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NIDWALDEN / URI: Acht Schafe in Emmetten gerissen

In Emmetten gab es gestern Schafrisse – vermutlich von einem Wolf. Gut möglich, dass es sich um das Tier handelt, das zuvor in Uri fotografiert wurde.
Elias Bricker und Oliver Mattmann
Es dürfte ein Wolf gewesen sein, der am Donnerstag einem Urner vor die Kamera lief. (Bild ZVG)

Es dürfte ein Wolf gewesen sein, der am Donnerstag einem Urner vor die Kamera lief. (Bild ZVG)

Acht Schafe sind tot. Sie wurden in der Nacht von Donnerstag auf gestern Freitag in Emmetten am Fusse des Niederbauens gerissen. Fabian Bieri, Abteilungsleiter Jagd und Fischerei beim Kanton Nidwalden, geht davon aus, dass es sich «mit grösster Wahrscheinlichkeit» um einen Wolf gehandelt hat. Eine Auswertung der DNS-Spuren soll nun Gewissheit bringen. «Wir rechnen damit, dass die Resultate in rund drei Wochen vorliegen», so Fabian Bieri auf Anfrage.

50 bis 70 Kilometer pro Nacht

Bereits rund 24 Stunden vor der Attacke haben drei Urner an der Isleten am Vierwaldstättersee mutmasslich einen Wolf gesichtet und ihn mit einem Mobiltelefon fotografiert (Ausgabe von gestern). Das Tier sei in gemächlichem Tempo getrottet, habe die Strasse zwischen Bauen und Seedorf überquert und sei hinter einem Haus verschwunden, berichteten die Augenzeugen. Die Vermutung, dass es sich dabei um den gleichen Wolf handelt, liegt nahe. Isleten liegt nur 6 Kilometer Luftlinie von Emmetten entfernt. Und ein Wolf kann pro Nacht 50 bis 70 Kilometer zurücklegen.

In Emmetten, etwa 1,5 Kilometer vom Dorfzentrum entfernt, starben vier Schafe unmittelbar nach der Attacke um zirka 2 Uhr morgens. Vier weitere wurden schwer verletzt und später vom Wildhüter erlöst. «Der Tod seiner Tiere hat den Schafhalter sehr getroffen», sagt Landbesitzer Beat Würsch, der als SVP-Ortsparteipräsident medienerfahren ist und für den Schafhalter Auskunft gibt. Er geht davon aus, dass der Wolf über den Zaun gesprungen ist, um auf seine Beute loszugehen. «Als der Wolf die ersten Tiere angriff, sind andere Schafe 400 bis 500 Meter und über die Hauptstrasse nach Seelisberg zum Haus des Halters gerannt, der skeptisch wurde und nachschauen ging», erzählt Würsch weiter. Dieser machte dann den grässlichen Fund. Er überlegt sich nun, einen Herdenschutzhund anzuschaffen.

Unmittelbar nach dem Vorfall nahm der Halter seine Schafe im Stall zusammen. Einige wiesen Wunden auf, die Pflege benötigten, auf der anderen Seite haben Muttertiere alle ihre Jungen verloren und müssen nun abgemolken werden. «Wir gehen ausserplanmässig bereits am Samstag (heute; Anm. d. Red.) mit den Tieren auf die Alp», sagte Beat Würsch, selber ebenfalls Schafbesitzer. Zusammen mit den verbliebenen Tieren des betroffenen Halters werden es total rund 520 Schafe sein. «Dort werden zwei Hunde für den Schutz sorgen.»

Viele Wölfe «nur auf Durchreise»

Auch für den Urner Jagdverwalter Josef Walker und die Verantwortlichen der Schweizer Raubtierforschungsstelle Kora (siehe auch Box), welche die vier Fotos von der Isleten analysiert haben, ist es sehr realistisch, dass es sich beim gesichteten Tier um einen Wolf handelt. «In den vergangenen Jahren sind immer wieder Wölfe in der Zentralschweiz aufgetaucht», sagt Kristina Vogt, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Kora. Letztmals wurde in Nuolen SZ ein Wolf nachgewiesen. Er riss im Juni 2014 mehrere Tiere. Es handelte sich dabei um einen Wolf, der aus dem Kanton Graubünden eingewandert war. Das Tier wurde später in Schlieren ZH von einem Zug erfasst und getötet. Auch am Oberalppass und im Urner Etzlital hat ein Wolf im September 2013 insgesamt 24 Schafe gerissen. Und im April 2014 tötete ein Raubtier oberhalb von Sarnen zwei Schafe. Zudem wurde im Frühjahr 2014 bei der Etzlihütte oberhalb von Bristen mutmasslich ein Wolf fotografiert. Experten gehen davon aus, dass in der Schweiz inzwischen rund 30 Wölfe leben. «Viele sind aber nur auf der ‹Durchreise›», sagt Kristine Vogt. Sie stammen meist aus Italien, Frankreich oder aus dem Kanton Graubünden. Oft seien die Tiere alleine unterwegs – so wie vermutlich auch der an der Isleten gesichtete Wolf. «Ein Rudel wäre wohl schon früher aufgefallen», so Vogt.

Mit Gummischrot verjagen

Das einzige Schweizer Rudel lebt im Calandagebiet in Graubünden. Hannes Jenny vom Amt für Jagd und Fischerei Graubünden hatte schon öfters mit den Raubtieren zu tun. «Dass Wölfe bis in die Siedlungsräume vorstossen und auch Strassen queren, ist nichts Aussergewöhnliches», sagt Jenny. «Unsere Wölfe sind in einer Kulturlandschaft gross geworden. Denn in Mitteleuropa gibt es keine Wildnis mehr.» Deshalb hätten sich auch die Wölfe längst an die Zivilisation gewöhnt. Und darum habe sich wohl auch der Wolf in Uri vom herannahenden Auto nicht sonderlich gestresst gefühlt.

Wichtig sei aber, dass Wölfe nicht alle Scheu vor Menschen verlieren würden. «Deshalb darf man die Wölfe auf gar keinen Fall füttern», so Jenny. Wenn aber ein Wolf allzu frech werde und sich öfters in Siedlungen aufhalte, müsse man ihn allenfalls mit Gummischrot in die Schranken weisen. Hannes Jenny: «Solche Vergrämungsaktionen mussten wir im Kanton Graubünden bis jetzt aber noch nie durchführen.»

Bund zahlt für Risse

red. Gemäss der Fachstelle für koordinierte Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere (Kora) ist der Wolf eigentlich «ein scheues Tier, und Angriffe auf Menschen sind extrem selten. Konflikte ergeben sich jedoch aus Übergriffen auf Nutztiere.» Das «Konzept Wolf Schweiz» regelt Wolfrisse von Nutztieren, sie werden von Bund und Kantonen vergütet. Reisst ein Wolf 35 Schafe in 4 Monaten oder 25 Schafe in einem Monat, so kann eine interkantonale Kommission gemäss Kora eine Abschussbewilligung erteilen.

Infos: www.kora.ch

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