NIDWALDEN: Lehrer gehen zu gehörlosen Kindern

Zwei gehörlose ausländische Kinder werden zu Hause unterrichtet. Das kostet, sei aber die beste Lösung, sagt der Kanton.

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Der Lehrer geht zu den gehörlosen Kindern nach Hause. (Symbolbild Neue NZ)

Der Lehrer geht zu den gehörlosen Kindern nach Hause. (Symbolbild Neue NZ)

Sie können weder hören noch sprechen, die zwei schulpflichtigen Kinder einer anerkannten Flüchtlingsfamilie, die in Beckenried wohnt. Sie sind auf einen sonderpädagogischen Unterricht angewiesen, müssen die Gebärdensprache erlernen. Das passiert in einem geeigneten Raum im Haus der Familie, den das Amt für Asyl und Flüchtlinge mieten konnte. Seit vergangenem September besuchen zwei Gebärdensprache-Lehrpersonen die Familie in Beckenried, welche sich zusammen ein 50-Prozent-Pensum teilen – im Umfang von total rund 940 Stunden jährlich.

Für dieses sogenannte Homeschooling beantragt die Regierung, in Form einer befristeten Leistungsauftragserweiterung zusätzliche 60 000 Franken ins Budget des kommenden Jahres aufzunehmen. Der Landrat berät am 25. November darüber. Bereits gesprochen wurden die 25 000 Franken für die Zeit vom August bis Dezember 2015.

Implantat verfehlte Wirkung

«Die eine Lehrperson lehrt die beiden Kinder und ihre Eltern die Gebärdensprache, während die andere den Kindern erste schulische Grundlagen zusammen mit Gebärdensprache vermittelt», erläutert Patrick Meier, Vorsteher des Amtes für Volksschule und Sport Nidwalden, das Vorgehen. Fachbereiche wie Sport, Bildnerisches und Technisches Gestalten sollen im folgenden Schuljahr dazukommen, wenn der Lernfortschritt der gehör- und sprachbehinderten Kinder dies zulässt. Beide Kinder haben zwar ein Implantat für eine Hör- und Sprachbehinderung erhalten, allerdings brachten diese nicht den erhofften Erfolg.

Patrick Meier spricht von einem ausserordentlichen Fall: «Früher wurden gehörlose Kinder in Hohenrain unterrichtet. Dies ist aber keine Option mehr. Die Nachfrage für die Weiterführung der dortigen Hörbehindertenabteilung war zu gering, sodass diese Abteilung geschlossen wird.» Ziel der Beschulung in Gebärdensprache ist es, die Kinder und auch die Familie in der Kommunikation untereinander und in der Gesellschaft zu stärken und eine Integration in die Volksschule gemäss kantonalem Integrationskonzept anzustreben.

Wollishofen sei keine Alternative

Die nächstgelegene Sprachbehindertenschule befindet sich in Wollishofen, was sich als Alternative nicht eigne. «Der Weg wäre zu weit und eine Internatslösung.» Und die Lösung wäre überdies für den Kanton auch wesentlich teurer: Die Kosten an der Schule für Gehör und Sprache betragen 295 Franken pro Tag, was einen Betrag von rund 110 000 Franken pro Kind ergibt. Der Taxidienst käme auf rund 80 000 Franken zu stehen. Für zwei Kinder und deren Begleiter müsste mit Kosten von rund 300 000 Franken pro Jahr gerechnet werden, wie die Regierung schreibt. «Und zu einem Wohnortswechsel können wir ja niemanden zwingen», hält Patrick Meier fest. Ebenso käme eine Internatslösung für Kindergartenkinder nicht in Frage.

In rund zwei Jahren sollen die beiden älteren Kinder dann fit genug sein für die integrierte Sonderschulung, eine Schulform für Kinder mit Behinderungen (Seh-, Hör-, Körper- oder geistige Behinderung).

Finanzkommission mit Vorbehalten

Die landrätliche Finanzkommission steht grundsätzlich hinter der Leistungsauftragserweiterung. «Wir können die Begründung der Regierung nachvollziehen», sagt CVP-Landrat Viktor Baumgartner, Präsident der Finanzkommission. Trotzdem setzt er einige Fragezeichen. «Wir haben die Verantwortlichen mehrmals darauf hingewiesen, bei der Verteilung von Flüchtlingen auf solche Kriterien zu achten, wie etwa das Vorhandensein einer geeigneten Schule in der Nähe.» Er hoffe und setze sich dafür ein, dass die Familie mit einer Familie aus Wollishofen tauschen könne. «Uns geht es überhaupt nicht darum, Flüchtlingsfamilien loszuwerden, im Gegenteil. In diesem grossen Haus in Beckenried hätte es auch Platz für eine grössere Familie», so Baumgartner.

Matthias Piazza