NIDWALDEN: Gemeinden sollen Wahlfreiheit erhalten

Die SVP sträubt sich beim Schuleintritt gegen weitere Modelle neben dem Kindergarten. Die Lehrer und andere Parteien plädieren indes für die Wahlfreiheit.

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Der traditionelle Kindergarten soll künftig nicht das einzig geltende Schuleintrittsmodell sein. (Bild Corinne Glanzmann)

Der traditionelle Kindergarten soll künftig nicht das einzig geltende Schuleintrittsmodell sein. (Bild Corinne Glanzmann)

Oliver Mattmann

Der Kindergarten hat sich über Jahrzehnte als Schuleintrittsform bewährt. Nun wankt die Institution, denn künftig sollen die Nidwaldner Gemeinden auch die Grundstufe (zwei Jahre Kindergarten und 1. Klasse gemischt) oder die Basisstufe (zwei Jahre Kindergarten und 1. und 2. Klasse gemischt) einführen dürfen. In den Augen der SVP ist dies «eine Zwängerei und überflüssig», wie es Landrat Peter Wyss an einer Parlamentssitzung formulierte. Die Rechtspartei hat gegen das erweiterte Volksschulgesetz das Referendum ergriffen und 599 Unterschriften eingereicht, weshalb die Stimmbevölkerung nun am 14. Juni entscheiden kann.

Modelle bringen höhere Kosten

«Wir wehren uns gegen drei verschiedene Modelle in so einem kleinen Kanton. Das führt zu einem teuren Flickenteppich», sagte SVP-Vizepräsident Markus Walker bei der Einreichung der fast 600 Unterschriften. Tatsächlich führen die neuen Eingangsstufenmodelle zu höheren Lehrerpensen und damit verbundenen Personalkosten, heisst es in der Abstimmungsbotschaft. «Berechnungen haben ergeben, dass die Führung einer Grund- oder Basisstufe rund 15 Prozent Mehrkosten gegenüber der herkömmlichen Form mit sich bringt.»

Auf der anderen Seite sei bei einem Volks-Ja nicht mit einer umgehenden «Reformitis» zu rechnen, beschwichtigt der Regierungsrat. «Der Kindergarten bewährt sich grundsätzlich, und Umstellungen sind allenfalls allmählich zu erwarten», so seine Prognose. Auch sei nicht mit Investitionen in die Infrastruktur zu rechnen. «Die meisten Schulanlagen und Einrichtungen eignen sich derzeit für eine Umstellung auf die Grund- oder Basisstufe.» In dieser sieht der Regierungsrat vor allem eine Möglichkeit für Aussenschulen wie etwa Obbürgen, mit altersdurchmischten Klassen in die Zukunft zu gehen. «Das ist für kleine Gemeinden mit weniger Kindern eine Chance, ihre Schule aufrechtzuerhalten», sagte auch FDP-Landrat Klaus Waser, Mitglied der Bildungskommission, in der Parlamentsdebatte. Mit einer Wahlmöglichkeit werde unterschiedlichen Bedürfnissen der Gemeinden Rechnung getragen.

Erfolgreicher Versuch in Hergiswil

Sollten Basis- und Grundstufe am 14. Juni an der Urne als zulässig erklärt werden, würde Nidwalden das Rad nicht neu erfinden. Die Modelle sind erprobt und in anderen Kantonen Alltag. Und in Hergiswil läuft seit 2004 ein Versuch mit der Grundstufe, die bei Kindern, Eltern und Lehrern laut Abstimmungsbotschaft auf Anklang stösst. Die Schule Hergiswil wünscht, dieses Modell für die Zukunft zu installieren.

In den beiden neuen Eingangsstufen begegnen sich jüngere und ältere Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungsstadien. Das integrative Schulsystem ermöglicht einen darauf ausgerichteten Unterricht. Neuankömmlinge werden dabei von erfahrenen Kindern unterstützt. «Dank der flexiblen Verweildauer können schnell oder langsam lernende Kinder weniger oder mehr Zeit in der Eingangsstufe verbringen», steht in der Botschaft. Die Schlussfolgerung: Der Übertritt vom Kindergarten in die Primarschule wird entschärft. Der Regierungsrat verheimlicht allerdings auch nicht, dass gemäss Studien Kinder, die den Kindergarten und danach die 1. Klasse besuchen, die anfänglich geringeren Lernfortschritte bis zum Ende der 2. Klasse vollständig wettmachen. Und die SVP fügt hinzu: «Unsere Kinder sollen wenigstens im Kindergarten noch Kinder bleiben können.»

Lehrer und Schulleiter einer Meinung

Mit ihrer Meinung steht die SVP allerdings alleine da. Sowohl SP und Grüne wie auch FDP und CVP empfehlen, die Vorlage anzunehmen. Um ihrer Geschlossenheit noch mehr Ausdruck zu verleihen, haben die Parteien ein überparteiliches Komitee ins Leben gerufen, das der SVP im Abstimmungskampf die Stirn bietet und für Wahlfreiheit für die Gemeinden plädiert. Die Annahme des neuen Volksschulgesetzes sei ein «Bekenntnis zum Föderalismus».

Gegenwind spürt die SVP auch von Seiten des Nidwaldner Lehrerverbandes und des kantonalen Schulleiterverbandes. Sie argumentieren unter anderem damit, dass die hohe Gemeindeautonomie in Bildungsfragen eine lange Tradition und zu einer vielfältigen Schulkultur geführt habe. Mit einem Ja zur Vorlage werde der Kindergarten keineswegs abgeschafft. Ein Wechsel zu einem anderem Modell erfordere immer noch die Zustimmung der Gemeindeversammlung.