NIDWALDEN: Hier entstehen Segel und Flügel

Walter Ammann hat mit seiner Firma spezielle Nischen gefunden. Er stellt in Oberdorf Segel für Boote und Bespannungen für Flugzeuge her.

Martin Uebelhart
Drucken
Teilen
Vollste Konzentration bei der Arbeit. Vorne Mitarbeiterin Gaby Vogel, im Hintergrund Geschäftsführer Walter Ammann. (Bild Corinne Glanzmann)

Vollste Konzentration bei der Arbeit. Vorne Mitarbeiterin Gaby Vogel, im Hintergrund Geschäftsführer Walter Ammann. (Bild Corinne Glanzmann)

Walter Ammann betreibt seine Firma Sail Factory im «Rechenmacherhaus», einem allein stehenden Haus zwischen Oberdorf und Dallenwil. Nach Rechenmacher Familie Christen waren Moto Guzzi Gabriel, ein Malergeschäft und ein Garagenbetrieb in dem grossen Gewerberaum im Parterre untergebracht. Heute entstehen dort in erster Linie Bespannungen für Leichtflugzeuge und Bootssegel.

Walter und Agnes Ammann gehört die Firma seit Herbst 2013. Zuvor war er beim Vorgänger MTM Factory als Geschäftsführer angestellt. Nach der Übernahme zügelte er die Produktion vom Stanser Galgenried ins eigene Haus. Und produziert mit zwei Näherinnen und einem Helfer.

Eine vollständige Flugzeugbespannung mit Flügeln, Leitwerk und weiteren Teilen entsteht in rund zweieinhalb Tagen. Dazu wird ein spezieller Kunststoff verarbeitet und zusammengenäht. Dieses Geschäft laufe gut, sagt Walter Ammann. Nicht zuletzt dank der in Stans ansässigen Flugzeugherstellerin Lightwing. «Dort sind wir jetzt voll dabei.» Und das Volumen soll noch steigen: «Die deutsche Firma Comco expandiert und hat uns angefragt, ob wir doppelt so viel herstellen könnten wie bisher.»

Zweites Standbein

Gleichwohl baut sich Ammann – selber passionierter Segler – jetzt noch ein zweites Standbein mit Bootssegeln auf. «Dann bin ich nicht allein von den Entwicklungen bei den Aviatikfirmen abhängig.» Dabei will er auf den regionalen Markt setzen, denn in der Nähe gibt es keinen Segelhersteller. Und auf Nischen: «Eigenbauten, Spezialbauten, Kreuzer oder auch Umbauten sind das Feld, in dem ich tätig sein kann. Wenn es individuelle Lösungen braucht.» Keine Chance habe er bei den in Klassen eingeteilten Booten, die beispielsweise für Regatten eingesetzt werden. «Bei diesen Booten sind die Segel genau vorgeschrieben, man kann sie in Massen im Fernen Osten herstellen.»

Aufwendige Software

Die Herstellung eines guten Segels ist eine Wissenschaft für sich. Diesen Eindruck erhält man, wenn Walter Ammann vom Herstellungsprozess erzählt. Ausgangspunkt ist ein spezielles Computerprogramm. «Das gleiche, mit dem der America’s-Cup-Sieger BMW Oracle seine Segel berechnet. Damit kann ich perfekte Segel bauen.» Die ideale Segelform wird dann in zahlreiche Segmente zerlegt. «Man kann sich das ähnlich wie bei einem Fussball vorstellen. Auch da entstehen aus einem an sich flachen Ausgangsmaterial runde Formen.» Diese Segmente werden dann von einem grossen Plotter auf das ausgewählte Material gezeichnet und auf einen Zehntelmillimeter genau zugeschnitten. Anschliessend werden sie geklebt und vernäht.

Je nach Einsatzgebiet kommen unterschiedliche Materialien zum Einsatz: ein Segeltuch aus dicht gewobenen Polyesterfäden oder ein sehr stabiles Verbundmaterial aus Kevlar und Karbon. Seine Segel testet er mit zwei kleinen Segelbooten auf verschiedenen Seen gleich selber. «Dort, wo es eben Wind hat.» Wind braucht es auch zum Drachenfliegen, ein Hobby, dem Walter Ammann ebenfalls nachgeht. Aber auch beruflich beschäftigen ihn die Fluggeräte. Er repariert sie bei Bedarf und vertreibt sie.

Jahrelang Biobauer

So speziell wie die Produkte, die Walter Ammann herstellt, ist auch sein Werdegang. In ein Baugeschäft hineingeboren, kaufte er vor über 25 Jahren einen Hof im luzernischen Schongau. Mit seiner Frau führte er den Biobetrieb als Meisterbauer. Seine Kinder wollten den Hof nicht übernehmen, die Familie Ammann hat den Hof verkauft und sich eine neue Existenz aufgebaut. Über diesen Prozess hat die gesamte Familie eigenhändig einen Dokumentarfilm mit dem Titel «Landgang» gedreht. Bevor er Geschäftsführer der MTM Factory wurde, führte ihn sein Weg auch noch in ein Architekturbüro.