NIDWALDEN: Sie bereitet alles für erfolgreiche Experimente im All vor

Wenn die Internationale Raumstation Experimente durchführt, ist Alexandra Deschwanden ganz nah dabei – von Hergiswil aus.

Interview Matthias Piazza
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Alexandra Deschwanden im Kontrollzentrum. (Bild Beat Brechbühl)

Alexandra Deschwanden im Kontrollzentrum. (Bild Beat Brechbühl)

Alexandra Deschwanden (29) ist leitende Mitarbeiterin des Biotesc-Teams, das seit 2013 von Hergiswil aus agiert. Mit ihrem Team betreut sie im Auftrag der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) Wissenschaftler, die biologische Experimente machen wollen, unterstützt und Astronauten während der Durchführung dieser Experimente. Biotesc ist Teil des Kompetenzzentrums Aerospace Biomedical Science and Technology, das in die Hochschule Luzern integriert ist. Mit Deschwandens Unterstützung wird auf der Internationalen Raumstation (ISS) unter anderem erforscht, wie sich Pflanzen ohne Schwerkraft orientieren, warum der Mensch im Weltall Muskeln und Knochen abbaut und wie sich menschliche Immunzellen in der Schwerelosigkeit verhalten.

Was ist das für ein Gefühl, wenn Sie am Morgen Ihr Büro direkt am See betreten und Minuten später mit dem Weltall verbunden sind?

Alexandra Deschwanden: Für mich ist das inzwischen Alltag. Natürlich bietet die Villa ein schönes Arbeitsumfeld mit einer familiären Atmosphäre. Aber sobald man mit dem Kontrollzentrum in München verbunden ist, rückt das räumliche Arbeitsumfeld etwas in den Hintergrund. Die Arbeit ist spannend, egal, wo man sich befindet.

Wie kommt es, dass Sie mit Ihrem zehnköpfigen Team der Hochschule Luzern in Hergiswil einquartiert sind?

Deschwanden: Leider war es für die Hochschule damals nicht möglich, uns auf dem Campus anzusiedeln. Die Behörden des Kantons Nidwalden haben uns dann geholfen, ein geeignetes Gebäude zu finden. Der Standort Hergiswil ist ideal, einerseits wegen der Nähe zum Campus Technik und Architektur und andererseits wegen der schönen Lage am See.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag im Hergiswiler Kompetenzzentrum aus?

Deschwanden: Darüber könnte ich zwei Stunden erzählen. In den meisten Fällen bereiten wir Anleitungen für die Astronauten vor, Dokumentationen oder Rapporte für die Europäische Weltraumbehörde, dann Pläne für Experimente, inklusive Szenarienpläne für den Fall eines unerwarteten Ereignisses. Während der Experimente selber überprüfen wir vor allem die Zeitpläne der Astronauten. Wir selber dürfen nicht direkt mit den Astronauten sprechen. Die Regeln fürs Kommunizieren sind streng. Nur eine Person in München, der «Eurocom», spricht zu den Astronauten. Alle wichtigen Informationen müssen wir ins Kontrollzentrum in Deutschland liefern, wo sie dann zu kurzen Botschaften aufbereitet werden.

Welche Rolle hat Biotesc in diesem ganzen Räderwerk?

Deschwanden: Wir sind die Schnittstelle zwischen Forschern, der Industrie und der ESA und stellen sicher, dass die Experimente auf der Raumstation korrekt durchgeführt werden können.

Inwiefern können Sie den Erfolg eines Experimentes beeinflussen?

Deschwanden: Der Erfolg hängt von extrem vielen Faktoren ab, das beginnt bei einer guten Planung, geht weiter übers detaillierte Schreiben von Anleitungen und weitere Details wie die Lagerung eines Experiments bei der richtigen Temperatur. Eine gute Vorausplanung, bei der wir eine wichtige Rolle einnehmen, ist das A und O. Wenn das Experiment dann gestartet ist, stehen wir zur Unterstützung bereit.

Mussten Sie auch schon eingreifen?

Deschwanden: Die Astronauten sind gut vorbereitet. Meistens sind technische Fehler der Grund eines Problems, da müssen wir dann entsprechend reagieren, zum Beispiel etwa ein Experiment zurückstellen, bis das Problem gelöst ist.

Worum geht es bei den Experimenten?

Deschwanden: Beim letzten ging es um Stammzellen, die bei der Entwicklung von Knochen eine wichtige Rolle spielen. Bei einem der künftigen Experimente geht es um Zellen des Immunsystems.

Müssen Sie immer abrufbereit sein?

Deschwanden: Es kommt darauf an. Je nach Experiment sind wir 24 Stunden auf Abruf und müssen in einer bestimmten Zeit im Kontrollzentrum sein oder mit dem Flugkontrollteam in München Kontakt aufnehmen. Zu einem solchen Nachteinsatz kam es bisher aber noch nie.

Arbeiten Sie in einer Art Hochsicherheitsbereich?

Deschwanden: Natürlich ist der Zugang zum Kontrollzentrum besser abgesichert als ein gewöhnliches Büro.

Tragen Sie eine Mitverantwortung für die Sicherheit der Astronauten?

Deschwanden: Ja. Wir müssen schauen, dass der Astronaut unser Gerät und die Experimenthardware so bedient, dass keine Verletzungsgefahr besteht.

Wie viele Experimente stehen noch an dieses Jahr?

Deschwanden: Noch vier weitere. Insgesamt sind es dann sieben Experimente, das sind so viele wie noch nie.
 

Interview Matthias Piazza