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NIDWALDEN: Vor 200 Jahren fand die letzte Hinrichtung statt

In keinem Kanton der Schweiz liegt die letzte Todesstrafe so lange zurück wie in Nidwalden. Dazu führten eine Reihe missglückter Hinrichtungen und zwei kluge Strafverteidiger, die an die Menschlichkeit appellierten.
Franziska Herger
Hier stand jahrhundertelang ein Galgen: die Richtstätte Chalenbergli mit der Galgenkapelle in Stans. (Bild: PD/Peter Steiner)

Hier stand jahrhundertelang ein Galgen: die Richtstätte Chalenbergli mit der Galgenkapelle in Stans. (Bild: PD/Peter Steiner)

Franziska Herger

franziska.herger@nidwaldnerzeitung.ch

Wer heute nach Stans hineinfährt, sieht als Erstes Ampeln. In vergangenen Jahrhunderten hätte es ein sachte im Wind wehender Gehängter sein können, der auf dem Weg von Stansstad her daran mahnte, wie in Nidwalden mit Kriminellen umgegangen wurde. Noch heute gibt es die runde Richtstätte Chalenbergli in Fronhofen, wo jahrhundertelang ein Galgen stand. «Auch die Köpfe der gnädig Enthaupteten wurden zur Abschreckung manchmal auf dem Galgen präsentiert», sagt Historiker Daniel Krämer, der an der Herbstversammlung des Historischen Vereins Nidwalden über das Ende der Todesstrafe im Kanton berichten wird.

Der Letzte, der vor 200 Jahren seinen Kopf auf den Richtblock legte, wäre beinahe vergessen gegangen. Franz Josef Käslin, Dieb und Wiederholungstäter aus Emmetten, wurde am 29. April 1817 hingerichtet, als in Nidwalden gerade alle damit beschäftigt waren, nicht zu verhungern. 1815 war auf Java der Vulkan Tambora ausgebrochen, was in Europa zu einem «Jahr ohne Sommer» und schweren Missernten führte. «Die Leute essen Gras auf der Weide wie Vieh», schrieb der Stanser Kunstmaler Martin Obersteg im Juni 1817 in sein Tagebuch. Hatten frühere Hinrichtungen oft einen Viertel der 8000 Einwohner Nidwaldens nach Fronhofen gezogen, berührte Käslin, der wiederholt Lebensmittel gestohlen hatte, die Leute kaum noch. Bis vor wenigen Jahren glaubte man daher, Kaspar Zimmermann sei im September 1816 als letzter Nidwaldner hingerichtet worden.

Alois Niederberger starb erst nach dem dritten Schlag

Der Tod des noch sehr jungen Zimmermann, ebenfalls wegen mehrfachen Diebstahls angeklagt, beschäftigte die Nidwaldner. Er weigerte sich, die letzte Beichte abzulegen. «Erst als der Scharfrichter mit dem Schwert drohte, lenkte er ein», erzählt Krämer. Die Zuschauer weinten und beteten um sein Seelenheil. «Nach der Überlieferung rauschte es wie im Wald, als alle beim Todesschlag ihre Köpfe senkten», sagt Krämer. «Wenn die Not nicht so gross gewesen wäre, hätte man Zimmermann vielleicht leben lassen.» Doch in der Hungerkrise wurden Diebstähle mit aller Härte verfolgt.

Auch die beiden vor Zimmermann Geköpften waren Diebe – und auch ihre Hinrichtungen liefen nicht nach Plan. Josef Christen aus Wolfenschiessen fiel im Herbst 1815 auf dem Weg vom Kerker im Stanser Rathaus nach Fronhofen mehrmals in Ohnmacht. Und Alois Niederberger aus Büren starb am 16. März 1815 erst nach dem dritten Schwertschlag. «Zwei Geistliche sprangen dazu, ihre Habite waren mit Blut verschmiert», schrieb Kunstmaler Obersteg.

Diese Reihe missglückter Hinrichtungen hätte bei den Nidwaldnern das Bewusstsein für die Grausamkeit der Todesstrafe geweckt, meint Krämer. «Nach Käslin wurde sie jahrzehntelang nie mehr ernsthaft in Betracht gezogen.» Bis 1856, als die Buochser Geschwister Katharina und Remigi Bali in aller Öffentlichkeit stritten und sich gegenseitig beschuldigten, ihren Neffen getötet zu haben. Die Leiche des fünfjährigen «Migeli» Bali hatte man acht Jahre zuvor in einem Bachbett gefunden und vermutet, er sei ertrunken. Doch nun wurden die Geschwister verhaftet und gestanden alles. Sie hatten ihren Neffen eingesperrt, erstickt und schliesslich in den Bach geworfen, weil sie glaubten, er mache ihnen eine Erbschaft streitig.

Ein Kindsmord aus Habgier gab keine Todesstrafe

Mord: eigentlich ein klarer Fall für die Todesstrafe. Doch die Verteidiger Karl von Deschwanden und der spätere Nationalrat Melchior Joller, beide liberale Vordenker in Nidwalden, appellierten in ihren Plädoyers an die Menschlichkeit. Und schoben dem jeweils anderen Geschwister die Verantwortung zu, sodass am Ende nicht klar war, wer was getan hatte, um Migeli zu töten. Die Mehrheit des Landrats stimmte trotzdem für ihre Hinrichtung. «Doch die für die Todesstrafe nötige Dreiviertelmehrheit wurde nicht erreicht», so Krämer. Katharina Bali wurde schliesslich zu lebenslangem Zuchthaus und 30 Jahren Kettenstrafe verurteilt, Remigi zu 30 Jahren Zuchthaus und 20 Jahren Kettenstrafe.

«Nach diesem Urteil wusste man in Nidwalden nicht, für was man denn die Todesstrafe aussprechen solle, wenn nicht für einen Kindesmord aus Habgier», sagt Historiker Krämer. So wurde Nidwalden zu dem Schweizer Kanton, in dem die letzte Hinrichtung am längsten zurückliegt.

Hinweis

Herbstversammlung des Historischen Vereins Nidwalden: Montag, 20. November, um 19.30 Uhr in der Aula Kollegi Stans.

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