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NIDWALDEN: Fussgängerin ist an Unfall mitschuldig

Eine deutsche Automobilistin soll in Hergiswil eine Fussgängerin angefahren haben. Das Kantonsgericht sprach sie der fahrlässigen Körperverletzung schuldig – obwohl die Verletzte nicht Vortritt hatte.
Franziska Herger

Franziska Herger

franziska.herger@nidwaldnerzeitung.ch

Es war dunkel und regnerisch am Abend des 16. Dezember 2015 in Hergiswil. Die Beschuldigte, eine 64-jährige Deutsche, fuhr laut Strafbefehl um 19.40 Uhr mit weniger als 50 Stundenkilometern auf der Seestrasse in Richtung Luzern. Zur gleichen Zeit überquerte eine andere Frau von der Bäckerei Christen her die Strasse. Vor dem letzten Schritt auf das Trottoir wurde sie laut Staatsanwaltschaft vom Auto der Beschuldigten am rechten Unterschenkel erfasst. Die Frau stürzte und zog sich neben einer Knie- auch eine Unterschenkelprellung samt grossem Hämatom zu.

Die Staatsanwaltschaft, die diese Woche vor Kantonsgericht auf ein Erscheinen verzichtete, warf der Fahrerin Unaufmerksamkeit vor. Sie habe die dunkel gekleidete Fussgängerin über­sehen und ihre Geschwindigkeit nicht den Verhältnissen angepasst. Sie beantragte daher einen Schuldspruch wegen fahrlässiger einfacher Körperverletzung, verbunden mit einer bedingten Geldstrafe von 20 Tagessätzen zu ganzen 600 Franken sowie einer Busse von 600 Franken.

«Wie Mary Poppins durch die Luft geflogen»

Der Verteidiger forderte demgegenüber den Freispruch seiner Mandantin. Diese wies die Schuld denn auch von sich: «Von einer Kollision habe ich nichts wahrgenommen. Ich sah nur im Rückspiegel, dass die Fussgängerin gestürzt war, habe angehalten und mich um sie gekümmert.» Die Verletzungen der Frau würden aber nicht zu einem blossen Sturz passen, wandte deren ­Anwalt ein, der sich in einer Privatklage den Anträgen der Staatsanwaltschaft anschloss. Ein Aktengutachten des Rechtsmedizinischen Instituts in Zürich hatte nämlich die Entstehung des Hämatoms durch Stolpern ausgeschlossen. Gleichzeitig passten dessen Ort und Grösse zu der stumpfen Gewalteinwirkung durch ein Auto.

Der Verteidiger sah dies anders. Er bestritt, dass es überhaupt zu einer Kollision gekommen war. Die Aussage der Fussgängerin, sie sei nach dem Aufprall durch die Luft geschleudert worden, könne nicht stimmen. «Nur schon wegen ihres Körpergewichts ist es nicht nachvollziehbar, dass sie wie Mary Poppins durch die Luft geflogen ist.» Die Flüssigkeitsansammlung in den Beinen der übergewichtigen Privatklägerin könne zudem schon bei leichten Stössen zu Hämatomen führen. Es sei daher im Zweifel für die Angeklagte davon auszugehen, dass die Fussgängerin über das herannahende Auto erschrocken, am Bordstein mit dem Fuss eingehängt und auf das Trottoir gestürzt sei.

«Doch selbst wenn man eine Kollision annähme, wird fahrlässiges Handeln der Lenkerin bestritten», so ihr Anwalt weiter. Die Beschuldigte sei langsam gefahren und habe nicht damit rechnen müssen, dass die Fussgängerin plötzlich die Strasse überquere, zumal diese weder vortrittsberechtigt war noch den Fussgängerstreifen benutzte.

Nur 10 Tagessätze zu 150 Franken statt 20 zu 600

Nach viertelstündiger Urteilsberatung entschied das Gericht entgegen diesen Argumenten. «Was hier geschehen ist, kann eigentlich jedem passieren», sagte die Gerichtspräsidentin. Und doch: «Das Bundesgericht stellt sehr hohe Anforderungen an die Reaktionsfähigkeit der Automobilisten.» Ein Lenker müsse sein Fahrzeug immer so beherrschen, dass er sich den Umständen anpassen könne. «Wer auf einer schlechtbeleuchteten Strasse abends und bei Regen vor einem Hoteleingang und gegenüber einem Café durchfährt, wird mit Tempo 40 wohl zu schnell unterwegs sein,» erklärte die Einzelrichterin. Es gebe zudem keinen Grund, warum die Fussgängerin, die glaubhaft ausgesagt habe, über die Kollision mit dem Auto nicht die Wahrheit sagen sollte.

«Trotzdem hat die Privatklägerin den Vortritt missachtet und trägt dadurch eine Mitverantwortung», fuhr die Gerichtspräsidentin fort. Dieses Mitverschulden schlug sich dann auch in der Bestrafung der Lenkerin nieder: Statt 20 gab es nur 10 Tagessätze bedingt. Statt auf 600 Franken wurde der Tagessatz zudem auf 150 Franken festgelegt und die Busse auf 300 Franken gesenkt.

Die Staatsanwaltschaft hatte den geforderten Tagessatz aufgrund des gemeinsamen Einkommens der Beschuldigten und ihres Mannes bestimmt. Die Gerichtspräsidentin stützte ihn dagegen auf erst am Verhandlungstag eingereichte Belege über das persönliche Einkommen der Angeklagten. Diese hat auch die ­gesamten Verfahrenskosten zu tragen. Schadenersatz- und Genugtuungsansprüche der Privatklägerin wurden ins zivile Verfahren verwiesen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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