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Nidwalden: Nach einem Streit kam der Lehrling mit dem Messer zurück

Ein Lehrling bedroht in Nidwalden seinen Ausbildner. Bevor er zustechen kann, wird er überwältigt. Versuchter Mord oder Drohung?
Manuel Bühlmann

Zum verhängnisvollen Streit kam es am frühen Montagmorgen, aus nichtigem Anlass. Der Ausbildner forderte den Lehrling auf, seinen Arbeitsoverall korrekt anzuziehen. Er hatte den oberen Teil nur um die Hüfte geschlungen, wollte von der Anweisung nichts wissen, schlug stattdessen mit der rechten Faust auf ein Pult. Ein solches Verhalten akzeptiere er nicht, teilte ihm daraufhin der Ausbildner mit. Die Situation eskalierte ein erstes Mal: Der Jugendliche wollte mit den Fäusten auf ihn losgehen, wurde jedoch von drei anderen Lehrlingen zurückgehalten, kurz darauf warf er einen Stuhl in dessen Richtung. Nach diesem Vorfall musste der damals 15-Jährige das Ausbildungszentrum verlassen, doch statt wie geheissen in seinen Lehrbetrieb zurückzukehren, fuhr er mit dem Zug nach Hause. Unterwegs kündigte er seiner Ex-Freundin in einer Whatsapp-Nachricht an, den Ausbildner «kalt zu machen».

Noch am gleichen Vormittag im Juni 2016 kehrte der Jugendliche zurück ins Ausbildungszentrum, lief auf den Ausbilder zu, zog das mitgebrachte Küchenmesser aus einem Plastiksack und richtete es gegen den Bauch des Ausbildners. Als er einen Moment zögerte, packten ihn zwei andere Lehrlinge, führten ihn zu Boden und nahmen ihm das Messer ab. Der Bedrohte konnte unverletzt fliehen.

Gerichte sind sich uneinig

Eineinhalb Jahre später verurteilte das Nidwaldner Kantonsgericht den Minderjährigen wegen versuchten Mordes zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren. Ausserdem ordnete es eine ambulante psychotherapeutische Behandlung sowie die Unterbringung in einer offenen Einrichtung an, zu deren Gunsten der Vollzug der Freiheitsstrafe aufgeschoben werden sollte. Der Beschuldigte legte Berufung ein – mit Erfolg. Das Nidwaldner Obergericht korrigierte den erstinstanzlichen Entscheid und sprach ihn vom Vorwurf des versuchten Mordes frei. Stattdessen wurde der Lehrling wegen Drohung zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von 12 Monaten verurteilt, die Unterbringung in einer offenen Einrichtung wurde bestätigt.

Damit war die Nidwaldner Jugendanwaltschaft nicht einverstanden, sie zog den Entscheid weiter ans Bundesgericht und verlangte einen Schuldspruch wegen versuchten Mordes. In ihrer Beschwerde argumentiert die Jugendanwaltschaft, aus dem Zögern des Beschuldigten könne nicht geschlossen werden, er habe die Tat nicht verüben wollen. Nach eigener Aussage habe er nur deshalb gezögert, weil er nicht gewusst habe, wie sich das Zustechen anfühlen würde. Die Jugendanwaltschaft erinnert zudem an das Geständnis des Lehrlings, wonach er den Ausbildner habe töten wollen.

Das Bundesgericht ist hingegen – wie zuvor schon das Nidwaldner Obergericht – der Ansicht, dass der Beschuldigte im Zeitpunkt, als er den Mann hätte töten können, unentschlossen war. «Dies drückte sich dadurch aus, dass er zwar mit dem Messer vor diesen hinstand, jedoch nicht zustach, sondern dieses auf den Bauch gerichtet ruhig hielt», stellt die oberste Instanz im Entscheid fest. Gegenüber dem Gutachter hatte der Jugendliche seine Ausführungsbereitschaft auf einer Skala von 1 bis 10 bei einer 5 eingeordnet. «Letztlich lässt sich schwer sagen, ob die vom damals 15-jährigen, psychisch angeschlagenen Beschwerdegegner bekundete Tötungsabsicht einem echten Tötungswillen entsprach», heisst es im Urteil weiter. Weil eine erhebliche Unsicherheit bestehe, ob der Lehrling sein Gegenüber tatsächlich tödlich verletzen wollte, habe ihn die Vorinstanz nach dem Grundsatz im Zweifel für den Angeklagten zu Recht vom Vorwurf des versuchten Mordes freigesprochen. Das Bundesgericht weist die Beschwerde der Jugendanwaltschaft in dieser Hinsicht ab und bestätigt den Schuldspruch wegen Drohung.

Teilerfolg für Jugendanwaltschaft

In einem anderen Punkt hingegen hebt die oberste Instanz das Urteil des Nidwaldner Obergerichts auf. Dieses hatte dem Beschuldigten eine Entschädigung für 33 Tage Überhaft von 660 Franken zugesprochen. Zu diesem Ergebnis kam die Vorinstanz, weil sie nicht nur die Untersuchungshaft von 96 Tagen, sondern auch die stationäre Beobachtung von 302 Tagen vollständig an die ausgesprochene einjährige Freiheitsstrafe angerechnet hatte. Damit habe das Obergericht gegen Bundesrecht verstossen, halten die obersten Richter fest und bestätigen somit die Einschätzung der Jugendanwaltschaft. Nachdem der Jugendliche während der stationären Begutachtung von der geschlossenen in die offene Abteilung verlegt worden war, durfte er drei Wochenenden zu Hause verbringen, zweimal war er zudem geflohen und für kurze Zeit nicht zurückgekehrt. Das Obergericht muss sich nochmals mit der Frage beschäftigen und erhält eine klare Anweisung vom Bundesgericht: «Auf jeden Fall nicht anzurechnen sind die Fluchttage.» Die oberste Instanz des Landes hat diesen Aspekt des Nidwaldner Falls dazu genutzt, um grundlegende Fragen zu klären. Der Entscheid wird daher in die amtliche Sammlung aufgenommen.

Hinweis: Bundesgerichtsurteil 6B_1159/2018 vom 18. September 2019

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