Nidwalden trauert um José de Nève

Der 86-jährige Künstler und passionierte «Geiggel» José de Nève ist nach einem tragischen Verkehrsunfall den Verletzungen erlegen.

Romano Cuonz
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José de Nève war am Stanser Samichlausauszug 2017 zum 50. Mal als Geiggel im Einsatz.

José de Nève war am Stanser Samichlausauszug 2017 zum 50. Mal als Geiggel im Einsatz.

Bild Corinne Glanzmann

«Die Nachricht vom Tod José de Nèves macht mich tief betroffen, hat doch kaum einer die Kultur unseres Kantons so belebt und gefördert wie er», sagt der Stanser Kulturpreisträger Rochus Lussi. Schon als Pfadfinder habe er zu José aufgeschaut. Und auch später: wenn der vitale Mann am St.-Nikolaus-Einzug als begeistert tanzender «Geiggel» auftrat, oder am Dreikönigstag mit seiner Drehleier die Sänger begleitete.

«Grosse Bewunderung hegte ich immer auch für Josés Glasmalereien, die heute viele Kirchen zieren», anerkennt Lussi. Nun ist José de Nève nicht mehr. In seinem 86. Lebensjahr wurde er Opfer eines besonders tragischen Verkehrsunfalls.

Er, der selber zeitlebens nie Auto fuhr, wurde als Fussgänger ganz in der Nähe seines Glasmalateliers am Oberdorfer Heimeliweg von einem rückwärtsfahrenden Lieferwagen überrollt. Die Verletzungen, die er sich beim Unfall am 13. Dezember zuzog, waren so gravierend, dass er ihnen im Spital erlag.

Die Familie de Nève zog 1930 aus Saarland nach Engelberg, wo sie am stotzigen Sonnenhang ein Haus gekauft hatte. Drei Jahre später kam José – als einer von drei Brüdern – zur Welt. Er ging im Klosterdorf zur Schule. Nach einem Welschlandjahr in Freiburg wollte José de Nève Fotograf werden. Doch der Berufsberater riet ihm davon ab. Er sagte: «Ein Lichtmensch hat in der Dunkelkammer nichts verloren!» Schon bald sollte sich zeigen, wie recht er hatte.

Er war auch Werk- und Zeichnungslehrer

Während der Lehre beim Engelberger Glasmaler Alfred Hinter blühten José de Nèves kreative Qualitäten so richtig auf. Er besuchte die Kunstgewerbeschule in Luzern. Damit er rechtzeitig, um 8 Uhr, dort war, nahm er um 5.25 Uhr den Zug nach Stansstad und dann das Schiff. In Luzern wurde der Engelberger zum begeisterten Fasnächtler. Nach der Lehre führte er das Geschäft seines verstorbenen Lehrmeisters vorerst in Engelberg weiter. 1961 aber bezog er im «Heimeli» in Oberdorf sein eigenes Haus und Atelier. Er arbeitete auch als Werklehrer in Oberdorf und im Kollegium St.Fidelis als Zeichnungslehrer.

In Oberdorf schuf de Nève viele bedeutende Glaskunstwerke. Als erster grosser Auftrag im öffentlichen Raum entwarf er die Fenster für die Kirche in Kehrsiten. Weitere Kunstwerke kamen dazu: etwa in der Abdankungshalle des Stanser Friedhofs oder in der Spitalkapelle des Kantonsspitals, wo er ein sehr farbenfrohes Altarbild geschaffen hat. José de Nèves Freund und Luzerner Glaskünstler Georges Gisler sagt: «José war ein uriger Glasmalerkollege, leider einer der letzten aus dieser Gilde. Er und sein Atelier waren immer offen für mich. Ein Mensch mit Kanten, Profil, aber auch mit einer Zerbrechlichkeit wie das Glas, das wir beide bearbeiteten.»

Auch über die Glaskunst hinaus hinterliess José de Nève überall Spuren. Als Zeichner, mit Wandbildern, Vereinsfahnen oder Sonnenuhren. Mit Plakaten, Flyern und Bühnenbildern fürs Theater Stans. Unvergesslich: der Teufel auf dem sagenumwobenen Teufelsstein bei der Rugghubelhütte. Die Historikerin Brigitt Flüeler ergänzt: «José de Nève prägte das Stanser Dorfleben entscheidend mit, unter anderem war er aktives Mitglied der Groupe moderne, die 1961 die Kunst- und Kulturszene aufmischte.» Auch war er Mitbegründer des Chäslagers. José de Nève hinterlässt aus zwei Ehen zwei Töchter und zwei Söhne.

Ein Hüter des lokalen Brauchtums

Brigitt Flüeler erinnert sich gerne: «Schosè, wie wir in Stans sagten, hüpfte und irrlichterte am Abend des 5. Dezember als Geiggel durchs Stanser Dorf. Der Samiglaisumzug lag ihm vor allem am Herzen.» Mit andern Initianten sei er für die Umsetzung eines Neukonzepts zum Umzug verantwortlich gewesen. Bettina Thommen vom Nidwaldner Museum sagt dazu: «In der Sammlung des Nidwaldner Museums befinden sich von de Nève über 40 Werke, darunter ein Dutzend «Geiggelchöpfe». Der Wahlnidwaldner habe vielfältige Spuren hinterlassen, stets bemüht, den Bezug zum lokalen Brauchtum zu erhalten. Flüeler bestätigt: «José de Nève hat Stans mit seinem Wissen um den Wert von Brauchtum und Tradition, seiner Kreativität, Grosszügigkeit und Herzlichkeit unendlich viel geschenkt.»