Meinungen» vorherrschten.

Gefällt Ihnen der Job als Bildungsdirektor noch wie am ersten Tag?

Res Schmid: Als ich Regierungsrat wurde, war Bildung mein Wunschdepartement, obwohl man spekulierte, dass ich aufgrund meines beruflichen Hintergrundes als Militär- und Testpilot das Sicherheits- und Justizdepartement wünschen würde. Für mich war aber klar, dass ich mich für die Jugend einsetzen wollte. Das war die treibende Kraft. Mir gefällt der Job immer noch sehr gut. Es ist sehr interessant, in einem Kanton mitzugestalten. Aber allen recht machen kann man es nicht. Wichtig finde ich, dass man mit einer klaren Linie führt, um die angestrebten Ziele zu erreichen.

Über Sie sind in der jüngsten Vergangenheit einige bildungspolitische Gewitter hereingebrochen. Sind diese spurlos an Ihnen vorbeigegangen?

Schmid: Natürlich nicht. Aber die Kritik von Seiten der Schulleiter war absehbar, als wir im vergangenen Jahr die Noten ab der dritten Klasse wieder einführten. Von Eltern und vom Gewerbe hörte und höre ich übrigens nur Positives. Die grosse Welle der Kritik entstand aber im vergangenen Jahr in Sachen Schuleingangsstufe, als der Regierungsrat verordnete, kantonsweit ein Modell zu führen – entweder der zweijährige Kindergarten oder die alleinige Einführung der Basisstufe, also der zwei Jahre Kindergarten und die ersten zwei Jahre der Primarschule. Die Schulleiter und Schulbehörden hätten es lieber gesehen, wenn dieser Entscheid jede Gemeinde für sich hätte fällen können. Wir vom Regierungsrat wollen kein offenes System, wo jede Gemeinde machen kann, was sie will. Mittlerweile ist ja ein Vorstoss eingegangen, jetzt kann das Parlament entscheiden, im Falle eines Referendums gar eine Volksabstimmung. Und diese würden wir selbstverständlich respektieren.

Sie haben bei Ihrem Amtsantritt einen Kurswechsel vollzogen. Damit kommen wohl nicht alle gleich gut zurecht.

Schmid: Das ist richtig. Ich habe klare Grundsätze, und die will ich auch durchsetzen. Dazu gehört auch die Stärkung der Grundlagenfächer wie Deutsch und Mathematik. Sie sind das Fundament für alle weiteren Fächer. Lehrbetriebe bestärken mich in dieser Politik. Sie beklagen sich immer wieder, dass es den Lehrlingen an solchen Fertigkeiten zunehmend fehle. Ein weiterer Grundsatz für mich ist das Schlagwort Stabilität. Die Lehrpersonen sollen nicht jedes Jahr wieder mit einer Reform konfrontiert werden, sonst leidet die Kontinuität. Diese Haltung stösst halt teilweise auf Kritik, aber damit kann ich leben. Auch die Wiedereinführung der Noten ab der dritten Klasse, diese Kehrtwende ist übrigens in der ganzen Schweiz zu beobachten, kam nicht in allen Kreisen gut an.

Fühlen Sie sich damit alleine?

Schmid: Im Bildungsgefäss kommt man sich manchmal schon etwas alleine vor. Von Lehrbetrieben und Eltern erhalte ich aber viel Zuspruch für diese Haltung. Sie stehen hinter meinen Grundsätzen und Zielen, welche ich seit Beginn meiner Arbeitszeit kommuniziere.

Aber ist unter diesen Umständen überhaupt noch eine Diskussions- und Vertrauensbasis vorhanden für die Zukunft?

Schmid: Das Verhältnis zwischen mir als Bildungsdirektor und Schulleiten ist angespannt. Wir hatten menschlich zu jeder Zeit ein gutes Verhältnis, waren aber hart in der Sache. Es braucht jetzt eine Beruhigung, und die ist nun formell gegeben – zumindest in Sachen Schuleingangsstufe, worüber jetzt das Parlament befindet.

Was unternehmen Sie, um das Schiff wieder in ruhigere Gewässer zu lenken?

Schmid: Als Bildungsdirektor ist man natürlich exponiert und bietet auch Angriffsfläche für Kritik. Ich bin überzeugt, dass sich das Thema Schuleingangsstufe jetzt demokratisch löst. Andere Probleme müssen wir noch angehen, aber ich bin zuversichtlich, dass wir hier auch Zukunftslösungen finden werden.

Was ist momentan Ihre grösste Herausforderung?

Schmid: Das ist auf jeden Fall die Aufstockung der Lektionen in der Primarschule. Wir müssen der Schule die Wochenlektionen zurückgeben, die in den vergangenen Jahrzehnten abgebaut worden sind. Ursache waren mehrere Pensenentlastungen bei den Lehrpersonen und die Einführung der zweiten Fremdsprache, alles unter der politischen Vorgabe der Kostenneutralität. Wir müssen bei der Lektionenzahl gegenüber anderen Kantonen massiv aufholen. In den sechs Jahren Primarschulen fehlt uns im Vergleich zu den stärksten Kantonen rund ein Jahr Unterrichtszeit. Mehr Lektionen bedingt aber eine Stellenaufstockung – das kostet Geld. Das ist nun meine Herausforderung, das Anliegen politisch durchzubringen.

Wie kommt diese Grundsatzfrage bei den Schulen und Lehrern an?

Schmid: Sehr gut. Die betroffenen Lehrer begrüssen, wenn sie wieder mehr Zeit haben, den Stoff der Grundlagenfächer wie Deutsch und Mathematik zu vermitteln.

Man hört bei bildungspolitischen Prozessen zuweilen den Vorwurf, die Regierung missachte Resultate der Vernehmlassung, lasse Schulen und Behörden praktisch aussen vor und kommunale Schulbehörden würden zeitlich und finanziell unter Druck gesetzt. Was sagen Sie dazu?

Schmid: Von der Grundsätzlichkeit her kann man nicht immer alles im Konsens aushandeln. Irgendeinmal muss die Politik einen Führungsentscheid fällen, und die Verwaltungsstufe muss diesen ausführen.

Die Amtschefin für Volksschulen, Vreni Völkle, hat Ende März ihren Rücktritt bekannt gegeben, weil in «grundsätzlichen Fragen unterschiedliche Meinungen» vorherrschten. Goutiert der Bildungsdirektor keine anderen Meinungen?

Schmid: Alle Führungspersonen brauchen gute Fachkräfte, die sie beraten und unterstützen. Vreni Völkle ist eine starke Persönlichkeit, qualitativ hervorragend, mit viel Erfahrung prägte sie die Nidwaldner Volksschule mit. Aber alle Leute in der Verwaltung müssen die demokratisch gefällten Entscheide der Politik umsetzen. Sie konnte sich mit der aktuellen Politik nicht identifizieren und kündigte. Ich habe Respekt vor diesem konsequenten Entscheid.

Auf dem Tisch liegt ein SVP-Vorstoss, der das Frühfranzösisch abschaffen will und dafür Mathematik und Naturlehre in der Primarschule stärken will. Dies dürfte nach Ihrem Geschmack sein.

Schmid: Auch die Lehrpersonen sind mehrheitlich unzufrieden mit dem Frühfranzösisch. Im Gegensatz zum SVP-Vorstoss möchte ich die Französischlektionen dafür in der Oberstufe ausbauen. Mit mehr Lektionen und mehr Repetitionen steigt der Lerneffekt. Das Französisch ist eine Landessprache und soll auf keinen Fall geschwächt werden. Mein ehemaliger Arbeitskollege im Wallis, Staatsrat Claude Roche, und ich haben dafür im letzten Jahr ein Austauschprogramm gestartet. Es wird von den Schülern bereits erfolgreich genutzt.

Wenn sich Nidwalden aus dem Frühfranzösisch ausklinken würde, stünde man in der Deutschschweiz ziemlich alleine da. Ist das bildungspolitisch klug?

Schmid: Mit Uri wäre man im Moment noch alleine da. Aber es gibt in der ganzen Deutschschweiz eine Trendwende. Insofern würde Nidwalden dem allgemeinen Trend entsprechen.

Seit diesem Schuljahr gibt es ab der 3. Klasse wieder Schulnoten (vorher ab 5. Klasse). Wie hat sich dieser Schritt bisher bewährt?

Schmid: Ich erhalte nur gute Rückmeldungen von Eltern, Schülern und den meisten Lehrern. Es gibt zwar Lehrer, die nicht davon überzeugt sind, das hängt möglicherweise damit zusammen, dass sie anders ausgebildet wurden. Leistungen in Worten statt Zahlen zu beurteilen, ist sehr anspruchsvoll und subjektiv, für Schüler und Eltern schwierig zu lesen.