NIDWALDEN: Trichler setzten sich über Verbote hinweg

Laut sind die Trichlerumzüge schon immer gewesen. Doch früher ging es deutlich wilder zu und her – Schlägereien und Angriffe auf Frauen inklusive. Mehrere Versuche für ein Verbot scheiterten aber.

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Heute läuft der Trichlerumzug zum Abschied des Stanser Samichlaus deutlich gesitteter ab als in früheren Jahrhunderten. Bild: André A. Niederberger (Stans, 5. Dezember 2012)

Heute läuft der Trichlerumzug zum Abschied des Stanser Samichlaus deutlich gesitteter ab als in früheren Jahrhunderten. Bild: André A. Niederberger (Stans, 5. Dezember 2012)

Wenn sich der Stanser Samichlaus morgen aus dem Dorf verabschiedet, wird er von Hunderten Trichlern begleitet. Der rhythmische, ohrenbetäubende Klang gehört zum Brauch wie das Amen in der Kirche. Und das schon seit einer Ewigkeit. Aber früher ging es dabei längst nicht so friedlich zu und her wie heutzutage.

Wir schreiben das Jahr 1615. «Wie tausend Teufel» hätten einige junge Stanser das Dorf unsicher gemacht, heisst es im Buch «Der Stanser Samichlais». Für das vor einiger Zeit erschienene Werk haben die heimischen Brigitt und Elsbeth Flüeler ausgiebig recherchiert. Damals hätten junge Burschen und Männer dermassen über die Stränge gehauen, dass die Obrigkeit einschreiten musste. Sie alle waren auf der sogenannten Polsteren-Jagd gewesen. «Das war in Stans nicht viel anderes als Trichlen», erklärt Historikerin Brigitt Flüeler. Dabei war es Brauch, dass sich die Männer verkleideten, mutwillig Sachen zerstörten, Schlägereien führten, den Nachtwächter ärgerten, Frauen und Kinder angriffen, Steine aus Fenstern warfen, sich betranken, um Geld spielten und die Kapuziner im Kloster um den Schlaf brachten. Die Bräuche rund um die Samichlaus-Tage seien also um einiges wilder gewesen, so Brigitt Flüeler, die auch Präsidentin des historischen Vereins Nidwalden ist. «Heute käme man wegen solcher Taten wohl vor Gericht und würde bestraft.» Damals beschlossen die gnädigen Oberen vorerst «nur», dass die Nachtbuben bei den Kapuzinern beichten mussten.

Tödlicher Unfall endet mit Busse von 24 Gulden

Als es der Obrigkeit aber doch zu bunt wurde, versuchte sie das Trichlen zu verbieten, «und das Jahrhunderte lang. Wirklich gelungen ist es ihr aber nie», sagt Brigitt Flüeler und meint scherzhaft, das Trichlen liege den Nidwaldnern halt in den Genen. Ein Verbot sprach die Regierung etwa 1841 aus, nachdem einige Jahre zuvor im wilden Treiben gar ein Mann erschossen worden war. Unglücklich ins Auge getroffen von einem Pfropfen, mit denen man Gewehrläufe verschloss, um laute Knalle während des Trichlerzuges zu erzeugen. Gebüsst wurde der Schütze übrigens mit 24 Gulden wegen einem «unvorsichtigen Carabiner-Schuss».

Die Polsteren-Jagd ist unterdessen verschwunden, als letzter Ausläufer davon vermutet die Buchautorin einen Vorfall vom 5. Dezember 1862. Eine Stanser Ehefrau habe ihren Mann dermassen geplagt, bis dieser auszog. Dies sorgte im Hauptort für Unmut und man «brachte ihr am St.-Niklaus-Abend ein solenne Katzenmusik wie sie hier zu Land wohl nie erlebt worden», heisst es wörtlich. Schmiede hätten mit ihren Hämmern auf lange Bleche gedonnert, während rund 200 Personen einen schrillen Katzengesang anstimmten.

Auch in den Schulgesetzen wurden mehrmals Verbote verankert. 1899 sah der Schulrat davon ab und erlaubte das uneingeschränkte Trichlen – mit dem Resultat, dass er im Folgejahr bereits wieder ein Verbot beantragte. Allzu wild und ungeordnet sei es für den Geschmack des Stanser Bürgertums zu und her gegangen. Offenbar störte man sich vor allem daran, dass die Jugendlichen Trichler bis in die Nacht unterwegs waren und vor den Haustüren Geld oder Naturalgaben heischten. Zitiert wird auch ein Artikel im «Unterwaldner»: «Die Kühe jagt er ab der Weide in die Ställe, nimmt ihnen die Schellen weg und legt sie den Buben um, so dass diese wie verrückt durch Gassen und Strassen rennen zum Entsetzen eines jeden vernünftigen Menschen.»

Trichlen wird zu einem «Stück Volkspoesie»

Die Stanser Schulräte verlangten gar ein generelles Trichelverbot. Doch offenbar war man inzwischen auf Behördenebene nicht immer einer Meinung. Und so wies der Erziehungsrat den Antrag ab. Es liege im Samichlaustrichlen «ein Stück Volks­poesie, woran Jung und Alt Freud haben». Zudem setzten sich zunehmend Heimatschützer für den Erhalt lokaler Bräuche ein. Spätere Verbote aus anderen Gründen gab es etwa 1914 (Weltkrieg) und 1920 (Maul- und Klauenseuche).

Brigitt Flüeler meint zu den früheren Auswüchsen: «Es war halt auch alles viel weniger reglementiert.» Aus heutiger Sicht habe dies aber auch etwas Gutes. «So kann wenigstens noch jedes Dorf den Umzug gestalten, wie es will.» Für sie sei der Brauch jedes Jahr wieder ein Nervenkitzel – dieser Lärm aus der Dunkelheit, diese unzähligen Trichler in ihren weissen Burdisäcken.

Hinweis

Buch «Der Stanser Samichlais», ISBN 978-3-906997-69-8.

Philipp Unterschütz
philipp.unterschuetz@ nidwaldnerzeitung.ch