NIDWALDEN: Junglenker erhalten Infos statt Predigt

Ein neuer Führerschein geht oft mit erhöhtem Unfallrisiko einher. Die Kantonspolizei und die Stiftung Roadcross appellieren an die Eigenverantwortung von Stanser Berufsschülern und nutzen dafür auch drastische Beispiele.

Franziska Herger
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Totalschaden am 16. März 2016 bei der Verzweigung Breiten in Stans. Die Unfalllenkerin war damals 27-jährig. (Bild: Kapo Nidwalden)

Totalschaden am 16. März 2016 bei der Verzweigung Breiten in Stans. Die Unfalllenkerin war damals 27-jährig. (Bild: Kapo Nidwalden)

Franziska Herger

franziska.herger@nidwaldnerzeitung.ch

Es ist nicht ganz einfach, eine Aula voller 17- bis 20-jähriger Berufsschüler zur Ruhe zu bringen. Aber Martin Bänz schafft es ohne weiteres, obwohl er nur auf Video mit den Jugendlichen spricht. «Ich dachte immer, ich habe mein Auto voll im Griff», erzählt der junge Mann in einem kurzen Film, den die Stiftung Roadcross Schweiz diese Woche im Berufs- und Weiterbildungszentrums (BWZ) in Stans zeigt. «Aber dann habe ich bei einem viel zu schnellen Überholmanöver innert einer Sekunde mein Leben weggeworfen. Meine Beine sind 26 Mal gebrochen, ich werde nie wieder snowboarden oder Fussball spielen. Wenn ich noch jemand anderen verletzt hätte, damit könnte ich nicht umgehen.» Im Saal herrscht betroffene Stille.

Unerfahrenheit und Alkohol, Drogen, Ablenkung

Es ist ein drastisches Beispiel, mit dem Roadcross an über 400 Veranstaltungen jährlich Unfälle bei Junglenkern verhindern will. Doch für Josef Stalder, Verkehrsinstruktor bei der Kantonspolizei Nidwalden, sind solche Fälle keine Seltenheit: «Ähnliches passiert in der Schweiz jede Woche, vor allem nachts am Wochenende.» Dass gerade bei Jugendlichen mit der Prävention angesetzt wird, hat seinen Grund: «Junglenker haben statistisch ein deutlich höheres Risiko, einen schweren Unfall zu verursachen», sagt Stefan Krähenbühl, Leiter Marketing und Kommunikation bei der Stiftung Roadcross. Junge Fahrer seien naturgemäss unerfahrener, erklärt Moderator Tobias Brunner. «Kombiniert mit Risikofaktoren wie Ablenkung, Alkohol, Drogen oder überhöhter Geschwindigkeit kommt es zu mehr Unfällen.»

Mit dem erhobenen Zeigefinger wird trotzdem nicht argumentiert. Stattdessen appelliert Roadcross an die Eigenverantwortung. Unter dem Motto «Du entscheidest» will die Stiftung die nötigen Informationen liefern, damit Junglenkern der richtige Entscheid im Strassenverkehr leichter fällt. So etwa zum Thema Ablenkung: «63 von 239 Verkehrsunfällen in Nidwalden geschahen 2016 wegen mangelnder Aufmerksamkeit», sagt Stalder. Und Brunner fragt in die Runde: «Was glaubt ihr, wie weit fährt euer Auto bei 50 km/h, wenn eure Reaktionszeit um eine Sekunde verzögert ist?» 4 Meter, schätzt einer der Berufsschüler – die Antwort ist 14. Und auch zur Geschwindigkeit hat Brunner ein anschauliches Beispiel: «Ein Aufprall mit 80 km/h ist etwa so, wie wenn man aus dem neunten Stock eines Hochhauses auf Beton fällt.» Was so ein Unfall für Folgen haben kann, zeigt die Geschichte des 23-jährigen Sandro, der einen Auffahrunfall verursachte. Die Versicherung nahm Regress, Sandro zahlte 273000 Franken über Jahre hinweg ab. «Nein, da gibt es keine Obergrenze», sagt Brunner auf eine Frage aus dem Publikum. «Und dazu kommt das Trauma, jemanden verletzt zu haben. Nur schon zum Schutz der eigenen Psyche ist es besser, kein Risiko einzugehen.»

Immer weniger Tote wegen jungen Fahrern

Nach zweieinhalb Stunden dürfte jeder Schüler etwas gehört haben, das er nicht so schnell vergessen wird. «Vor allem das Video und die Unfallbilder sind mir geblieben», sagt die 17-jährige Jenny Harmath. Die gleichaltrige Sarina Reinhard fügt an: «Man sieht einfach, dass manche Entscheidungen Folgen haben, die nicht mehr gut werden.» Polizist Stalder hat in seiner 17-jährigen Tätigkeit als Verkehrsinstruktor durchaus Verhaltensänderungen bei den Junglenkern festgestellt. «Der Führerschein auf Probe hat das Bewusstsein gestärkt, dass man nach der Fahrprüfung noch nicht ‹ausgelernt› ist.» Das zeigt sich auch in der Statistik. Während in der Schweiz 1980 noch 280 Menschen durch Unfälle starben, die von jungen Erwachsenen verursacht wurden, waren es 2015 nur noch 35.