NIDWALDEN: Stanser Maturand entwirft Lehrmittel zu Syrien

Flavio Keller (18) stellte das Wissen zahlreicher junger Nidwaldner zu den Konflikten in Syrien auf die Probe. Er plädiert für mehr Bildung auf diesem Gebiet und wird auch gleich selber aktiv.

Carina Odermatt
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Vor dem Winkelried-Kriegsdenkmal: Flavio Kellers Interesse gilt dem Syrien-Konflikt. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 27. Dezember 2016))

Vor dem Winkelried-Kriegsdenkmal: Flavio Kellers Interesse gilt dem Syrien-Konflikt. (Bild: Corinne Glanzmann (Stans, 27. Dezember 2016))

Carina Odermatt

redaktion@nidwaldnerzeitung.ch

Geschichte ist für den Maturanden Flavio Keller nicht nur ein spannendes Schulfach, es ist seine Passion. Seit der Kindheit interessiert sich der Stanser brennend für alles, was in der Vergangenheit stattgefunden hat. Dennoch ist sein Maturaarbeitsthema brandaktuell: die Konflikte in Syrien. Seit dem Ausbruch der Krise beschäftigt sich Flavio intensiv mit dem Thema, das fast täglich für Schlagzeilen sorgt. Doch sein Interesse beschränkt sich nicht nur auf den aktuellen Konflikt. Der Maturand ist vor allem bemüht, die historischen Hintergründe und die Interessen der beteiligten Parteien umfassend zu verstehen. «Die aktuellen Ereignisse im Jahr 2016, welche den Einsatz von Giftgas, Massaker an der Zivilbevölkerung, Aushungern ganzer Stadtteile und einen Angriff auf einen UNO-Hilfskonvoi beinhalten, sind ein Zeichen, dass die Weltgemeinschaft noch immer nicht die Lehren aus der Geschichte gezogen hat», ist er überzeugt.

Wie gut ist die Jugend informiert?

Unter dem Begriff «Konflikte in Syrien» versteht Keller «die geografischen, politischen, religiösen, ethnischen, sozialen und historischen Spannungen Syriens, welche teilweise Jahrhunderte zurückliegen». Das Wissen über die intensiv verfolgten Konflikte konnte er dank der Maturaarbeit noch einmal entscheidend erweitern. Er vertiefte sich in Bücher, Videos, Podcasts und die Zeitung, um ein umfassendes Bild zu erlangen. «Nur wer genügend Hintergrundwissen zu einem Thema hat, ist in der Lage, es sachlich zu analysieren und zu beurteilen. Somit ist Wissen der Schlüssel zu einer unabhängigen Meinungsbildung und einer Vorbeugung von Fanatismus jeglicher Art», meint Keller. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie gut junge Nidwaldner über die Konflikte in Syrien informiert sind. Dazu führte er eine Umfrage mit 215 Jugendlichen durch. Im ersten Teil testete er ihr Wissen über Geografie, Religion, Geschichte und den aktuellen Konflikt. Mithilfe sogenannter (statistischer) Binomialtests untersuchte Keller, ob die Fragen mit Wissen oder per Zufall beantwortet wurden. «Fragen zu Geografie und Religion wurden mehrheitlich mit Wissen beantwortet, während die Kenntnisse in Geschichte und zum aktuellen Konflikt fehlen. Es besteht ein deutlicher Mangel an Hintergrundwissen, um die Konflikte in Syrien wirklich verstehen zu können», folgert Flavio Keller. Ferner fand er im zweiten Teil der Umfrage heraus, dass die Jugendlichen ihre Informationen grösstenteils der Zeitung, dem Fernsehen und Online-Medienplattformen entnehmen. Diese Medien hätten eine entsprechend grosse Verantwortung für hochwertigen und unabhängigen Journalismus.

Interviews mit Fachpersonen geführt

Um einen Einblick zu erhalten, wie diese Verantwortung wahrgenommen wird, führte Keller Interviews mit Fachpersonen der NZZ und des Schweizer Radios und Fernsehens durch. «Diese beiden Medienhäuser haben mir bestätigt, dass sie ihr Bestmögliches tun, um unabhängig und distanziert zu berichten. Trotzdem sind auch ‹Qualitätsmedien› nie völlig frei von äusseren Interessen und Einflüssen», meint der Maturand. Als Beispiel für diese Aussage zeigt er zu Beginn seiner Maturapräsentation ein Video des Schweizer Fernsehens, aufgenommen mit einer Drohne. Auf eindrückliche Weise zeigt es die Zerstörung und das Elend in Aleppo. «Ohne die dramatische Hintergrundmusik ginge das Video nur halb so stark unter die Haut. Hier sieht man, dass auch sachliche Medien die Gefühle der Zuschauer ansprechen wollen», erklärt Keller.

In seiner Maturaarbeit ist Flavio Keller zum Schluss gekommen, dass Bildung das Tor zu gutem Hintergrundwissen ist. Doch nur wenige Teilnehmer gaben in der Umfrage an, ihr Wissen aus der Schule zu haben. Im Stoffplan gebe es wenig Zeit, um auf aktuelle Ereignisse einzugehen. Kellers Meinung dazu ist eindeutig: «Jede Schule, unabhängig vom Bildungsniveau der Schüler, sollte genügend Zeit einplanen, um auf aktuelle Ereignisse einzugehen. Zudem sollte den Schülern erklärt werden, weshalb das Verstehen der Aktualität wichtig ist und wie man sich im Informationswirrwarr eine eigene Meinung bilden kann.»

Der Weg dahin sei noch lang, ist sich Keller sicher. Doch er ist gewillt, einen Beitrag dazu zu leisten. So hat er als Produkt seiner Arbeit am Kollegium St. Fidelis eine Unterrichtslektion über die Konflikte in Syrien gehalten, die bei den Schülern sehr gut angekommen ist.

Nun möchte er seine Arbeit mit Hilfe der Stiftung Schweizer Jugend forscht noch erweitern. «Mein Ziel ist, ein Lehrmittel herzustellen, das auf allen Bildungsniveaus zur Erklärung der Konflikte in Syrien verwendet werden kann», erzählt Flavio Keller. Nach der Matura und dem Militär will er ein Jura-Studium an der Universität in Freiburg beginnen. Er hat gute Gründe für diese Wahl: «Recht hat sehr viel mit Geschichte und der Gesellschaft zu tun. Diese Themen werden mich wohl ein Leben lang begleiten.»