NIDWALDEN: Sie schafft den Kontakt zu Migrantinnen

«Fremde neue Heimat – Integration von Migrantinnen». So titelt Noëmi Grütter ihre Maturaarbeit. Und sie macht gleich selber ein Angebot.

Romano Cuonz
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Als Produkt ihrer Maturaarbeit bietet Noëmi Grütter ein beliebtes Tanzatelier für Migranten- und Schweizer Kinder an. (Bild Romano Cuonz)

Als Produkt ihrer Maturaarbeit bietet Noëmi Grütter ein beliebtes Tanzatelier für Migranten- und Schweizer Kinder an. (Bild Romano Cuonz)

«Es gibt zu wenig Angebote für Migrantinnen und ihre Kinder, sie müssen einfach sehr viel lernen, alles ist neu für sie, sie fühlen sich isoliert», sagt die gebürtige Polin Renata Schneeberger (59) in einem Interview mit der 18-jährigen Maturandin Noëmi Grütter aus Dallenwil. Renate Schneeberger arbeitet heute als Betreuerin im Amt für Asyl Nidwalden. Sie ist überzeugt, dass sich die Gymnasiastin da mit einem sehr wichtigen und brennenden Thema auseinandersetzt. In der Tat: Wohl deshalb wurde ihre Maturaarbeit gar für den Nationalen Wettbewerb von Schweizer Jugend forscht ausgewählt. Noëmi Grütter stellt klare und lösungsorientierte Leitfragen: Welche Faktoren helfen Migrantinnen, sich in Nidwalden in die Gesellschaft zu integrieren? Welche Bedürfnisse haben sie in ihrer Freizeit bezüglich Integration? Und ganz konkret: Was muss getan werden, damit Migrantinnen besser von bestehenden Angeboten für Frauen und von Integrationsangeboten angesprochen werden? Antworten sucht die Schülerin etwa in Interviews mit Fachpersonen oder mit einer Umfrage unter 27 Migrantinnen.

Das A und O sind Informationen

Während ihrer ausgedehnten Feldarbeit machte Noëmi Grütter eine ebenso interessante wie wichtige Feststellung: 21 von 27 befragten Frauen haben in Nidwalden schon einmal von einem Angebot für Migrantinnen profitiert. «Dies zeigt mir, dass Migrantinnen sich grundsätzlich integrieren wollen», folgert die Gymnasiastin. «Vielfältige, attraktive Angebote lohnen sich also.» Gefragt, welche Freizeitaktivitäten ihnen am meisten entsprächen, nennen die Frauen an erster Stelle Kochen und Tanzen, dann etwa Sport, Diskussionsrunden, Erziehungskurse oder auch Musizieren. Jene Migrantinnen, die noch gar nie an einem Kurs teilgenommen haben, führen als Begründung mangelnde Zeit oder aber ungenügende Informationen über das Angebot an. Bezeichnend ist die Aussage einer 29-jährigen Eritreerin: «Ich möchte unbedingt integriert sein, Menschen kennen lernen und Deutsch lernen. Ich bräuchte aber viel mehr Informationen, dann würde ich mitmachen!»

Frauen bleiben gerne unter sich

Aufschlussreiche Aussagen erhält Noëmi Grütter in Interviews mit Fachpersonen. Da ist die 43-jährigen Mihaela Brun. Sie stammt aus Rumänien, ist Deutschlehrerin für Migrantinnen und seit 17 Jahren mit einem Schweizer verheiratet. «Kontakte von Frau zu Frau stellen ein grundlegendes Freizeitbedürfnis von Migrantinnen dar», sagt sie. «Frauen haben oft ähnliche Interessen, über die sie gerne sprechen. Unter sich fühlen sie sich sicherer und können sich auch eher entfalten.» Die Pflegefachfrau Verena Zemp (47) vertritt die gleiche Meinung: «Es ist wichtig, dass Frauenthemen angeboten werden, davon fühlen sich Migrantinnen angesprochen.» Yfete Fanaj (30) aus dem Kosovo, die in Nidwalden für Integrationsförderung von Ausländerinnen zuständig ist, schlägt vor: «Wir sollten Werbung für Kurse durch Schlüsselpersonen machen lassen, weil Migrantinnen manchmal deutsche Texte auf Flyern nicht lesen können.» «Mundpropaganda ist die beste Möglichkeit, die Zielgruppe anzusprechen», bestätigt auch die Hotelfachfrau Florina Bretscher (48).

Von grauer Theorie zur Praxis

Das Besondere an der Maturaarbeit von Noëmi Grütter ist aber zweifelsohne, dass sie es bei grauer Theorie nicht bewenden lässt. Aus ihren Erkenntnissen zieht die 19-Jährige Schlüsse für ein eigenes Engagement. «Ich habe festgestellt, dass sich Migrantinnen in der der Freizeit gerne bewegen möchten.» Deshalb habe sie ein Atelier organisiert, in dem Migrantinnen und Schweizerinnen miteinander tanzen. «Beim Tanz spielen Deutschkenntnisse, Hautfarbe oder Aufenthaltsbewilligungen keine Rolle, deshalb ist es eine besonders gute Integrationsform.» Das Unternehmen war in jeder Hinsicht erfolgreich.

Zurzeit engagiert sie sich gar über ihre Maturaarbeit hinaus weiter. Mit über 25 Kindern – mit oder ohne Migrationshintergrund – führt sie derzeit im Kollegium St. Fidelis Tanzstunden durch. «Cool, wie Noëmi mit uns tanzt», lobt ein begeistertes kleines Mädchen.