NIDWALDEN: Internet-Verkäufer zahlt Lehrgeld

Angeblich hat das antike Stiegenhausgeländer einen Wert von 10 000 Franken. Bei einer Auktion via Ricardo lag das höchste Angebot aber nur bei einem Franken – nun beschäftigt der Fall die Nidwaldner Gerichte.

Thomas Heer
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Der Emfpang der ricardo goup. Archivbild von 2011. (Bild: Keystone/ Sigi Tischler)

Der Emfpang der ricardo goup. Archivbild von 2011. (Bild: Keystone/ Sigi Tischler)

Thomas Heer

Auf der Internet-Handelsplattform Ricardo fand sich im Januar 2014 unter der Rubrik «Antiquitäten» ein sehr aussergewöhnliches Angebot. Angepriesen wurde nämlich ein Schmiedeisengeländer für eine Innentreppe. Der Zustand wurde als «top» bezeichnet, von «hoher Handwerkskunst» war weiter die Rede. Den Schätzpreis bezifferte der Verkäufer mit Wohnsitz im nidwaldnerischen Hergiswil auf stolze 10 000 Franken.

Hochdorfer kauft das Schnäppchen

Dass sich für dieses Schmiedeisengeländer wohl nicht allzu viele Leute interessieren würden, war irgendwie absehbar. Und so kam es auch. Nach Ablauf der Auktionsfrist blieb es schlussendlich bei einem einzigen Kaufangebot. Am 29. Januar 2014 ersteigerte ein Hochdorfer das angeblich so edle Geschmiede für lediglich einen Franken. Der Mann aus dem Seetal dürfte sich die Hände gerieben haben. Ein solches Schnäppchen ist ihm vermutlich schon lange nicht mehr untergekommen.

Bald nach dem Kauf machte sich der Käufer auf den Weg nach Hergiswil. Den Abstecher an den Vierwaldstättersee hätte er sich aber sparen können. Denn als der Luzerner im Kanton Nidwalden ankam und beim Besitzer des Geländers vorsprach, traute der Käufer seinen Ohren nicht. Denn ihm wurde beschieden, das Objekt sei längst an eine andere Person veräussert worden. Wie sich der Dialog zwischen den beiden in der Folge entwickelte, ist weiter nicht bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass die Zwei keine Nettigkeiten ausgetauscht haben. «So nicht», dürfte sich zumindest der Hochdorfer gedacht haben, bevor er enttäuscht oder wahrscheinlich sogar wütend die Heimreise antrat.

Vor Obergericht Recht erhalten

Mit dem Intermezzo in Hergiswil war der Fall aber noch längst nicht ausgestanden. Der geprellte Käufer trauerte dem Schnäppchen nach. Denn er ist bis heute der festen Überzeugung, dass er dieses Treppengeländer für einen vierstelligen Frankenbetrag hätte weiterverkaufen können. Also, was tun? Der Luzerner entschloss sich, den Gerichtsweg zu beschreiten.

Vor dem Nidwaldner Kantonsgericht stiess sein Ansinnen jedoch auf keine Resonanz. Es sah ganz danach aus, dass sich der Luzerner die Sache mit dem Schadenersatz abschminken muss. Der Mann liess aber nicht locker und gelangte weiter ans Nidwaldner Obergericht. Und siehe da: Der Kläger bekam Recht. Das heisst, der Fall ging ans Kantonsgericht zurück. An dieser Instanz liegt es nun, die Höhe der Schadenersatzzahlung zu Lasten des fehlbaren Verkäufers aus Hergiswil zu definieren.

Wegweisender Charakter

Der Stadtluzerner Fachanwalt für Haftpflicht- und Versicherungsrecht, Urs Schaffhauser, sagt: «Das Urteil des Nidwaldner Obergerichtes hat wegweisenden Charakter.» Denn nach wie vor gibt es im Zusammenhang des in diesem Artikel beschriebenen Vertragsbruches kein Verdikt vom obersten Schweizer Gericht in Lausanne. Schaffhauser sagt weiter: «Wenn jemand zum Beispiel via Ricardo etwas anbietet, und das wird dann auch ersteigert, muss die Ware in der Folge übergeben werden. Geschieht dies nicht, wird der Verkäufer schadenersatzpflichtig.»

Würde dieser Grundsatz dahinfallen, liefe dies darauf hinaus, dass Auktionen, die via eine Internetplattform abgewickelt werden, völlig unverbindlich wären. Beim Handel zwischen dem Hochdorfer Käufer und dem Anbieter aus Hergiswil handelt es sich aber eindeutig um einen Vertrag. Nach schweizerischem Recht sind die Hürden im Vertragswesen mitunter sehr niedrig. Mündliche Vereinbarungen gelten in vielen Bereichen als bereits verbindliche und damit rechtsgültige Kontrakte. Höhere Hürden finden sich jedoch beispielsweise im Immobiliensektor, wo Handänderungen einer schriftlichen Form bedürfen.

Ähnlicher Fall aus Deutschland

Wie bereits erwähnt, gibt es für das beschriebene Beispiel kein Urteil des Bundesgerichtes. Aus Deutschland ist aber jener Fall bekannt, bei dem ein Käufer eine Segeljacht erstand. Dies zu einem Preis, der um ein Vielfaches unter dem Marktüblichem lag und den Verkäufer dazu bewog, die Justiz einzuschalten. Die deutschen Richter kamen dann jedoch zum Schluss, der Charakter einer Auktion zeichne eben genau der Umstand aus, dass der Käufer ein Schnäppchen erstehen kann. Indem der Verkäufer bei Auktion einen Mindestpreis festlegt, kann er verhindern, dass er seine Ware zu einem Dumpingpreis veräussern muss.